Die digitale Dividende der Menschheit

Warum wir Einkommen und Arbeit neu denken müssen

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Es gibt einen Widerspruch im Zentrum unserer modernen Gesellschaft, der lange Zeit kaum auffiel, weil seine beiden Seiten einigermaßen gut zusammenpassten. Wir entwickeln seit Jahrtausenden Werkzeuge, um menschliche Arbeit zu erleichtern. Wir bauen Maschinen, damit sie Tätigkeiten übernehmen, für die zuvor Menschen ihre Muskelkraft, ihre Zeit und zunehmend auch ihre geistigen Fähigkeiten einsetzen mussten. Jede erfolgreiche technische Innovation verspricht uns im Grunde dasselbe: Wir können mit weniger Aufwand mehr erreichen.

Gleichzeitig haben wir eine Wirtschaftsordnung geschaffen, in der die meisten Menschen gerade dadurch Zugang zu diesem wachsenden Wohlstand erhalten, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Sie arbeiten, erhalten dafür Einkommen und erwerben mit diesem Einkommen einen Teil der Güter und Dienstleistungen, die unsere immer produktivere Wirtschaft hervorbringt.

Solange Produktivität und Beschäftigung gemeinsam wuchsen, war dieser Widerspruch beherrschbar. Maschinen vernichteten Berufe, schufen jedoch zugleich neue Tätigkeitsfelder. Der Traktor verdrängte Millionen Arbeitsstunden aus der Landwirtschaft, während Industrie und Dienstleistungen neue Beschäftigungsmöglichkeiten hervorbrachten. Die mechanische Webmaschine machte bestimmte Formen handwerklicher Produktion unrentabel, während die industrielle Gesellschaft neue Berufe hervorbrachte, von denen zuvor niemand etwas gehört hatte. Computer beseitigten Schreibstuben und Rechenabteilungen und schufen gleichzeitig Softwareentwicklung, IT-Beratung, digitale Medien und ganze Industriezweige.

Deshalb gehört der Einwand, technischer Fortschritt habe bislang immer wieder neue Arbeit hervorgebracht, zu Recht in jede ernsthafte Diskussion über Automatisierung. Die Behauptung, künstliche Intelligenz werde zwangsläufig zu dauerhafter Massenarbeitslosigkeit führen, ist keine gesicherte Erkenntnis. Wir kennen die Berufe des Jahres 2050 ebenso wenig, wie ein Landarbeiter des Jahres 1850 die Tätigkeit eines App-Entwicklers, Social-Media-Managers oder Bioinformatikers hätte vorhersehen können.

Nur folgt daraus aber keineswegs, dass unsere gegenwärtige Ordnung der Einkommensverteilung unverändert bestehen kann. Denn wir müssen gar nicht annehmen, dass uns die Arbeit vollständig ausgeht. Es genügt, dass sich das Verhältnis zwischen Arbeit, Produktivität und Einkommen grundlegend verändert. Genau dieser Prozess hat längst begonnen.

Künstliche Intelligenz automatisiert nicht mehr ausschließlich jene Tätigkeiten, die wir traditionell mit Maschinen verbinden. Sie schreibt Texte, analysiert Daten, programmiert Software, übersetzt Sprachen, entwirft Bilder, erkennt Muster in medizinischen Daten und übernimmt Teile administrativer Prozesse. Robotik verbindet diese kognitive Automatisierung zunehmend mit der physischen Welt. Gleichzeitig entstehen Plattformökonomien, Solo-Selbstständigkeit, projektbezogene Beschäftigung und Berufsbiografien, in denen sich Erwerbsarbeit, Weiterbildung, Familienphasen und berufliche Neuorientierung abwechseln.

McKinsey schätzt, dass bis 2030 rund 30 Prozent der heute geleisteten Arbeitsstunden in Europa und den Vereinigten Staaten automatisiert werden könnten. Das bedeutet nicht, dass 30 Prozent aller Beschäftigten arbeitslos werden. Es bedeutet etwas viel Interessanteres: Ein erheblicher Teil der gesellschaftlichen Wertschöpfung kann mit weniger menschlicher Arbeitszeit erzeugt werden.

Und genau das sollte eigentlich eine gute Nachricht sein.

Wenn Erfolg zum Problem wird

Stellen wir uns eine Fabrik vor, in der tausend Menschen arbeiten. Durch Automatisierung kann dieselbe Fabrik einige Jahrzehnte später die doppelte Menge an Gütern mit hundert Beschäftigten herstellen. Der Energieverbrauch pro Produkt sinkt, Material wird präziser eingesetzt, Ausschuss vermieden und die Produktion läuft effizienter.

Nach allen vernünftigen Maßstäben ist das ein Erfolg.

Die Gesellschaft verfügt über mehr Güter und benötigt dafür weniger menschliche Lebenszeit.

In unserer gegenwärtigen ökonomischen Architektur entsteht daraus jedoch ein Problem. Die neunhundert eingesparten Arbeitsplätze waren nicht nur Produktionsfaktoren. An ihnen hingen neunhundert Einkommen. An diesen Einkommen hingen wiederum Konsum, Sozialversicherungsbeiträge und Steuereinnahmen.

Damit stoßen zwei vollkommen unterschiedliche Fragen aufeinander, die wir über lange Zeit miteinander verwechselt haben.

Die erste lautet: Wie erzeugen wir Wohlstand?

Die zweite lautet: Wie verteilen wir den Zugang zu diesem Wohlstand?

Die Industrialisierung hat beide Fragen eng miteinander gekoppelt. Der Mensch arbeitete an der Herstellung gesellschaftlichen Wohlstands und erhielt dafür einen Lohn, mit dem er einen Teil dieses Wohlstands erwerben konnte. Der Arbeitnehmer war Produzent und Konsument zugleich.

Automatisierung beginnt diese Verbindung zu lösen. Das führt zu einem bemerkenswerten Paradox. Wir entwickeln Maschinen, damit Menschen weniger arbeiten müssen, und haben gleichzeitig eine Gesellschaft geschaffen, in der Menschen arbeiten müssen, damit sie am Wohlstand teilnehmen können.

Je erfolgreicher unsere Maschinen werden, desto deutlicher tritt dieser Widerspruch hervor. Die vernünftige Antwort darauf besteht nicht darin, Automatisierung zu verhindern. Niemand würde ernsthaft fordern, Bagger wieder durch hundert Arbeiter mit Schaufeln zu ersetzen, nur um Arbeitsplätze zu schaffen. Ebenso wenig wäre es sinnvoll, Buchhaltung absichtlich ineffizient zu organisieren, medizinische Diagnostik ohne verfügbare KI-Unterstützung durchzuführen oder industrielle Prozesse arbeitsintensiver zu gestalten, als technisch erforderlich ist.

Eine Gesellschaft, die Beschäftigung dadurch schützt, dass sie Produktivität verhindert, verwechselt Mittel und Zweck. Arbeit ist kein Rohstoff, den eine Volkswirtschaft möglichst vollständig verbrauchen muss. Sie ist der Einsatz menschlicher Lebenszeit und menschlicher Fähigkeiten, um erwünschte Ergebnisse hervorzubringen. Wenn dasselbe Ergebnis mit weniger dieser Lebenszeit erreicht werden kann, ist etwas gewonnen worden.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie wir genügend Arbeit für alle Menschen erzeugen. Sie lautet, wie alle Menschen am Wohlstand teilhaben können, wenn zu seiner Erzeugung immer weniger menschliche Arbeit erforderlich ist.

Das Betriebssystem der Industriegesellschaft

Unser Sozialstaat beantwortet diese Frage noch weitgehend mit den Institutionen des Industriezeitalters.

Das deutsche Sozialversicherungssystem entstand im späten 19. Jahrhundert unter Bedingungen, die mit der heutigen Arbeitswelt nur noch begrenzt vergleichbar sind. Sein Grundgedanke war für seine Zeit außerordentlich fortschrittlich: Wer arbeitet, zahlt gemeinsam mit seinem Arbeitgeber Beiträge und erwirbt dadurch Ansprüche gegen die großen Lebensrisiken Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter.

Dieses Modell funktioniert besonders gut in einer Gesellschaft mit stabilen Beschäftigungsverhältnissen, kontinuierlichen Erwerbsbiografien und einer großen Zahl abhängig Beschäftigter. Aber genau diese Voraussetzungen werden schwächer.

Das Problem liegt deshalb nicht darin, dass Bismarck einen schlechten Sozialstaat erfunden hätte. Das Problem besteht darin, dass wir weiterhin versuchen, mit dem Betriebssystem einer industriellen Gesellschaft eine digitale Gesellschaft zu organisieren.

Je stärker die Finanzierung sozialer Sicherheit an menschliche Erwerbsarbeit gekoppelt bleibt, desto stärker belasten wir ausgerechnet jenen Produktionsfaktor, dessen Einsatz durch Automatisierung sinkt. Ein Unternehmen, das einen Menschen beschäftigt, zahlt Lohn und trägt Sozialabgaben. Eine Maschine erhält keinen Lohn, eine KI zahlt keine Rentenversicherung und ein Algorithmus besitzt keine Krankenversicherung.

Das bedeutet nicht, dass wir eine spezielle Robotersteuer benötigen. Schon die Frage, was steuerrechtlich als Roboter gelten soll, führt schnell ins Absurde. Ist ein Industrieroboter ein Roboter? Zweifellos. Ist eine automatische Kasse einer? Ist eine Buchhaltungssoftware einer? Ein Sprachmodell? Ein KI-Agent, der die Aufgaben einer ganzen Verwaltungsabteilung koordiniert?

Der sinnvollere Ansatz setzt deshalb nicht bei der Maschine an, sondern bei dem, was durch ihren Einsatz entsteht: Wertschöpfung.

Wenn ein Unternehmen mit tausend Beschäftigten zehn Millionen Euro Wertschöpfung erzeugt und ein technologisch fortgeschrittenes Unternehmen mit hundert Beschäftigten dieselbe Wertschöpfung erreicht, darf die Finanzierungsgrundlage der Gesellschaft nicht deshalb erodieren, weil neunhundert Lohnabrechnungen verschwunden sind.

Langfristig muss deshalb die Finanzierung gemeinschaftlicher Aufgaben breiter aufgestellt werden. Einkommen, Unternehmensgewinne, Kapitalerträge, Konsum, Ressourcenverbrauch und gesellschaftliche Wertschöpfung können Teile eines solchen Systems bilden. Über ihre genaue Gewichtung muss demokratisch gestritten werden. Die grundlegende Richtung ergibt sich jedoch aus der Transformation selbst: Die Finanzierung des Gemeinwesens darf nicht hauptsächlich an die sinkende Menge menschlicher Arbeitskraft gebunden bleiben, die eine immer produktivere Wirtschaft noch benötigt.

Damit verändert sich auch die Bedeutung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Es erscheint nicht länger als Sozialleistung für Menschen, die vom Arbeitsmarkt nicht gebraucht werden. Es wird zu einem Mechanismus, mit dem ein Teil des gesellschaftlich erzeugten Wohlstands unabhängig von der individuellen Position im Produktionsprozess an die Mitglieder der Gesellschaft zurückfließt.

Man könnte es die digitale Dividende nennen.

Wem gehört der Produktivitätsgewinn?

Hinter dieser Frage verbirgt sich eine der großen Verteilungsfragen des 21. Jahrhunderts.

Eine moderne künstliche Intelligenz entsteht schließlich nicht im luftleeren Raum. Hinter ihr liegen Jahrhunderte wissenschaftlicher Erkenntnis, öffentlich finanzierte Schulen und Universitäten, mathematische Theorien, technische Standards, Stromnetze, Kommunikationsinfrastrukturen, Halbleiterforschung und die kulturelle Produktion unzähliger Generationen.

Das schmälert weder die Leistung eines Unternehmens noch die Bedeutung des Unternehmers. Innovation benötigt Risikobereitschaft, Kapital, Organisation und Menschen, die aus vorhandenen Möglichkeiten etwas Neues schaffen. Eine Gesellschaft, die Innovation belohnt, besitzt gute Gründe dafür.

Doch kein technologischer Konzern beginnt bei null.

Jede neue Generation steht auf einem Berg aus Wissen, Infrastruktur und kultureller Vorleistung, den frühere Generationen hinterlassen haben.

Wenn künstliche Intelligenz und Robotik daraus enorme Produktivitätsgewinne erzeugen, stellt sich deshalb die Frage, wie diese Gewinne verteilt werden. Konzentrieren sie sich ausschließlich bei den Eigentümern der produktiven Systeme, wächst eine strukturelle Asymmetrie. Einkommen aus Kapital und technologischer Infrastruktur gewinnen gegenüber Einkommen aus menschlicher Arbeit an Bedeutung.

Thomas Pikettys bekannte Formel r > g beschreibt einen verwandten Mechanismus: Kapitalvermögen kann langfristig schneller wachsen als die Gesamtwirtschaft. Automatisierung kann diese Entwicklung verstärken, wenn immer größere Teile der Produktion auf Kapital, Software und geistigem Eigentum beruhen.

Das Problem ist dabei nicht Reichtum an sich. Eine Gesellschaft wird nicht gerechter, indem sie erfolgreiche Menschen ärmer macht.

Das Problem entsteht, wenn technischer Fortschritt den gesellschaftlichen Wohlstand vergrößert, während immer größere Teile der Bevölkerung Schwierigkeiten bekommen, an diesem Wohlstand teilzunehmen.

An diesem Punkt wird aus der sozialen eine makroökonomische Frage. Denn Maschinen konsumieren nicht. Ein Roboter kauft kein Auto. Ein KI-Agent mietet keine Wohnung. Ein Algorithmus geht nicht ins Restaurant und fährt nicht in Urlaub. Eine vollständig automatisierte Fabrik kann eine Million Produkte herstellen. Ihre technische Perfektion beantwortet noch nicht die Frage, wer diese Million Produkte kaufen soll.

Eine Marktwirtschaft benötigt nicht nur Produktion. Sie benötigt zahlungsfähige Nachfrage.

Wenn der Mechanismus, der Produktivität erzeugt, zunehmend vom Mechanismus getrennt wird, der Einkommen verteilt, braucht die Marktwirtschaft eine neue Rückkopplung zwischen beiden. Ein Grundeinkommen könnte eine solche Rückkopplung herstellen.

Es wäre damit keineswegs zwangsläufig der Abschied von der Marktwirtschaft. Unter den Bedingungen weitreichender Automatisierung könnte es zu einer ihrer Stabilisierungsbedingungen werden.

Der zweite große Umbau

Während wir versuchen, die Folgen der digitalen Revolution zu verstehen, findet gleichzeitig eine zweite Transformation statt:

Wir müssen die fossile Grundlage unserer Zivilisation überwinden.

Über zwei Jahrhunderte haben Kohle, Erdöl und Erdgas einen historisch beispiellosen Wohlstand ermöglicht. Sie lieferten konzentrierte Energie für Industrie, Landwirtschaft, Verkehr, Heizung und globale Warenströme. Gleichzeitig verändert die Freisetzung von Treibhausgasen das Klima. Eine moderne Zivilisation muss deshalb lernen, ihren Wohlstand mit einer weitgehend dekarbonisierten Energie- und Produktionsstruktur zu erzeugen.

Auch hier begegnet uns derselbe strukturelle Widerspruch.

Wenn ein Kohlekraftwerk geschlossen, eine Raffinerie verkleinert oder ein emissionsintensiver Industriezweig umgebaut werden soll, richtet sich eine der ersten Fragen auf die Arbeitsplätze.

Diese Frage ist berechtigt. Für einen Beschäftigten in einer solchen Industrie ist sein Arbeitsplatz keine abstrakte volkswirtschaftliche Größe. Er bedeutet Miete oder Kreditrate, Lebensmittel, Urlaub, Sicherheit für die Familie und eine Vorstellung von der eigenen Zukunft. Man kann einem Menschen schwer erklären, der Verlust seiner wirtschaftlichen Existenz sei ein notwendiges Opfer für ein globales Ziel, und anschließend erwarten, dass er diesen Umbau begeistert unterstützt.

Damit geraten ökologische Transformation und soziale Sicherheit gegeneinander, obwohl sie keine natürlichen Gegensätze sind. Auch dieser Konflikt entsteht zu einem erheblichen Teil dadurch, dass wir gesellschaftliche Teilhabe an bestehende Erwerbsstrukturen gekoppelt haben.

Eine Gesellschaft, in der Erwerbsarbeit der zentrale Mechanismus zur Verteilung von Einkommen und sozialer Sicherheit ist, entwickelt ein starkes Interesse am Erhalt von Arbeitsplätzen – selbst dort, wo bestimmte Tätigkeiten technologisch nicht mehr benötigt werden oder bestimmte Produktionsweisen ökologisch überwunden werden müssen.

Wieder verwechseln wir Mittel und Zweck.

Wir betreiben keine Kohlekraftwerke, damit Menschen Arbeit haben. Wir betreiben Kraftwerke, weil wir Energie benötigen. Sobald diese Energie sauberer und effizienter erzeugt werden kann, gibt es keinen vernünftigen Grund, eine schlechtere Technologie um ihrer Arbeitsplätze willen zu konservieren.

Doch diese Aussage wird erst dann sozial tragfähig, wenn der Verlust einer überholten Tätigkeit nicht mit dem Verlust der materiellen Existenzgrundlage verbunden ist.

Deshalb gehören technologische und ökologische Transformation zusammen.

Wir benötigen eine doppelte Entkopplung.

Wir müssen Wohlstand zunehmend vom Verbrauch endlicher Ressourcen und fossiler Energieträger entkoppeln. Und wir müssen gesellschaftliche Teilhabe zunehmend von der Menge individuell verkaufter Erwerbsarbeit entkoppeln. Beide Prozesse beschreiben letztlich denselben zivilisatorischen Fortschritt: Wir lernen, mit weniger Aufwand mehr Lebensqualität hervorzubringen.

Eine seltsame Vorstellung von Effizienz

An diesem Punkt lohnt sich ein Gedankenexperiment.

Angenommen, wir könnten den heutigen Lebensstandard mit der Hälfte der verbrauchten Rohstoffe, einem Bruchteil der fossilen Energie und zwanzig statt vierzig Wochenstunden durchschnittlicher Erwerbsarbeit gewährleisten.

Wäre das eine Krise?

Aus technischer Sicht wäre es ein Triumph. Aus ökologischer Sicht wäre es ein gewaltiger Fortschritt. Aus menschlicher Sicht hätten Milliarden Menschen einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit zurückgewonnen.

In unserer gegenwärtigen Wirtschaftslogik würden wir jedoch sofort fragen, woher die verlorenen Einkommen kommen sollen.

Hier offenbart sich ein merkwürdiger Fehler in unserer gesellschaftlichen Zielfunktion.

  • Weniger Energieverbrauch gilt als Effizienzgewinn.
  • Weniger Materialverbrauch gilt als Effizienzgewinn.
  • Weniger notwendige menschliche Arbeit gilt dagegen schnell als Beschäftigungskrise.

Dabei ist menschliche Lebenszeit die einzige dieser Ressourcen, die tatsächlich unwiederbringlich ist … und den eigentlichen Sinn menschlichen Lebens darstellt.

Eine entwickelte Zivilisation sollte deshalb nicht danach streben, möglichst viel menschliche Arbeit zu verbrauchen. Ihr Ziel sollte darin bestehen, menschliche Fähigkeiten dort einzusetzen, wo Menschen etwas beitragen wollen oder besser können, während Maschinen jene Aufgaben übernehmen, die sich automatisieren lassen.

Damit verändert sich zwangsläufig auch unser Begriff von Arbeit.

Menschen, die angeblich nicht arbeiten

Unsere Sprache verrät, wie tief die industrielle Vorstellung von Arbeit in unserem Denken verankert ist.

  • Eine Frau betreut ihre Kinder und führt einen Haushalt. Sie „arbeitet nicht“.
  • Ein Mann pflegt seinen demenzkranken Vater. Er „arbeitet nicht“.
  • Jemand entwickelt in seiner Freizeit freie Software, die später von Tausenden Menschen verwendet wird. Er „arbeitet nicht“.
  • Eine junge Frau verbringt ein Jahr damit, sich neue mathematische und technische Fähigkeiten anzueignen. Sie „arbeitet nicht“.
  • Ein Autor schreibt einen Roman, …
  • ein Musiker komponiert, …
  • ein Bürger engagiert sich ehrenamtlich für seine Gemeinde.

Solange kein Marktpreis für diese Tätigkeiten bezahlt wird, verschwinden sie in unserer Alltagssprache leicht aus der Kategorie Arbeit. Natürlich arbeiten diese Menschen. Was wir tatsächlich meinen, ist etwas viel Spezifischeres:

Sie verkaufen ihre Tätigkeit in diesem Augenblick nicht auf einem Markt.

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Der Markt ist ein außerordentlich leistungsfähiges Instrument, um Knappheiten, Nachfrage und Angebote zu koordinieren. Er ist jedoch kein universelles Messgerät für menschliche Bedeutung.

Eine Stunde Pflege kann gesellschaftlich wertvoller sein als eine Stunde Werbung für ein überflüssiges Produkt und trotzdem schlechter bezahlt werden. Ein Gespräch mit einem einsamen Menschen kann menschlich bedeutender sein als zahlreiche kommerziell verwertbare Tätigkeiten und erscheint dennoch in keiner volkswirtschaftlichen Bilanz als relevante Wertschöpfung.

Das bedingungslose Grundeinkommen bezahlt diese Tätigkeiten nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine Mutter erhält ihr Grundeinkommen nicht als Lohn für Mutterschaft, und ein Künstler erhält es nicht als Honorar für ein Bild, das niemand kaufen möchte.

Das Grundeinkommen tut etwas Grundsätzlicheres. Es gibt Menschen einen ökonomischen Boden, auf dem sie Entscheidungen treffen können, deren Wert sich nicht sofort auf einem Markt beweisen muss.

Die Freiheit, Nein zu sagen

Damit berühren wir den vielleicht liberalsten Gedanken des Grundeinkommens.

Freiheit wird häufig als Abwesenheit staatlichen Zwangs verstanden. Das ist ein unverzichtbarer Bestandteil liberaler Gesellschaften. Meinungsfreiheit, Eigentumsrechte, Freizügigkeit und politische Beteiligung schützen den Einzelnen vor der Macht anderer.

Doch formale Freiheit und materielle Handlungsfähigkeit sind nicht dasselbe. Ein Mensch kann rechtlich vollkommen frei sein, einen Arbeitsplatz abzulehnen. Wenn die Alternative darin besteht, seine Wohnung nicht mehr bezahlen zu können, besitzt diese Freiheit nur einen begrenzten praktischen Wert.

Ein Grundeinkommen schafft deshalb etwas, das für jede tatsächliche Verhandlung wichtig ist: eine Exit-Option.

Es gibt dem Arbeitnehmer die Möglichkeit, Nein zu einem unerträglichen Arbeitgeber zu sagen. Es gibt dem Beschäftigten die Möglichkeit, eine Tätigkeit aufzugeben, die durch den technologischen Wandel keine Zukunft mehr besitzt. Es gibt einem Menschen die Zeit, sich weiterzubilden. Es erleichtert die Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen, ein Buch zu schreiben, Angehörige zu pflegen oder für einige Monate aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, um das eigene Leben neu zu ordnen.

Das bedeutet nicht, dass Arbeit überflüssig wird. Ein Grundeinkommen, das die materielle Existenz sichert, verwandelt einen durchschnittlichen Bürger schließlich nicht in einen wohlhabenden Müßiggänger. Wer sich ein größeres Haus, Reisen, ein besonderes Auto oder andere materielle Möglichkeiten wünscht, benötigt weiterhin zusätzliches Einkommen. Unternehmen benötigen weiterhin Menschen, Wissen, Initiative und unternehmerische Leistung. Die wirtschaftlichen Anreize verschwinden nicht.

Was sich verändert, ist ihre Grundlage. Zwischen „Du musst diese Arbeit tun, um existieren zu können“ und „Du kannst diese Arbeit tun, weil sie dir zusätzliches Einkommen, Anerkennung, Entwicklungsmöglichkeiten oder Freude verschafft“ liegt ein beträchtlicher Unterschied.

Dieser Unterschied verändert auch die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt.

Unangenehme Tätigkeiten verschwinden durch ein Grundeinkommen nicht. Müll muss weiterhin entsorgt, Kanalisation gewartet, Kranke müssen gepflegt und Gebäude gereinigt werden. Wenn Menschen solche Arbeiten unter den angebotenen Bedingungen nicht mehr übernehmen wollen, bleiben einer Gesellschaft drei Möglichkeiten: Sie kann die Tätigkeit besser bezahlen, ihre Arbeitsbedingungen verbessern oder sie automatisieren.

Alle drei Lösungen erscheinen vernünftiger als die vierte Möglichkeit: Menschen durch ökonomische Not dazu zu bringen, Tätigkeiten zu Bedingungen anzunehmen, die sie unter weniger existenziellem Druck ablehnen würden.

Das BGE wäre unter diesem Gesichtspunkt kein Angriff auf den Arbeitsmarkt. Es würde den Arbeitsmarkt in einem entscheidenden Punkt konsequenter machen.

Denn ein Markt setzt eigentlich voraus, dass zwei Seiten miteinander verhandeln können. Wer nicht Nein sagen kann, verhandelt nur eingeschränkt.

Würden die Menschen dann noch arbeiten?

An dieser Stelle erscheint unvermeidlich die klassische Frage: Wer würde noch arbeiten, wenn jeder Mensch unabhängig von seiner Tätigkeit ein Einkommen erhielte?

Die Frage ist berechtigt. Ihre Formulierung enthält jedoch bereits eine bemerkenswerte Annahme: Wir gehen offenbar davon aus, dass Menschen ihre Tätigkeit überwiegend deshalb ausüben, weil ihnen andernfalls materielle Not droht.

Für manche Tätigkeiten trifft das zweifellos zu. Genau dort wäre die Reaktion auf ein Grundeinkommen besonders aufschlussreich: Eine Arbeit, die niemand freiwillig zu den angebotenen Bedingungen übernehmen möchte, besitzt offenbar einen höheren tatsächlichen Preis, als der gegenwärtige Arbeitsmarkt ausweist.

Die Gesellschaft müsste diesen Preis bezahlen, die Bedingungen verbessern oder die Tätigkeit automatisieren.

Darüber hinaus besteht menschliche Motivation aus weit mehr als Existenzangst. Menschen streben nach Wohlstand, Anerkennung, Status, Zugehörigkeit, Kompetenz, Gestaltungsmöglichkeiten und Sinn. Unternehmer bauen Unternehmen nicht ausschließlich deshalb auf, weil sie andernfalls verhungern würden. Wissenschaftler forschen nicht nur für ihr Monatsgehalt. Künstler schaffen Werke, obwohl ihre wirtschaftlichen Aussichten häufig erschreckend schlecht sind. Millionen Menschen leisten ehrenamtliche Arbeit, entwickeln freie Software, schreiben Texte, pflegen Gärten, bauen Möbel, trainieren Sportmannschaften oder engagieren sich politisch, ohne dass ihnen jemand dafür einen marktgerechten Stundenlohn bezahlt.

Der Mensch ist kein Wesen, das nur durch die Drohung des Mangels in Bewegung gehalten werden kann.

Ein Grundeinkommen würde dennoch Verhalten verändern. Und genau das ist sein Zweck.

Manche Menschen würden ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren. Andere würden Weiterbildungen beginnen. Eltern könnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Menschen könnten Angehörige pflegen. Einige würden Unternehmen gründen. Andere würden Projekte beginnen, die vielleicht scheitern. Manche würden ihre neu gewonnene Freiheit schlecht nutzen. Freiheit beinhaltet diese Möglichkeit.

Eine Gesellschaft, die ihren Bürgern Freiheit nur unter der Voraussetzung gewährt, dass sie diese Freiheit nach staatlich definierten Kriterien sinnvoll verwenden, hat den Begriff bereits beschädigt.

Die entscheidende gesellschaftliche Frage lautet deshalb nicht, ob jeder Mensch mit einem Grundeinkommen jederzeit eine volkswirtschaftlich optimale Entscheidung trifft. Das tut er im heutigen System ebenfalls nicht.

Die Frage lautet, welches System Menschen unter den Bedingungen einer technologisch hochproduktiven Gesellschaft die besseren Möglichkeiten gibt, ihr Leben zu gestalten und zugleich auf wirtschaftliche Veränderungen zu reagieren.

Das Grundeinkommen ist kein Paradies

Gerade an dieser Stelle muss man sich vor einer Versuchung hüten, die viele große gesellschaftliche Ideen begleitet.

Das Grundeinkommen löst nicht alle Probleme.

Es baut keine Wohnungen. Es bildet keine Kinder aus. Es pflegt keine Kranken. Es erzeugt keinen Strom und verhindert keine Kriege. Es ersetzt keine Klimapolitik, keine Wettbewerbspolitik, keinen funktionierenden Rechtsstaat und keine öffentliche Infrastruktur.

Auch ein Grundeinkommen beseitigt soziale Ungleichheit nicht. Menschen werden weiterhin unterschiedliche Einkommen und Vermögen besitzen. Sie werden unterschiedliche Fähigkeiten haben, unterschiedliche Entscheidungen treffen und unterschiedliche Erfolge erzielen.

Ebenso wenig kann ein pauschaler Geldbetrag jeden besonderen Bedarf abdecken. Ein schwerbehinderter Mensch benötigt unter Umständen Unterstützung, die weit über ein allgemeines Grundeinkommen hinausgeht. Ein funktionierendes BGE muss deshalb durch gezielte Leistungen für besondere Lebenslagen ergänzt werden.

Auch seine Finanzierung ist keine Nebensache. Die Vorstellung, man müsse lediglich sämtliche bisherigen Sozialleistungen zusammenrechnen und das Geld anschließend gleichmäßig verteilen, greift zu kurz. Ein existenzsicherndes Grundeinkommen stellt erhebliche Anforderungen an Steuer- und Transfersysteme. Seine konkrete Höhe, die Behandlung von Kindern, Rentenansprüche, Gesundheitsversorgung, unterschieldiche Wohnkosten in unterschiedlichen Regionen und die Besteuerung zusätzlicher Einkommen gehören zu den schwierigen Fragen jedes realistischen Modells.

Gerade deshalb sollte man das Grundeinkommen nicht als fertiges Rezept betrachten.

Es ist zunächst ein Prinzip.

Dieses Prinzip lautet: Jeder Mensch erhält einen unverlierbaren materiellen Sockel gesellschaftlicher Teilhabe, der nicht davon abhängig ist, ob seine Fähigkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einem Arbeitsmarkt nachgefragt werden.

Über die technische Konstruktion dieses Sockels kann man streiten. Eine negative Einkommensteuer kann andere Vorteile besitzen als eine direkte Auszahlung. Konsumsteuern haben andere Verteilungswirkungen als Einkommen-, Vermögens- oder Wertschöpfungssteuern. Ein zukünftiges System wird verschiedene Finanzierungsquellen miteinander verbinden müssen.

Diese Debatten sind notwendig. Aber sie ändern nichts an der Frage, die ihnen vorausgeht.

Kann eine Gesellschaft ihre Existenzsicherung dauerhaft an Erwerbsarbeit koppeln, während sie gleichzeitig alles daransetzt, immer weniger menschliche Arbeit zur Produktion ihres Wohlstands zu benötigen?

Die große Transformation

Betrachtet man Automatisierung, künstliche Intelligenz und ökologische Transformation gemeinsam, zeichnet sich ein Muster ab:

Wir versuchen gegenwärtig, zwei der knappsten Ressourcen unserer Zivilisation effizienter einzusetzen: die materielle Welt und die menschliche Lebenszeit.

  • Die ökologische Transformation verlangt, dass wir Wohlstand mit weniger fossiler Energie, weniger Emissionen und intelligenterem Ressourceneinsatz erzeugen.
  • Die technologische Transformation ermöglicht, dass wir Wohlstand mit weniger repetitiver menschlicher Arbeit erzeugen.

Beides sollte ein Fortschritt sein.

Zu einem gesellschaftlichen Problem wird dieser Fortschritt erst dort, wo unser Verteilungssystem davon abhängt, dass möglichst viele Menschen möglichst kontinuierlich ihre Lebenszeit auf dem Arbeitsmarkt verkaufen.

Damit entsteht eine absurde Situation. Wir benötigen Wirtschaftswachstum, um Arbeitsplätze zu schaffen. Wir benötigen Arbeitsplätze, um Einkommen zu verteilen. Wir benötigen Einkommen, damit Menschen konsumieren können. Wir benötigen Konsum, damit Unternehmen produzieren. Wir benötigen Produktion, damit Arbeitsplätze bestehen bleiben.

Dieser Kreislauf hat einen gewaltigen materiellen Wohlstand hervorgebracht. Unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts stößt er jedoch an technologische und ökologische Grenzen.

Eine intelligente Zivilisation muss deshalb lernen, den Kreislauf an einer entscheidenden Stelle zu öffnen.

Sie muss nicht jeden Zuwachs an Produktivität in zusätzlichen Konsum verwandeln. Sie kann einen Teil davon in gewonnene Lebenszeit verwandeln.

Sie muss nicht jeden Arbeitsplatz erhalten, dessen gesellschaftlicher Zweck verschwunden ist. Sie kann Menschen Sicherheit geben, während sie sich neuen Aufgaben zuwenden.

Sie muss eine klimaschädliche Industrie nicht deshalb konservieren, weil ganze Regionen von ihren Löhnen abhängig sind. Sie kann die Menschen absichern und zugleich den technologischen Umbau beschleunigen.

Sie muss Automatisierung nicht fürchten, weil eine Maschine drei Arbeitsplätze ersetzt. Sie kann den Produktivitätsgewinn so verteilen, dass aus eingesparter Arbeit gesellschaftlicher Wohlstand entsteht.

Hier begegnen sich ökologische Nachhaltigkeit und technischer Fortschritt.

Die gemeinsame Idee lautet nicht Verzicht.

Sie lautet Effizienz auf einer höheren Ebene.

Eine Zivilisation ist nicht besonders fortgeschritten, weil sie möglichst viele Rohstoffe verbraucht, möglichst viel Energie verschwendet und möglichst viele Stunden menschlicher Lebenszeit benötigt, um ihren Wohlstand zu erzeugen.

Fortschritt zeigt sich im Gegenteil darin, dass immer größere Möglichkeiten aus immer intelligenter organisierten Voraussetzungen entstehen.

Von der Arbeitsgesellschaft zur Tätigkeitsgesellschaft

Das bedeutet keinen Abschied von der Arbeit. Es bedeutet den Abschied von einer historischen Verwechslung.

Wir haben Erwerbsarbeit mit Tätigkeit, Tätigkeit mit gesellschaftlichem Wert und gesellschaftlichen Wert mit Einkommen gleichgesetzt. Diese Gleichungen stimmen nicht.

Auch in einer hochautomatisierten Gesellschaft wird es unendlich viel zu tun geben. Kinder wollen erzogen werden. Alte Menschen brauchen Gesellschaft. Wissenschaftliche Fragen warten auf Antworten. Ökosysteme müssen restauriert werden. Städte können schöner werden. Menschen wollen Musik hören, Geschichten lesen, Spiele spielen und neue Welten entdecken. Wir werden zum Mond und zum Mars fliegen, neue Energieformen entwickeln, Krankheiten bekämpfen und Dinge erfinden, für die wir heute noch keine Namen besitzen.

Der menschlichen Tätigkeit wird nicht die Zukunft ausgehen. Knapp werden könnte lediglich jene besondere Form der Tätigkeit, die gleichzeitig auf einem Markt nachgefragt, ausreichend bezahlt und dauerhaft in einem klassischen Beschäftigungsverhältnis organisiert wird.

Darauf sollten wir vorbereitet sein.

Das Grundeinkommen könnte den Übergang von einer Arbeitsgesellschaft zu einer Tätigkeitsgesellschaft ermöglichen.

In einer solchen Gesellschaft bliebe Erwerbsarbeit wichtig, verlöre jedoch ihr Monopol auf gesellschaftliche Anerkennung und materielle Existenzsicherung. Menschen könnten zwischen Erwerbsarbeit, Bildung, Care-Arbeit, Unternehmertum, Wissenschaft, Kunst, Ehrenamt und persönlichen Projekten wechseln, ohne bei jedem Übergang an den Rand des sozialen Absturzes zu geraten.

Die Biografie würde beweglicher, weil ihr ökonomischer Boden stabiler wäre.

Gerade eine beschleunigte technologische Welt benötigt eine solche Stabilität.

Wir können von Menschen nicht gleichzeitig maximale Anpassungsfähigkeit verlangen und ihre gesamte materielle Sicherheit an kontinuierliche Erwerbsbiografien binden.

Flexibilität ohne Sicherheit ist keine Freiheit. Sie ist Unsicherheit. Und Unsicherheit ist auch immer politisches Risikopotenzial. Wer Unsicherheit nicht ernst nimmt, fördert radiakale Strömungen.

Wem gehört die Zukunft?

Damit gelangen wir schließlich zu einer Frage, die größer ist als die Diskussion über Sozialpolitik.

Wem gehört der technologische Fortschritt?

Gehört er den Unternehmen, die neue Maschinen entwickeln? Den Investoren, die das notwendige Kapital bereitstellen? Den Ingenieuren, Wissenschaftlern und Programmierern, die neue Systeme erschaffen?

Natürlich gehört ihnen ein Teil seiner Erträge. Doch hinter jedem dieser Menschen steht eine Zivilisation.

Kein Ingenieur hat die Mathematik erfunden, die er verwendet. Kein KI-Unternehmen hat die Halbleiterphysik bei null begonnen. Kein Unternehmer hat das Internet, die Elektrizität, das Alphabet und die wissenschaftliche Methode allein hervorgebracht. Wir alle arbeiten mit einem geistigen und materiellen Erbe, das Generationen vor uns aufgebaut haben.

Technischer Fortschritt ist deshalb immer zugleich individuelle Leistung und kollektive Akkumulation. Jede Generation übernimmt einen gewaltigen Schatz von ihren Vorgängern. Wir nennen ihn Zivilisation.

Die digitale Dividende ist in diesem Sinne keine milde Gabe des Staates an Menschen, die im Produktionsprozess nicht mehr benötigt werden. Sie ist die Beteiligung jedes Menschen an einer Produktivität, deren tiefste Voraussetzungen aus dem gemeinsamen Erbe der Menschheit entstanden sind.

Damit erhält das bedingungslose Grundeinkommen eine andere Bedeutung. Es ist kein „Lohn fürs Nichtstun“. Es ist auch keine Entschädigung dafür, dass Maschinen uns besiegt hätten. Es ist die institutionelle Anerkennung einer einfachen Tatsache:

Der Wohlstand einer hochentwickelten Zivilisation ist größer als die Summe der gegenwärtig verkauften Arbeitsstunden ihrer Bürger.

Die digitale Dividende der Menschheit

Wir stehen deshalb nicht vor dem Ende der Arbeit. Wir stehen vor dem möglichen Ende einer Epoche, in der Erwerbsarbeit der nahezu selbstverständliche Schlüssel zur materiellen Teilhabe war.

Diese Veränderung muss uns nicht erschrecken. Seit Jahrtausenden besteht technischer Fortschritt darin, menschliche Grenzen zu überwinden. Der Pflug vervielfachte die Kraft des Bauern. Die Dampfmaschine vervielfachte unsere mechanische Leistung. Elektrizität machte Energie nahezu überall verfügbar. Computer erweiterten unsere Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten. Künstliche Intelligenz beginnt nun, Teile jener kognitiven Arbeit zu übernehmen, die wir lange für eine ausschließlich menschliche Domäne hielten.

Jede dieser Entwicklungen verschob die Grenze dessen, was ein einzelner Mensch bewirken konnte. Es wäre eigentümlich, ausgerechnet den Erfolg dieses Prozesses zu fürchten.

Das Problem besteht nicht darin, dass Maschinen unsere Arbeit übernehmen. Das Problem entsteht, wenn Maschinen unsere Arbeit übernehmen und wir darauf bestehen, Einkommen weiterhin so zu verteilen, als hätten sie es nicht getan.

Ebenso besteht das ökologische Problem nicht darin, dass wir lernen müssen, Kohle, Erdöl und andere endliche Ressourcen durch intelligentere Technologien zu ersetzen. Das gesellschaftliche Problem entsteht, wenn wir Menschen wirtschaftlich an jene Strukturen ketten, die wir aus guten Gründen überwinden wollen.

Beide Widersprüche besitzen dieselbe Ursache. Wir haben das Mittel mit dem Zweck verwechselt.

  • Der Zweck einer Wirtschaft besteht nicht darin, Arbeit zu erzeugen.
    Der Zweck besteht darin, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen und die materiellen Voraussetzungen eines guten Lebens hervorzubringen.
  • Der Zweck einer Technologie besteht nicht darin, Menschen zu beschäftigen.
    Sie soll unsere Möglichkeiten erweitern.
  • Und der Zweck einer Gesellschaft kann nicht darin bestehen, ihre Mitglieder möglichst lange mit der Sicherung ihrer bloßen Existenz zu beschäftigen.
    Eine entwickelte Gesellschaft sollte ihnen die Freiheit eröffnen, ihre Fähigkeiten für Ziele einzusetzen, die über diese Existenzsicherung hinausreichen.

Das bedingungslose Grundeinkommen garantiert eine solche Gesellschaft nicht. Keine einzelne Institution könnte das. Es schafft jedoch eine Voraussetzung, die immer wichtiger werden dürfte: Es entkoppelt das Recht auf eine materielle Grundlage des Lebens von der Menge menschlicher Arbeit, die eine hochproduktive Wirtschaft gerade benötigt.

  • Damit könnte aus der Automatisierungsrendite eine Freiheitsdividende werden.
  • Aus ökologischer Effizienz könnte gewonnener Handlungsspielraum entstehen.
  • Aus technologischem Fortschritt könnte gesellschaftlicher Fortschritt werden.
  • Wir haben Maschinen schließlich nicht erfunden, damit Menschen überflüssig werden.

Menschen können nicht überflüssig werden. Tätigkeiten können es.

Wenn eine Maschine eine gefährliche, monotone oder zeitraubende Tätigkeit besser erledigt als ein Mensch, haben wir etwas gewonnen. Wenn erneuerbare Energie eine klimaschädliche Technologie ersetzt, haben wir etwas gewonnen. Wenn künstliche Intelligenz uns in einer Stunde ermöglicht, wofür wir früher einen Tag benötigten, haben wir etwas gewonnen.

Eine vernünftige Zivilisation bestraft ihre Mitglieder nicht für diese Gewinne. Sie verteilt die daraus entstehenden Möglichkeiten. Darin liegt die eigentliche Idee der digitalen Dividende.

Die große Frage des 21. Jahrhunderts lautet deshalb nicht, ob wir genügend Arbeit für alle Menschen erfinden können. Sie lautet, was Menschen mit ihrer Freiheit anfangen können, wenn ihre Zivilisation ihnen einen immer größeren Teil der Arbeit abnimmt, die einst notwendig war, um zu überleben.

Erst wenn wir beginnen, diese Frage zu beantworten, haben wir verstanden, worin der eigentliche Reichtum des technologischen Fortschritts besteht.


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