Was ein seltsames Experiment über Evolution und Kreationismus verrät
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Wer durch ein technisches Museum geht und dort eine komplizierte mechanische Uhr betrachtet, wird kaum auf den Gedanken kommen, sie sei zufällig entstanden. Zahnräder greifen ineinander, Federn speichern Energie, eine Hemmung portioniert ihre Freisetzung, und am Ende bewegen sich Zeiger mit erstaunlicher Präzision über ein Zifferblatt. Irgendjemand muss sich das ausgedacht haben. Genau diese Intuition bildet seit Jahrhunderten eines der stärksten Argumente für die Vorstellung eines Schöpfers. Wenn schon eine Uhr einen Uhrmacher voraussetzt – wie viel mehr müsste das für ein Auge, ein Gehirn oder gar einen vollständigen Organismus gelten?
Das Argument erscheint zunächst ausgesprochen vernünftig. Es hat nur einen Haken: Es setzt voraus, dass funktionale Komplexität grundsätzlich auf dieselbe Weise entsteht wie eine Uhr. Es gibt einen Konstrukteur, der das gewünschte Ergebnis bereits kennt, einen Plan entwickelt und anschließend die einzelnen Bestandteile so zusammensetzt, dass sie gemeinsam die vorgesehene Funktion erfüllen. Doch genau an dieser Stelle unterscheidet sich Evolution fundamental von Konstruktion. Ein bemerkenswertes Experiment des britischen Informatikers Adrian Thompson zeigt diesen Unterschied auf geradezu verblüffende Weise.
Dabei ist ein Detail von entscheidender Bedeutung, das in populären Darstellungen des Experiments leicht untergeht: Thompson ließ die Evolution nicht einfach innerhalb einer Computersimulation ablaufen. Die Schaltungen mussten sich auf realer Hardware bewähren. Die Evolution bekam es also mit echter Materie und deren tatsächlichen physikalischen Eigenschaften zu tun.
Ein Ingenieur, der nicht konstruiert
Adrian Thompson beschäftigte sich in den 1990er-Jahren an der University of Sussex mit sogenannter evolutionärer Hardware. Seine Frage war ebenso einfach wie ungewöhnlich: Was geschieht, wenn wir einen elektronischen Schaltkreis nicht konstruieren, sondern evolvieren lassen?
Normalerweise arbeitet ein Elektronikingenieur so, dass er eine Aufgabe analysiert, sie in Teilprobleme zerlegt und anschließend eine Schaltung entwirft, deren einzelne Komponenten bestimmte Funktionen übernehmen. Er weiß zumindest grundsätzlich, warum er ein bestimmtes Bauteil an einer bestimmten Stelle benötigt und wie die Bestandteile zusammenwirken sollen. Thompson ging den umgekehrten Weg. Er verwendete einen FPGA, einen „Field Programmable Gate Array“. Das ist ein realer elektronischer Chip, dessen interne Verschaltung nachträglich verändert werden kann. Welche Verschaltungen und Funktionen auf dem Chip realisiert werden, wird dabei durch eine lange Folge binärer Informationen – also letztlich Nullen und Einsen – festgelegt. Diese Konfigurationsdaten lassen sich in gewisser Weise mit der DNA eines Organismus vergleichen: Sie enthalten die Information, aus der sich eine bestimmte physische Konfiguration ergibt, und sie können kopiert, verändert und miteinander rekombiniert werden. Damit besaß Thompson etwas, das für ein evolutionäres Verfahren entscheidend ist: eine Art digitales „Genom“, dessen Veränderungen sich anschließend in unterschiedlichen realen Schaltungen auf dem Chip auswirkten.
Die Aufgabe, die dieser Chip bewältigen sollte, war überschaubar: Die Schaltung sollte zwei Eingangssignale voneinander unterscheiden, eines mit einer Frequenz von 1 Kilohertz und eines mit 10 Kilohertz. Ein Ingenieur könnte für ein solches Problem selbstverständlich eine Schaltung entwerfen. Thompson tat genau das nicht. Stattdessen erzeugte ein genetischer Algorithmus unterschiedliche Konfigurationen des Chips. Jede dieser Konfigurationen wurde getestet. Jene Varianten, die die beiden Frequenzen ein kleines bisschen besser unterscheiden konnten, erhielten eine größere Chance, Eigenschaften an die nächste Generation weiterzugeben. Ihre Konfigurationen wurden verändert und kombiniert und anschließend erneut getestet.
Damit waren die entscheidenden Bestandteile eines evolutionären Prozesses vorhanden: Variation, Selektion und Vererbung mit Veränderung. Es gab jedoch keinen Plan, wie die fertige Schaltung aussehen sollte. Niemand hatte festgelegt, welche elektronischen Elemente welche Teilaufgaben übernehmen sollten. Vorgegeben war lediglich ein Selektionskriterium: Die Schaltung sollte die beiden Frequenzen möglichst zuverlässig unterscheiden können. Nach einigen tausend Generationen entstand tatsächlich eine funktionierende Lösung.
Und damit begann der eigentlich interessante Teil des Experiments.
Keine Simulation
An dieser Stelle könnte man zunächst einwenden, dass Computer schließlich schon seit Jahrzehnten evolutionäre Prozesse simulieren. Innerhalb einer solchen Simulation kann man virtuelle Organismen oder Schaltungen erzeugen, mutieren lassen und anschließend diejenigen auswählen, die eine bestimmte Aufgabe am besten erfüllen. Das kann zu erstaunlichen und für den Programmierer vollkommen unerwarteten Ergebnissen führen. Dennoch bleibt dabei eine wichtige Einschränkung bestehen: Die simulierte Welt besitzt nur jene physikalischen Eigenschaften, die ihr Modell zulässt. Was in diesem Modell prinzipiell nicht vorgesehen ist, kann von der Evolution auch nicht benutzt werden.
Das bedeutet keineswegs, dass eine Simulation nur Ergebnisse hervorbringen könnte, die ihr Programmierer bereits kennt oder vorhergesehen hat. Gerade komplexe Systeme können aus einfachen Regeln höchst überraschende Strukturen entstehen lassen. Aber alle möglichen Lösungen bleiben innerhalb des physikalischen beziehungsweise mathematischen Möglichkeitsraumes, den das Simulationsmodell bereitstellt. Wenn der Programmierer beispielsweise keine elektromagnetische Wechselwirkung zwischen zwei virtuellen Bauteilen vorgesehen hat, kann die simulierte Evolution auch keine solche Wechselwirkung entdecken und für ihre Zwecke nutzen.
Thompsons Experiment ging genau an diesem Punkt einen entscheidenden Schritt weiter. Die Kandidatenlösungen wurden nicht nur mathematisch berechnet, sondern tatsächlich auf einen physischen FPGA-Chip geladen und dort ausgeführt. Thompson bezeichnete dieses Verfahren deshalb als „intrinsic hardware evolution“. Die Fitness einer Schaltung wurde daran gemessen, wie sie sich verhielt, wenn sie wirklich als elektronische Konfiguration in Silizium existierte.
Damit bestand die „Welt“, in der diese Evolution stattfand, nicht nur aus den idealisierten Eigenschaften elektronischer Bauteile, die ein Ingenieur in einem Simulationsmodell berücksichtigt hätte. Ihre Welt bestand aus der wirklichen Physik des Chips. Und die ist komplizierter als unsere Modelle von ihr. Transistoren besitzen parasitäre Kapazitäten, elektrische Felder können benachbarte Strukturen beeinflussen, Signallaufzeiten spielen eine Rolle, Stromversorgung und elektromagnetische Kopplungen erzeugen Wechselwirkungen, die in einem klassischen logischen Schaltplan gar nicht erscheinen müssen. Ein Ingenieur versucht viele dieser Effekte normalerweise zu vermeiden, weil sie seine sauber entworfene Schaltung stören könnten. Die Evolution kennt diese Rücksichtnahme nicht. Wenn irgendeine physikalische Eigenschaft des Materials dazu beiträgt, das Selektionskriterium besser zu erfüllen, kann sie diese Eigenschaft benutzen.
Und genau das scheint in Thompsons Experiment geschehen zu sein.
Eine Schaltung, die kein Ingenieur so gebaut hätte
Als Thompson die entstandene Schaltung untersuchte, zeigte sich etwas Merkwürdiges. Sie funktionierte, aber sie sah überhaupt nicht so aus, wie ein menschlicher Ingenieur das Problem gelöst hätte. Nur eine erstaunlich kleine Zahl von Zellen war für die eigentliche Frequenzunterscheidung erforderlich. Noch seltsamer war jedoch, dass einige Zellen nach den üblichen Kriterien überhaupt nicht mit dem funktionierenden Schaltkreis verbunden waren. Betrachtete man nur den logischen Schaltplan, hätte man erwarten müssen, dass man sie problemlos entfernen könne.
Doch als Thompson solche scheinbar bedeutungslosen Bestandteile deaktivierte, verschlechterte sich die Funktion der Schaltung. Besonders bei einer dieser isoliert erscheinenden Zellen war der Effekt deutlich. Obwohl ihr Ausgang logisch nirgendwohin führte, war ihre physische Anwesenheit offenbar für das Verhalten des Gesamtsystems relevant. Thompson diskutierte deshalb Wechselwirkungen, die über die konventionelle digitale Verschaltung hinausgingen – etwa Kopplungen über die Stromversorgung oder andere analoge physikalische Effekte des Chips.
Damit hatte die Evolution etwas getan, was ein menschlicher Ingenieur normalerweise gerade vermeiden würde: Sie hatte nicht nur die offiziell vorgesehenen digitalen Funktionen des Chips benutzt, sondern offenbar Eigenschaften seiner materiellen Realisierung. Sie hatte gewissermaßen nicht nur den Baukasten durchsucht, den der Hersteller des FPGA für den Ingenieur bereitgestellt hatte, sondern auch die unbeabsichtigten Möglichkeiten des Materials selbst.
Genau hier wird das Experiment für die Diskussion über Evolution besonders interessant. Ein biologischer Organismus besteht schließlich ebenfalls nicht aus idealisierten Komponenten, deren Funktionen vollständig in einem abstrakten Bauplan beschrieben werden könnten. Proteine, Zellmembranen, elektrische Potentiale, mechanische Spannungen, chemische Konzentrationen und zahllose andere Faktoren beeinflussen einander gleichzeitig. Evolution arbeitet nicht mit unserem Modell dieser Wirklichkeit. Sie arbeitet mit der Wirklichkeit selbst.
Aber wer hat den Algorithmus programmiert?
An diesem Punkt liegt ein kreationistischer Einwand nahe: Thompson hat zwar die konkrete Schaltung nicht konstruiert, aber Menschen haben den FPGA hergestellt, Menschen haben den genetischen Algorithmus programmiert und Thompson selbst hat festgelegt, welche Leistung als erfolgreich gelten sollte. Steckt also nicht doch wieder ein intelligenter Konstrukteur hinter dem Ergebnis?
Natürlich steckt hinter dem Experiment ein intelligenter Experimentator. Das Experiment beweist deshalb weder, dass unser Universum keinen Schöpfer besitzt, noch wäre es überhaupt dazu geeignet, eine solche metaphysische Frage zu entscheiden. Seine Bedeutung liegt an einer anderen Stelle. Es beantwortet die viel konkretere Frage, ob eine funktionierende Struktur deshalb von einer Intelligenz im Detail entworfen worden sein muss, weil ihre Bestandteile auf komplizierte Weise zusammenwirken und eine erkennbare Funktion erfüllen.
Und genau diese Schlussfolgerung ist nicht zulässig. Thompson bestimmte die Bedingungen des evolutionären Prozesses und das Selektionskriterium, aber er bestimmte nicht die Lösung. Er wusste nicht, wie die fertige Schaltung aussehen würde, zeichnete keinen entsprechenden Schaltplan und legte nicht fest, welche Zelle welche Funktion übernehmen sollte. Vor allem programmierte er nicht jene besonderen physikalischen Wechselwirkungen als Lösungsweg, welche die Evolution offenbar ausnutzte. Er stellte einen Raum möglicher Veränderungen bereit und entschied, welche Ergebnisse sich stärker vermehren durften. Die konkrete Lösung entstand innerhalb dieses Prozesses.
Man kann den Unterschied an einem einfachen Gedankenexperiment verdeutlichen. Angenommen, jemand baut ein großes Gewächshaus, bestimmt Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Beleuchtung und lässt darin über sehr viele Generationen Organismen miteinander konkurrieren. Selbst wenn dieser Mensch die gesamte Umgebung geschaffen hätte, wäre daraus noch lange nicht abzuleiten, dass er die Anatomie jedes später darin entstandenen Organismus konstruiert hätte. Er hätte die Bedingungen geschaffen, unter denen bestimmte Entwicklungen möglich und andere unwahrscheinlich wurden. Genau diese Unterscheidung zwischen Bedingungen schaffen und Ergebnisse konstruieren ist für die Auseinandersetzung mit dem Kreationismus entscheidend.
Zweckmäßigkeit ist nicht dasselbe wie Planung
Wenn wir ein Auge betrachten, sehen wir eine erstaunlich zweckmäßige Struktur. Linse, Iris, Netzhaut, Sehnerv und neuronale Bildverarbeitung wirken so zusammen, dass aus elektromagnetischer Strahlung schließlich eine differenzierte visuelle Wahrnehmung entsteht. Daraus entwickelt sich beinahe automatisch die Intuition, eine derart komplexe Struktur müsse geplant worden sein. Doch in diesem Gedankengang findet unbemerkt ein Wechsel statt: Aus der Feststellung, dass eine Struktur eine Funktion erfüllt, wird geschlossen, sie sei mit der Absicht konstruiert worden, diese Funktion zu erfüllen.
Das eine folgt jedoch nicht aus dem anderen. Natürliche Selektion benötigt kein fertiges Konstruktionsziel. Sie benötigt Unterschiede zwischen Varianten und die Tatsache, dass manche dieser Varianten unter bestimmten Umweltbedingungen häufiger Nachkommen hinterlassen als andere. Verbessert eine geringfügige Veränderung beispielsweise die Lichtempfindlichkeit eines Organismus und verschafft ihm dadurch einen kleinen Fortpflanzungsvorteil, kann sich diese Veränderung innerhalb einer Population ausbreiten. Spätere Veränderungen bauen auf der bereits vorhandenen Struktur auf, verändern sie, verwenden Teile davon für neue Funktionen und schaffen dadurch über sehr lange Zeiträume Strukturen, deren Komplexität aus der Summe unzähliger kleiner historischer Schritte hervorgegangen ist.
Der entscheidende Unterschied liegt also weniger in der Komplexität des Ergebnisses als in der Art seiner Entstehung. Ein Ingenieur beginnt mit einer Vorstellung des gewünschten Endzustands und fragt, welche Komponenten er benötigt, um diesen Zustand zu erreichen. Evolution beginnt dagegen immer mit dem, was bereits vorhanden ist. Sie kann nur Varianten davon erzeugen und durch Selektion diejenigen bevorzugen, die unter den jeweiligen Bedingungen besser funktionieren. Deshalb ähnelt ein Organismus auch viel weniger einer Maschine vom Reißbrett, als es auf den ersten Blick scheint. Der menschliche Körper ist voller historischer Umwege, Mehrfachverwendungen, Kompromisse und Strukturen, deren seltsame Gestalt erst verständlich wird, wenn man ihre evolutionäre Vergangenheit kennt.
Evolution beginnt niemals auf einem leeren Zeichenbrett. Sie baut um, verändert vorhandene Strukturen, verwendet alte Komponenten für neue Aufgaben und arbeitet mit dem Material, das ihr die Geschichte hinterlassen hat. Gerade deshalb kann das Resultat höchst zweckmäßig sein, ohne jemals als Ganzes geplant worden zu sein. Thompsons seltsamer Schaltkreis liefert dafür ein geradezu ideales technisches Anschauungsmodell: Er funktioniert nicht deshalb, weil jemand seine Bestandteile entsprechend einem vorher entworfenen Plan angeordnet hätte, sondern weil aus vielen Varianten jene erhalten blieben, die zunehmend besser funktionierten.
Was Evolution erklärt – und was nicht
Damit ist allerdings noch keineswegs jede philosophische Frage beantwortet. Man kann durchaus weiterfragen, warum überhaupt eine Welt existiert, in der evolutionäre Prozesse möglich sind. Warum besitzt Materie Eigenschaften, aus denen stabile Atome, komplexe Moleküle, Selbstorganisation, Replikation und schließlich Leben hervorgehen können? Warum gibt es Naturgesetze, die nicht nur dauerhafte Strukturen ermöglichen, sondern offenbar auch eine Entwicklung zu immer neuen Organisationsformen zulassen?
Das sind legitime Fragen, aber es sind andere Fragen als jene, welche die biologische Evolutionstheorie beantwortet. Die Evolutionstheorie erklärt, wie sich Populationen verändern, wie Anpassungen entstehen, wie sich Arten aufspalten und wie aus früheren Lebensformen neue hervorgehen können. Sie beansprucht nicht zu erklären, warum überhaupt ein Universum mit genau jenen Eigenschaften existiert, in dem solche Prozesse möglich sind. Ebenso wenig folgt aus der Evolutionstheorie, dass es keinen Gott oder keinen geistigen Urgrund der Wirklichkeit geben könne. Eine naturwissenschaftliche Theorie über die Entwicklung des Lebens ist keine vollständige Metaphysik.
Was durch die Evolutionstheorie allerdings überflüssig wird, ist eine bestimmte Vorstellung von Schöpfung: die Vorstellung eines Gottes, der biologische Strukturen ähnlich wie ein Ingenieur entwirft und anschließend nach einem fertigen Bauplan herstellt. Genau hier liegt der Konflikt mit dem Kreationismus. Nicht die Existenz eines metaphysischen Urgrundes steht zur Debatte, sondern die Behauptung, komplexe biologische Strukturen könnten ohne einen unmittelbar planenden Konstrukteur grundsätzlich nicht entstehen.
Thompsons Experiment demonstriert im Kleinen, warum diese Schlussfolgerung nicht trägt. Man kann die Bedingungen eines evolutionären Prozesses vorgeben, ohne dessen Ergebnisse zu entwerfen. Mehr noch: Der Prozess kann Lösungen hervorbringen, die sein Initiator weder geplant noch vollständig verstanden hat.
Was wäre, wenn Schöpfung Evolution bedeutet?
Nehmen wir nun – ausdrücklich als philosophische Überlegung und nicht als naturwissenschaftliche Aussage – an, die Wirklichkeit besäße tatsächlich einen geistigen Urgrund. Dann müsste dieser Urgrund keineswegs wie ein gigantischer Uhrmacher gedacht werden, der außerhalb des Universums sitzt und Arten, Organe und Moleküle einzeln konstruiert. Man könnte Schöpfung vollkommen anders verstehen: nicht als Herstellung fertiger Dinge, sondern als Hervorbringen einer Wirklichkeit, die selbst schöpferische Möglichkeiten besitzt.
Eine solche Welt müsste nicht für jedes neue Lebewesen einen neuen göttlichen Konstruktionsakt benötigen. Ihre grundlegenden Eigenschaften würden genügen, um Selbstorganisation, Variation, Selektion und die Entstehung neuer Komplexität zu ermöglichen. Schöpfung wäre dann kein Ereignis, das irgendwann abgeschlossen wurde, sondern ein fortdauernder Prozess, in dem die Möglichkeiten der Wirklichkeit zunehmend Gestalt annehmen. Naturgesetz und Evolution wären in einer solchen Sichtweise keine Konkurrenten eines schöpferischen Weltgrundes, sondern gerade die Weise, in der sich dessen schöpferisches Potential entfaltet.
Das wäre allerdings kein Kreationismus mehr. Kreationismus versucht, naturwissenschaftliche Erklärungen biologischer Entwicklung zumindest teilweise durch unmittelbare Konstruktion zu ersetzen. Ein evolutionäres Gottesverständnis würde dagegen gerade keinen Widerspruch zwischen Schöpfung und Evolution sehen. Die Evolution wäre nicht jene Erklärung, die Gott aus der Welt verdrängt, sondern der Prozess, durch den eine schöpferisch verfasste Wirklichkeit ihre Möglichkeiten entfaltet.
Ob man einen solchen Urgrund „Gott“, „Geist“, „Natur“ oder anders nennt, ist eine weiterführende metaphysische Frage. Die Naturwissenschaft benötigt diese Annahme für ihre Erklärung der Evolution nicht. Sie kann sie aber ebenso wenig durch die Evolutionstheorie widerlegen. Damit verschiebt sich die interessante philosophische Frage von „Hat Gott die Arten konstruiert?“ zu einer wesentlich grundlegenderen: Warum ist die Wirklichkeit überhaupt so beschaffen, dass sie aus sich heraus Neues hervorbringen kann?
Die tiefere Lektion des Experiments
Adrian Thompson wollte mit seinem FPGA-Experiment keine Religionsphilosophie betreiben. Er untersuchte eine technische Frage der evolutionären Hardwareentwicklung. Gerade deshalb ist das Experiment philosophisch so interessant. Ein Mensch stellte eine materielle Umgebung bereit, definierte Selektionsbedingungen und ließ Variation und Selektion wirken. Am Ende lag vor ihm etwas, das funktionierte, obwohl er es nicht konstruiert hatte und dessen Funktionsweise sich seiner gewohnten technischen Begriffswelt teilweise entzog.
Das Experiment ist selbstverständlich kein Beweis für die biologische Evolution. Dafür gibt es eine ganz andere und wesentlich umfangreichere Evidenz aus Genetik, Paläontologie, vergleichender Anatomie, Entwicklungsbiologie, Biogeografie und direkt beobachtbaren evolutionären Veränderungen. Thompsons Experiment leistet etwas anderes: Es macht einen Mechanismus anschaulich, der unserer alltäglichen Intuition zunächst widerspricht. Wir sind gewohnt, von einer komplizierten Funktion auf einen komplizierten Plan zu schließen, weil nahezu alle funktionalen technischen Gegenstände unserer Umgebung tatsächlich auf diese Weise entstanden sind. Ein Smartphone, eine Uhr oder ein Flugzeug haben Konstrukteure. Deshalb übertragen wir diese Erfahrung leicht auf die Natur.
Doch genau hier erweist sich die Analogie von der Uhr und dem Uhrmacher als zu einfach. Zwar wird eine einzelne Uhr von einem Konstrukteur entworfen, doch selbst technische Entwicklung besitzt durchaus evolutionäre Züge. Auch Ingenieure beginnen selten auf einem völlig leeren Zeichenbrett. Sie verändern vorhandene Konstruktionen, kombinieren erfolgreiche Lösungen neu und verwerfen andere. Anschließend findet über technische Bewährung, Konkurrenz und Marktmechanismen eine zusätzliche Selektion statt. In diesem Sinne besitzen auch Autos, Computer oder Flugzeuge eine Entwicklungsgeschichte; das Automobil entstand nicht als vollkommen neue Idee aus dem Nichts, sondern über zahlreiche Zwischenschritte aus älteren Fahrzeugformen und übernahm anfangs sogar wesentliche Konstruktionsmerkmale der Kutsche. Der entscheidende Unterschied zur biologischen Evolution liegt deshalb nicht darin, dass technische Entwicklung überhaupt keine evolutionären Prozesse kennt, sondern darin, dass hier bewusste Konstruktion und Selektion ineinandergreifen. In der biologischen Evolution dagegen muss niemand die jeweils nächste Variante entwerfen oder das spätere Ergebnis kennen. Sobald Variation, Vererbung und unterschiedliche Fortpflanzungserfolge vorhanden sind, kann Selektion funktionale Strukturen über viele Generationen verändern und verfeinern. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur: „Wer hat dieses Organ konstruiert?“, sondern vor allem: „Durch welche Entwicklungsgeschichte konnte diese Struktur entstehen?“ Aus der Suche nach einem Bauplan wird die Rekonstruktion eines historischen Prozesses.
Thompsons Schaltkreis macht diesen Unterschied auf einem unscheinbaren Stück Silizium sichtbar. Der Mensch hatte das Problem formuliert und die Selektionsbedingungen geschaffen, aber die Antwort nicht vorgegeben. Und weil diese Evolution auf realer Hardware stattfand, konnte sie sogar physikalische Eigenschaften ihrer Umwelt nutzen, die kein Ingenieur als Bestandteil der Lösung geplant hatte. Genau darin liegt die entscheidende Lektion des Experiments: Funktionale Ordnung benötigt keinen Plan, in dem die fertige Ordnung bereits vorweggenommen wird.
Daraus folgt weder, dass es keinen Gott gibt, noch dass die Existenz eines Universums, in dem solche Prozesse möglich sind, keiner weiteren Erklärung bedarf. Es folgt lediglich, dass wir zwischen Schöpfung und Konstruktion unterscheiden sollten. Wer einen geistigen oder göttlichen Urgrund der Wirklichkeit annimmt, muss sich diesen nicht als kosmischen Ingenieur vorstellen, der jedes Lebewesen einzeln am Reißbrett entwirft. Schöpfung ließe sich ebenso als Hervorbringen einer Wirklichkeit verstehen, die selbst schöpferisch ist – einer Welt, in der aus einfachen Voraussetzungen durch Selbstorganisation und Evolution tatsächlich Neues entstehen kann.
Adrian Thompsons kleiner FPGA sagt uns nicht, ob eine solche metaphysische Vorstellung wahr ist. Aber er zeigt uns etwas, das für diese Frage von grundlegender Bedeutung ist: Wenn wir in der Natur auf etwas treffen, das erstaunlich gut funktioniert, dürfen wir aus dieser Zweckmäßigkeit nicht automatisch auf einen Konstrukteur schließen, der genau diese Lösung geplant haben muss. Evolution bietet eine andere Erklärung für den Anschein von Konstruktion – nicht durch einen vorausgehenden Bauplan, sondern durch die kumulative Wirkung einer Geschichte.
Manchmal gibt es keinen Bauplan.
Es gibt eine Geschichte.

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