Estimated reading time: 18 Minuten
Abstract
- Eine moralische Fixierung auf Reichtum kann den Blick auf die Frage verstellen, was wir gesamtgesellschaftlich wirklich erreichen wollen.
- Der Unterschied zwischen Armut und Reichtum wird oft missverstanden; es geht darum, wie wir existenzsichernd für alle sorgen können, nicht nur um Vermögensobergrenzen.
- Ein Bedingungsloses Grundeinkommen könnte als ökonomische Null-Linie fungieren, die materielle Sicherheit für alle Menschen garantiert.
- Ein Grundeinkommen würde Freiheit schaffen und die Abhängigkeit von einem Arbeitsmarkt reduzieren, sodass Menschen bessere Lebensentscheidungen treffen können.
- Die gesellschaftliche Zielsetzung sollte nicht lauten, niemand darf zu viel haben, sondern, niemand darf zu wenig haben.
Warum wir Armut begrenzen sollten statt Reichtum
Es gibt eine erstaunlich populäre Vorstellung davon, was einen schlechten Menschen ausmacht: Er besitzt zu viel Geld.
Besonders deutlich wird das in der gegenwärtigen Debatte über Milliardäre. Wer eine Milliarde besitzt, so lautet das Argument häufig, könne dieses Vermögen niemals für ein gutes Leben benötigen. Hundert Millionen würden schließlich vollkommen ausreichen. Wer danach immer noch weitermacht, Unternehmen gründet, investiert, expandiert und sein Vermögen vermehrt, müsse deshalb von Gier getrieben sein. Milliardäre seien, wie es eine Influencerin kürzlich sehr direkt formulierte, schlicht „Scheiß Menschen“.
Das klingt zunächst plausibel, solange man eine bestimmte Annahme teilt: Menschen arbeiten hauptsächlich deshalb, weil sie Geld brauchen. Aber stimmt das überhaupt? Wenn das der Fall wäre, müssten erfolgreiche Unternehmer irgendwann aufhören. Dasselbe müsste für erfolgreiche Künstler, Musiker, Wissenschaftler oder Schriftsteller gelten. Wer genügend verdient hat, könnte sich schließlich zurücklehnen. Tatsächlich beobachten wir häufig das Gegenteil. Menschen arbeiten weiter, obwohl sie längst nicht mehr arbeiten müssten. Sie gründen weitere Unternehmen, schreiben weitere Bücher, produzieren weitere Filme oder verfolgen wissenschaftliche Probleme, deren Lösung ihnen persönlich keinen materiellen Vorteil mehr verschafft.
Menschen werden eben nicht ausschließlich durch Existenzsicherung motiviert. Sie wollen gestalten, entdecken, gewinnen, Anerkennung erfahren, etwas hinterlassen oder schlicht herausfinden, ob eine Idee funktioniert. Allerdings kann Existenzangst, wenn sie das Leben dominiert, wie Scheuklappen wirken und den Blick auf diese anderen Motive verstellen. Wer jeden Monat darum kämpfen muss, Miete, Strom und Lebensmittel bezahlen zu können, erlebt Arbeit zwangsläufig anders als jemand, dessen Existenz längst gesichert ist.
Natürlich gibt es Gier, skrupellose Unternehmer und Menschen, denen keine Summe groß genug ist. Aber aus der Höhe eines Vermögens lässt sich der Charakter seines Besitzers ebenso wenig ablesen wie aus der Höhe eines Einkommens. Genau hier beginnt das eigentlich interessante Problem, denn die moralische Fixierung auf den Reichtum einzelner Menschen verstellt leicht den Blick auf eine wesentlich grundlegendere Frage: Was wollen wir gesellschaftlich eigentlich erreichen?
Reichtum und Armut sind zwei verschiedene Fragen
In politischen Diskussionen werden Armut und Reichtum häufig behandelt, als wären sie zwei Enden desselben Reglers. Wenn einige sehr viel besitzen, müssten andere zwangsläufig wenig besitzen. Folglich erscheint es naheliegend, gesellschaftliche Ungleichheit dadurch zu bekämpfen, dass man das obere Ende begrenzt.
Doch damit werden zwei unterschiedliche Fragen miteinander verwechselt. Die erste lautet: Wie verhindern wir, dass Menschen zu wenig besitzen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können? Die zweite lautet: Wie viel darf ein einzelner Mensch maximal besitzen? Auf die erste Frage brauchen wir dringend eine Antwort. Warum wir auf die zweite überhaupt eine allgemeingültige Antwort benötigen, ist wesentlich weniger offensichtlich.
Stellen wir uns zwei Gesellschaften vor. In der ersten besitzt der ärmste Bürger 1.000 Euro und der reichste 10.000 Euro. In der zweiten besitzt der ärmste Bürger 10.000 Euro und der reichste eine Million. Die erste Gesellschaft ist erheblich gleicher. Aber ist sie deshalb die bessere?
Der entscheidende Denkfehler in dieser Art von Vergleich liegt in der stillschweigenden Annahme, Wohlstand sei eine feste Größe, die lediglich verteilt werden müsse. In dieser Sichtweise ist Wirtschaft ein Nullsummenspiel: Was der eine mehr hat, muss der andere zwangsläufig weniger haben. Tatsächlich ist das in modernen Volkswirtschaften jedoch nur sehr eingeschränkt der Fall. Wohlstand entsteht nicht nur durch Umverteilung, sondern vor allem durch Produktion, Innovation und Investition. Größere Vermögen können dabei eine wichtige Rolle spielen, weil sie Kapital bereitstellen, das in Unternehmen, Technologien und Infrastruktur fließt. Solche Investitionen können nicht nur Renditen für Investoren erzeugen, sondern zugleich Produktivität, Beschäftigung und gesamtgesellschaftliche Wertschöpfung erhöhen.
Das bedeutet nicht, dass jede Vermögenskonzentration automatisch produktiv wäre. Vermögen kann ebenso in Spekulation, Rent-Seeking, Marktabschottung oder politische Einflussnahme fließen. Entscheidend ist deshalb nicht allein die Höhe eines Vermögens, sondern was mit ihm geschieht und unter welchen institutionellen Bedingungen es eingesetzt wird.
Wenn Menschen in der zweiten Gesellschaft Zugang zu guter Bildung, medizinischer Versorgung, Wohnraum, kultureller Teilhabe und materieller Sicherheit besitzen, wäre es jedenfalls merkwürdig, ihren Zustand allein deshalb als schlechter zu betrachten, weil einige andere Menschen wesentlich reicher sind. Gleichheit und Wohlstand sind nicht dasselbe, und Gleichheit und Gerechtigkeit ebenfalls nicht. Eine humane Gesellschaft sollte deshalb nicht zuerst fragen, wie hoch ihre ökonomische Decke sein darf. Sie sollte definieren, unter welchen Boden niemand fallen darf.
Wenn Reichtum zu Macht wird
Das bedeutet keineswegs, dass extreme Vermögenskonzentration grundsätzlich unproblematisch wäre. Sie wird insbesondere dort problematisch, wo Vermögen in politische Herrschaft übersetzt werden kann. Wenn einzelne Personen Medienlandschaften kontrollieren, politische Entscheidungen kaufen, Monopole errichten, Konkurrenz verhindern oder durch Lobbyismus Regeln zu ihren Gunsten schreiben lassen können, entsteht ein demokratisches Problem.
Aber dann sollten wir dieses Problem auch korrekt benennen: Es ist ein Machtproblem. Die Antwort darauf besteht nicht zwangsläufig darin, festzulegen, wie reich ein Mensch sein darf. Sie besteht darin, Institutionen so zu gestalten, dass Vermögen keine unbegrenzte politische Macht kaufen kann. Monopole kann man regulieren, Korruption bekämpfen, Parteienfinanzierung begrenzen, Märkte durch Wettbewerbsrecht offenhalten und Steuerflucht erschweren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie wir verhindern können, dass Menschen überhaupt wirtschaftliche Macht entwickeln. Jede komplexe Gesellschaft erzeugt unterschiedliche Formen von Macht: politische, ökonomische, mediale, kulturelle und technologische. Entscheidend ist vielmehr, wie wir verhindern, dass Macht unkontrollierbar wird und sich selbst dauerhaft gegen demokratische Korrektur absichert.
Das ist ein erheblicher Unterschied. Denn wer Machtprobleme ausschließlich als Vermögensprobleme beschreibt, läuft Gefahr, am eigentlichen Mechanismus vorbeizuregulieren.
Der merkwürdige moralische Status der Erwerbsarbeit
Am unteren Ende unserer Gesellschaft existiert zugleich eine ganz andere Form von Macht. Sie fällt uns nur weniger auf, weil wir uns so sehr an sie gewöhnt haben. Fast jeder Mensch benötigt ein regelmäßiges Einkommen, um wohnen, essen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Für die meisten Menschen bedeutet das, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen müssen.
Das erscheint uns selbstverständlich, doch philosophisch betrachtet steckt darin eine bemerkenswerte Einschränkung von Freiheit. Wir erklären Menschen zu freien Bürgern. Sie dürfen ihre Religion wählen, ihre politische Meinung äußern, ihren Wohnort wechseln und ihren Lebensentwurf gestalten. Ihre materielle Existenz bleibt jedoch daran gekoppelt, dass sie entweder selbst über Vermögen verfügen oder auf dem Arbeitsmarkt eine wirtschaftlich verwertbare Tätigkeit finden.
Natürlich gibt es Sozialleistungen. Doch diese setzen in der Regel Bedürftigkeit voraus. Menschen müssen nachweisen, dass sie Hilfe benötigen. Einkommen und Vermögen werden geprüft, Ansprüche berechnet und Leistungen gegebenenfalls wieder reduziert, sobald sich die wirtschaftliche Situation verbessert. Sozialpolitik schützt dadurch zwar vor dem völligen Absturz, ändert aber wenig an der tieferliegenden Grundannahme unserer Gesellschaft: Die materielle Existenz muss grundsätzlich verdient werden.
Genau diese Annahme wird durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen infrage gestellt.
Das Grundeinkommen als ökonomische Null-Linie
Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wird häufig als Sozialleistung verstanden. Vielleicht ist das bereits der falsche Blickwinkel. Man könnte es stattdessen als ökonomische Null-Linie einer freien Gesellschaft verstehen: als materielle Grundlage, die jedem Menschen allein aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Gesellschaft zur Verfügung steht.
Jeder Mensch erhält damit eine Basis, die seine grundlegende Existenz sichert – unabhängig davon, ob er gerade arbeitet, studiert, Kinder erzieht, Angehörige pflegt, ein Unternehmen gründet, Kunst produziert oder eine Phase seines Lebens zur Neuorientierung benötigt. Alles darüber hinaus kann weiterhin erwirtschaftet werden. Wer mehr leisten, mehr verdienen, investieren, ein Unternehmen aufbauen oder Vermögen schaffen möchte, kann das weiterhin tun.
Das BGE begrenzt also nicht den Wohlstand nach oben. Es begrenzt die materielle Unsicherheit nach unten. Seine zentrale Wirkung wäre deshalb auch nicht Gleichheit, sondern Freiheit.
Das unterscheidet diesen Ansatz fundamental von der Vorstellung, Gerechtigkeit müsse vor allem dadurch hergestellt werden, dass man das obere Ende der Vermögensverteilung beschneidet. Statt einigen Menschen Möglichkeiten zu nehmen, um Unterschiede zu verringern, würde man allen Menschen eine zusätzliche Möglichkeit geben: die Sicherheit, dass ihre materielle Existenz nicht vollständig davon abhängt, ob ihre Arbeitskraft gerade am Markt nachgefragt wird.
Aber wer soll das bezahlen?
An diesem Punkt folgt fast zwangsläufig die Frage nach der Finanzierung. Sie ist berechtigt, sollte aber nicht mit der grundsätzlichen Frage verwechselt werden, ob ein Grundeinkommen gesellschaftlich sinnvoll wäre. Für seine Finanzierung existieren mittlerweile sehr unterschiedliche Modelle, die jeweils andere Wirkungen auf Steuern, Sozialversicherung, Konsum und Einkommensverteilung hätten.
Eine Möglichkeit besteht etwa darin, Grundeinkommen und Einkommensteuer zu einem System der negativen Einkommensteuer zu verbinden. Unterhalb einer bestimmten Einkommenshöhe würde der Staat keine Einkommensteuer einziehen, sondern einen Betrag auszahlen; mit wachsendem eigenem Einkommen würde diese Auszahlung schrittweise verrechnet, bis schließlich reguläre Einkommensteuer anfällt. Grundeinkommen und Besteuerung wären damit zwei Seiten desselben Systems.
Einen anderen Ansatz vertrat der dm-Gründer Götz Werner. Seine Überlegungen zielten darauf, die Finanzierung des Gemeinwesens stärker vom Einkommen auf den Konsum zu verlagern und dafür Verbrauchssteuern erheblich auszubauen. Das Grundeinkommen könnte in einem solchen Modell zugleich als eine Art persönlicher steuerfreier Grundbetrag wirken: Jeder zahlt beim Konsum dieselben Steuersätze, erhält aber durch das Grundeinkommen jenen Anteil zurück, der den grundlegenden Lebensbedarf absichert. Wer viel konsumiert, trägt entsprechend wesentlich mehr zum Steueraufkommen bei als jemand, der nur seinen Grundbedarf deckt.
Daneben existieren zahlreiche weitere Vorschläge: Kombinationen aus Einkommen-, Konsum-, Vermögens- oder Ressourcensteuern, Abgaben auf automatisierte Wertschöpfung, die Zusammenführung bestehender Transferleistungen oder Mischmodelle aus mehreren dieser Instrumente. Welches Modell volkswirtschaftlich am sinnvollsten wäre, ist eine eigene Debatte und soll hier nicht entschieden werden.
Entscheidend ist an dieser Stelle nur eines: Die Frage „Wer soll das bezahlen?“ widerlegt das Konzept eines Grundeinkommens nicht. Sie eröffnet eine Diskussion über seine konkrete Ausgestaltung. Ein Grundeinkommen ist zunächst eine Entscheidung darüber, wie Einkommen und Existenzsicherung gesellschaftlich organisiert werden sollen; die Finanzierungsfrage entscheidet darüber, welches konkrete Modell daraus wird.
Die Freiheit, Nein zu sagen
Die vielleicht tiefgreifendste Wirkung eines Grundeinkommens zeigt sich dort, wo Freiheit praktisch wird. Freiheit besteht schließlich nicht nur darin, theoretisch zwischen mehreren Möglichkeiten wählen zu dürfen. Sie setzt auch voraus, eine Möglichkeit ablehnen zu können, ohne dadurch die eigene Existenz zu gefährden.
Ein Arbeitnehmer, der seinen Arbeitsplatz nicht verlassen kann, weil wenige Wochen ohne Einkommen seine Existenz bedrohen würden, besitzt formal die Freiheit zu kündigen. Materiell besitzt er sie nur sehr eingeschränkt. Mit einem existenzsichernden Grundeinkommen verändert sich dieses Verhältnis. Ein Mensch könnte schlechte Arbeitsbedingungen, unzureichende Bezahlung oder eine Tätigkeit, die er für gesellschaftlich schädlich hält, ablehnen. Er könnte sich neu orientieren, eine Ausbildung beginnen, ein eigenes Projekt versuchen oder schlicht nach einer Arbeit suchen, die besser zu seinen Fähigkeiten und Überzeugungen passt.
Damit müsste ein Arbeitgeber nicht mehr nur eine Stelle anbieten und darauf vertrauen können, dass sich jemand findet, der aus materieller Not gezwungen ist, sie anzunehmen. Er müsste Menschen stärker davon überzeugen, ihre Lebenszeit für diese Tätigkeit einzusetzen. Schlechte, unangenehme oder gefährliche Arbeiten würden dadurch nicht automatisch verschwinden. Aber wenn sie weiterhin erledigt werden müssen, müssten sie möglicherweise besser bezahlt, technisch verbessert oder stärker automatisiert werden.
Das könnte das Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit fundamentaler verändern als manche klassische Umverteilung. Denn ein Grundeinkommen nimmt dem Kapital nicht in erster Linie Macht weg. Es gibt dem Einzelnen Macht zurück.
Die Freiheit, ein altes System zu verlassen
Damit bekommt das Grundeinkommen auch für die ökologische Transformation eine Bedeutung, die in der Klimadebatte erstaunlich selten berücksichtigt wird. Häufig wird die Macht fossiler Industrien beschrieben, als bestünde sie ausschließlich aus Geld, Lobbyisten und politischen Netzwerken. Das ist zweifellos ein wichtiger Teil ihrer Macht, aber eben nur ein Teil.
Ein anderer Teil besteht darin, dass Millionen Menschen wirtschaftlich von bestehenden Strukturen abhängig sind. Ein Kohlearbeiter kann vollkommen davon überzeugt sein, dass Kohle langfristig keine Zukunft besitzt und trotzdem gegen einen schnellen Kohleausstieg kämpfen, weil seine Familie von seinem Einkommen lebt. Eine Angestellte eines Automobilzulieferers kann die Verkehrswende grundsätzlich begrüßen und gleichzeitig Angst davor haben, dass gerade ihr Arbeitsplatz dieser Transformation zum Opfer fällt. Der Mitarbeiter eines Chemiekonzerns kann für Klimaschutz sein und dennoch gegen Maßnahmen protestieren, von denen er befürchtet, dass sie seinen Betrieb unrentabel machen.
Das ist kein moralisches Versagen und auch kein Beweis dafür, dass diese Menschen die Notwendigkeit ökologischer Transformation nicht verstanden hätten. Es ist rationales Verhalten unter ökonomischem Zwang. Wir verlangen von Menschen, gesellschaftliche Transformationen zu unterstützen, deren persönliche Kosten für sie existenziell sein können, und wundern uns anschließend über ihren Widerstand.
Ein Grundeinkommen würde diesen Konflikt nicht vollständig beseitigen. Wer einen gut bezahlten Arbeitsplatz verliert, verliert auch mit einem BGE Einkommen, soziale Beziehungen und möglicherweise einen wichtigen Teil seiner Identität. Aber der Verlust würde nicht mehr unmittelbar die materielle Existenz bedrohen. Dadurch entstünde etwas, das man als ökonomische Verweigerungsfreiheit bezeichnen könnte: die reale Möglichkeit, seine Arbeitskraft einem überholten oder als schädlich empfundenen System zu verweigern, ohne dadurch ins gesellschaftliche Bodenlose zu fallen.
Gerade darin könnte eine unterschätzte Voraussetzung erfolgreicher Transformation liegen. Wer eine Gesellschaft verändern will, muss den Menschen auch ermöglichen, die alte Gesellschaft loszulassen.
Wer die Welt verändern will, muss Macht anders verteilen
Damit erscheint auch eine verbreitete Beschreibung der Klimakrise in einem anderen Licht. Man hört häufig, diejenigen, die Veränderung wollten, besäßen keine Macht, während diejenigen, die Macht besäßen, keine Veränderung wollten. Diese Gegenüberstellung klingt überzeugend, weil sie einen realen Konflikt beschreibt. Als allgemeine Erklärung gesellschaftlicher Blockaden ist sie jedoch zu einfach.
„Die Mächtigen“ sind keine homogene Gruppe. Ein Milliardär kann Milliarden mit fossilen Geschäftsmodellen verdienen, während ein anderer Milliarden in Solarenergie, Speichertechnik, Kernfusion, synthetische Kraftstoffe oder CO₂-Entnahme investiert. Ein Politiker ohne nennenswertes Privatvermögen kann eine Energiewende beschleunigen oder jahrzehntelang blockieren. Gewerkschaften können ökologische Transformation unterstützen oder verhindern, Verbraucher neue Technologien annehmen oder ablehnen und Arbeitnehmer Veränderungen begrüßen und gleichzeitig aus berechtigter Existenzangst gegen genau jene politischen Maßnahmen kämpfen, die diese Veränderungen herbeiführen sollen.
Gesellschaftliche Macht ist deshalb kein einfacher Gegensatz zwischen „den Reichen“ und „uns anderen“. Sie ist ein Netzwerk aus Kapital, Institutionen, Gesetzen, Arbeitsverhältnissen, Abhängigkeiten, Technologien und individuellen Entscheidungen. Wer dieses Netzwerk verändern will, muss deshalb mehr tun, als einen Schuldigen zu identifizieren. Er muss die Struktur verändern.
Und genau an diesem Punkt zeigt sich eine weitere Perspektive auf das Grundeinkommen. Man kann gesellschaftliche Macht gerechter verteilen, indem man versucht, den Mächtigen möglichst viel davon wegzunehmen. Man kann aber auch danach fragen, wie man die Abhängigkeit der weniger Mächtigen reduziert. Das BGE folgt vor allem dem zweiten Prinzip.
Die entscheidende Frage ist dann nicht mehr nur, wie wir den Reichen ihre Macht nehmen, sondern wie wir allen anderen mehr Macht über ihr eigenes Leben geben.
Kapital ist nicht der Gegner
Das gilt auch für die Vorstellung, Kapital selbst sei das Hindernis einer nachhaltigen Transformation. Tatsächlich wird die ökologische Transformation der Industriegesellschaft enorme Mengen Kapital benötigen. Stromnetze müssen ausgebaut, Energiespeicher entwickelt und produziert, Kraftwerke ersetzt, Gebäude saniert, Produktionsverfahren umgestellt und völlig neue Technologien entwickelt werden. All das kostet nicht nur Geld, sondern verlangt langfristige Investitionen unter erheblicher Unsicherheit.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob Kapital existieren soll, sondern wohin es fließt. Wenn fossile Geschäftsmodelle hohe und relativ sichere Renditen versprechen, wird Kapital in fossile Geschäftsmodelle fließen. Wenn klimafreundliche Technologien bessere wirtschaftliche Perspektiven bieten, wird Kapital zunehmend dorthin fließen. Kapital besitzt keine politische Moral. Es reagiert auf Risiken, Renditen, Erwartungen und die institutionellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer diese entstehen.
Politik gestaltet deshalb nicht nur Verbote und Gebote. Sie gestaltet Anreizlandschaften. Eine intelligente Transformationspolitik versucht nicht, wirtschaftliche Dynamik abzuschaffen, sondern sie in eine Richtung zu lenken, die gesellschaftlich erwünscht ist. Dabei können große private Vermögen ebenso Teil des Problems wie Teil der Lösung sein. Entscheidend ist wiederum nicht, dass sie existieren, sondern welche Handlungen sich innerhalb des gesellschaftlichen Systems für ihre Besitzer lohnen.
Und dann kommt die künstliche Intelligenz
Das alles wäre bereits Grund genug, über ein Grundeinkommen nachzudenken. Doch durch Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz bekommt die Frage eine zusätzliche Dringlichkeit. Unsere soziale Ordnung stammt aus einer Welt, in der menschliche Arbeit ein zentraler Engpass wirtschaftlicher Produktion war. Wer produzieren wollte, brauchte Menschen, und deshalb konnte man Einkommen relativ selbstverständlich an Erwerbsarbeit koppeln.
Doch was geschieht, wenn dieser Zusammenhang schwächer wird? Wenn Maschinen immer mehr körperliche Arbeit übernehmen und künstliche Intelligenz zunehmend auch kognitive Tätigkeiten ausführen kann, könnte die Produktivität weiter steigen, während gleichzeitig weniger menschliche Arbeitszeit benötigt wird. Das muss keineswegs bedeuten, dass plötzlich „die Arbeit ausgeht“. Technologische Revolutionen haben immer auch neue Tätigkeiten hervorgebracht. Aber es bedeutet, dass die Verbindung zwischen menschlicher Arbeitszeit und gesellschaftlicher Wertschöpfung zunehmend lockerer werden könnte.
Dann entsteht ein merkwürdiges Paradox: Die Gesellschaft könnte immer reicher werden, während Menschen Schwierigkeiten bekommen, Einkommen zu erzielen – gerade weil ihre Arbeit immer weniger benötigt wird. In einer solchen Welt wäre es absurd, Menschen künstlich mit Tätigkeiten zu beschäftigen, nur damit sie einen moralisch akzeptierten Anspruch auf einen Teil des gesellschaftlichen Wohlstands erwerben.
Vielleicht müssen wir deshalb langfristig eine Vorstellung überwinden, die tief in der Industriegesellschaft verwurzelt ist: dass ein Mensch sich sein Existenzrecht wirtschaftlich verdienen muss.
Ein Grundeinkommen wäre aus dieser Perspektive nicht nur Sozialpolitik. Es wäre eine institutionelle Vorbereitung auf eine Gesellschaft, in der technischer Fortschritt den Menschen zunehmend von notwendiger Arbeit befreien könnte, ohne ihn deshalb zugleich von gesellschaftlicher Teilhabe auszuschließen.
Nicht weniger Reiche, sondern weniger Arme
Damit kehren wir zur Ausgangsfrage zurück: Was wäre eigentlich das Ziel einer gerechten Gesellschaft? Dass niemand eine Milliarde besitzt – oder dass niemand Angst haben muss, seine Wohnung zu verlieren? Dass niemand hundert Millionen erben darf – oder dass jedes Kind unabhängig vom Einkommen seiner Eltern Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe besitzt? Dass erfolgreiche Unternehmer irgendwann daran gehindert werden, weiteres Vermögen aufzubauen – oder dass jeder Mensch die materielle Freiheit besitzt, selbst etwas aufzubauen?
Natürlich müssen wir über Steuern, Machtkonzentration, Monopole, Erbschaften, politische Einflussnahme und die Finanzierung unseres Gemeinwesens sprechen. Eine Gesellschaft, die wirtschaftliche Macht vollkommen sich selbst überlässt, wird deshalb nicht automatisch frei. Aber wir sollten dabei Ziel und Mittel nicht verwechseln. Eine Gesellschaft wird nicht automatisch humaner, weil ihre Reichsten weniger besitzen. Sie wird humaner, wenn ihre Schwächsten nicht mehr existenziell schwach sein müssen.
Wir brauchen deshalb einen Perspektivwechsel, der weit über die gegenwärtige Debatte über Milliardäre hinausgeht. Die leitende Idee einer fortschrittlichen Gesellschaft müsste dann nicht lauten: Niemand darf zu viel haben. Sie könnte lauten: Niemand darf zu wenig haben. Und noch grundlegender: Nicht die Frage, wer als „Feind“ einer gerechten Ordnung gilt, sollte im Zentrum stehen, sondern wie wir eine Gesellschaft gestalten, in der möglichst viele Menschen ein eigenes Interesse daran haben, dass sie funktioniert. Eine Ordnung, in der nicht Gegnerschaft, sondern gemeinsame Motivation entsteht – und in der möglichst alle daran mitwirken können, dass sie stabil, gerecht und zukunftsfähig bleibt.
Nicht die Decke wäre damit das zentrale gesellschaftliche Projekt, sondern der Boden. Fortschritt besteht am Ende weniger darin, einigen Menschen ihre Möglichkeiten zu nehmen, als darin, allen Menschen Möglichkeiten zu geben, die ihnen heute fehlen.

Schreibe einen Kommentar