Vom Schamanismus zur Transjektiven Onto-Epistemologie
Die Menschheitsgeschichte ist eine Reise des kollektiven Bewusstseins, die sich über Jahrtausende hinweg durch verschiedene Weltbilder entfaltet hat. Jede Ära formte ein neues Verständnis von Realität und Bewusstsein, geprägt durch kulturelle, wissenschaftliche und spirituelle Entwicklungen. Diese Reise führt uns schließlich in die Metamoderne, ein komplexes, relationales Weltbild, das nicht nur die Fehler der Moderne und Postmoderne erkennt, sondern auch Lösungen für die größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bieten kann. Um dieses Weltbild zu verstehen, ist es hilfreich, die evolutionäre Entwicklung der kollektiven Weltanschauungen nachzuvollziehen.
1. Der Schamanistische Monismus: Der Beginn des kollektiven Bewusstseins
Der schamanistische Monismus, eines der frühesten Weltbilder der Menschheit, wurzelt in einer ganzheitlichen Sicht auf die Welt. In den schamanistischen Kulturen, die vor tausenden von Jahren entstanden, existierte keine Trennung zwischen der materiellen und spirituellen Welt. Alles war eins – die Natur, Tiere, Menschen und Geister – und das Bewusstsein des Einzelnen war tief in diese kosmische Einheit eingebettet.
Dieses Weltbild ermöglichte es frühen Gemeinschaften, in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben, aber es war in seiner Ursprünglichkeit stark von übernatürlichen Vorstellungen geprägt. Mit der zunehmenden Komplexität der menschlichen Gesellschaft und den Fortschritten in der Philosophie und Wissenschaft wurde die Einheit von Geist und Materie infrage gestellt.
2. Der Descartesche Dualismus: Die Trennung von Geist und Materie
Der Dualismus, wie er von René Descartes im 17. Jahrhundert formuliert wurde, war ein bedeutender Wendepunkt in der Philosophie. Descartes teilte die Realität in zwei Substanzen: die physische Materie und den Geist. Diese Trennung legte den Grundstein für die moderne Wissenschaft, indem sie eine klare Differenzierung zwischen dem beobachtenden Subjekt und der objektiven, messbaren Welt ermöglichte.
Doch diese Trennung führte auch zu einem mechanistischen Verständnis des Universums, in dem das Bewusstsein von der materiellen Welt isoliert betrachtet wurde. Der Dualismus schuf das Fundament für die aufkommenden Naturwissenschaften, stellte aber auch die Frage, wie Geist und Materie miteinander interagieren.
3. Der Physikalische Monismus: Die Herrschaft der Materie
Mit dem Fortschritt der Wissenschaften im 19. Jahrhundert entwickelte sich der physikalische Monismus, der nur die physische Welt als real ansah. Alles, einschließlich des Bewusstseins, wurde als eine Funktion physikalischer Prozesse verstanden. Der Erfolg der Newton’schen Physik, der Biologie und später der Chemie führte dazu, dass der Mensch zunehmend als Maschine betrachtet wurde, deren Handlungen durch Naturgesetze vorherbestimmt sind.
Dieser materialistische Ansatz ermöglichte enorme technologische Fortschritte, aber er führte auch zu einer Entfremdung des Menschen von seiner subjektiven Erfahrung und den komplexen kulturellen und symbolischen Dimensionen des Lebens.
4. Der Strukturalismus: Das Verborgene in der Kultur
Als Reaktion auf die Einschränkungen des physikalischen Monismus begannen Denker des 20. Jahrhunderts wie Ferdinand de Saussure und Claude Lévi-Strauss, sich auf die kulturellen und symbolischen Strukturen zu konzentrieren, die das menschliche Denken formen. Der Strukturalismus betonte, dass das menschliche Bewusstsein durch Sprache, kulturelle Normen und soziale Strukturen geprägt wird, die nicht unmittelbar sichtbar sind.
Dieser Ansatz erweiterte das Verständnis von Bewusstsein über rein physikalische Prozesse hinaus und ermöglichte es, die tiefen Strukturen von Gesellschaft und Kultur zu analysieren. Doch diese strukturelle Sichtweise wurde bald selbst hinterfragt.
5. Der Poststrukturalismus: Das Ende der festen Bedeutungen
Poststrukturalistische Denker wie Michel Foucault und Jacques Derrida zeigten in den 1960er und 1970er Jahren, dass die Strukturen, die der Strukturalismus aufdeckte, keineswegs stabil und universal sind. Vielmehr seien sie historisch bedingt und durch Machtverhältnisse geformt. Der Poststrukturalismus betonte die Instabilität von Bedeutungen und die Relativität von Wahrheiten.
Diese Dekonstruktion jeglicher stabilen Bedeutungssysteme führte zu einer tiefen Skepsis gegenüber universellen Wahrheiten, was das moderne Wissen stark relativierte. Der nächste Schritt war eine Epistemologie, die anerkennt, dass Wissen nicht entdeckt, sondern konstruiert wird.
6. Konstruktivistische Epistemologie: Wissen als Konstruktion
Im Konstruktivismus, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung gewann, wird Wissen nicht als etwas Objektives, sondern als ein Produkt der Wahrnehmung und Interpretation gesehen. Jean Piaget und Ernst von Glasersfeld argumentierten, dass Menschen aktiv ihre Realität konstruieren, anstatt sie passiv zu entdecken.
Dieser Ansatz führte zu einem radikalen Subjektivismus, in dem alle Perspektiven relativiert wurden. Doch diese extreme Relativität führte in der Postmoderne zu einer existenziellen Krise, dem postmodernen Nihilismus.
7. Postmoderner Nihilismus: Die Krise des Sinns
Der postmoderne Nihilismus stellte fest, dass es keine objektiven Wahrheiten oder festen Werte gibt. Alles ist relativ, jede Wahrheit ist nur eine soziale Konstruktion, und es gibt keine universellen moralischen oder metaphysischen Prinzipien. Dies führte zu einer tiefen Krise des Sinns und der Orientierung, da die Menschheit nach Antworten suchte, die über den Relativismus hinausgehen.
8. Transjektive Onto-Epistemologie: Eine neue Synthese
Die transjektive Onto-Epistemologie, die in jüngerer Zeit von Philosophen wie John Vervaeke entwickelt wurde, versucht, die Trennung zwischen Subjekt und Objekt zu überwinden. Sie erkennt an, dass Wissen und Sein (Epistemologie und Ontologie) in einem dynamischen, wechselseitigen Prozess miteinander verbunden sind. Es gibt keine reine Subjektivität und keine reine Objektivität – beide existieren in einem transjektiven Raum, der sich in der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt entfaltet.
Diese Sichtweise erkennt die Komplexität der Wirklichkeit an, ohne in Nihilismus oder absoluten Relativismus zu verfallen. Sie betont die Verflochtenheit von Wissen, Realität und Bewusstsein und legt damit den Grundstein für ein neues kollektives Weltbild.
Die Grundlage der Metamoderne: Transjektive Onto-Epistemologie als Antwort auf die Krise
Das Weltbild der Metamoderne, wie es von Hanz Freinacht beschrieben wird, baut auf dieser transjektiven Onto-Epistemologie auf. Die Metamoderne versucht, die positiven Errungenschaften der Moderne (Rationalität, Wissenschaft) mit den Einsichten der Postmoderne (Relativität von Wissen und Macht) zu verbinden und dabei eine neue Synthese zu schaffen, die die komplexe Realität des 21. Jahrhunderts besser widerspiegelt. Dieses Weltbild ermöglicht es, sowohl die objektive Realität der Wissenschaft als auch die subjektive Realität der kulturellen Konstruktionen anzuerkennen, ohne in Dogmatismus oder Nihilismus zu verfallen.
Die transjektive Onto-Epistemologie hilft uns zu verstehen, dass wir als Menschen nicht getrennt von der Welt existieren, sondern in einem ständigen Prozess der Mitgestaltung eingebettet sind. Diese Einsicht ist entscheidend, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen – sei es die Klimakrise, das Artensterben, die Ressourcenknappheit, die globalen Wohlstandsunterschiede oder der wiedererstarkende Nationalismus.
Die Metamoderne als Schlüssel zur Bewältigung der globalen Herausforderungen
In der Metamoderne erkennen wir, dass die Lösungen für die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht in einer Rückkehr zu den einfachen Wahrheiten der Vergangenheit liegen, sondern in einer neuen, integrativen Denkweise, die Komplexität und Interdependenz anerkennt. Anstatt die Welt in binäre Gegensätze zu unterteilen, wie es im Dualismus oder in der Moderne der Fall war, müssen wir lernen, in systemischen Zusammenhängen zu denken und die Dynamik zwischen Subjekt und Objekt, Mensch und Umwelt, Wissenschaft und Kultur zu verstehen.
Die transjektive Onto-Epistemologie bietet den philosophischen Rahmen, um diese Herausforderungen ganzheitlich anzugehen, und die Metamoderne liefert die praktischen Ansätze, um Lösungen zu entwickeln, die über den bloßen Materialismus oder Relativismus hinausgehen. Nur so können wir als Kollektiv die notwendigen Schritte unternehmen, um eine nachhaltige, gerechte und friedliche Zukunft für alle zu gestalten.
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