Antwort an einen offenen Brief

Ich bekam einen offenen Brief meines Freundes Matthias Glage, auf den ich hier gerne ebenso öffentlich antworten möchte. Zunächst; was stand in diesem Brief?

Der offene Brief mit den Fragen

„Lange schon tausche ich mit meinem Freund Gerhard Hoeberth Meinungen aus, auch zum Nahostkonflikt, zur Rolle der Hamas, der Netanjahu-Regierung oder Äusserungen von Historikern (Zimmermann, Goldberg)

Matthias Glage
Juni 04, 2026

Lieber Gerhard,
Dein Profilbild als Teil einer „United Humanity of Terra“ zeigt eine beeindruckende Vision: Eine Menschheit, die auf Vernunft, Wissenschaft und universalen Werten basiert. Doch wenn ich auf die aktuelle Realität in Israel blicke – dem Land, das uns beiden so wichtig ist –, sehe ich eine tiefe Zerrissenheit, wie sie mein Bild ausdrückt.

Ich schätze Deine Intelligenz und Deinen Einsatz für liberale Werte, aber gerade deshalb möchte ich Dir drei Fragen stellen, die mich umtreiben:

Zur Symbiose der Gegner: Wenn wir sehen, dass Netanjahu und die Hamas sich in einer unheilvollen Symbiose gegenseitig an der Macht halten, während sie die Hoffnung auf Frieden zerstören – wie kommen wir aus dieser Logik der Trennung zurück zu einer Vision von Einheit („United Humanity“)?

Zum Wert der Kritik: In einer aufgeklärten Gesellschaft ist Kritik das wichtigste Werkzeug der Selbstreinigung. Wenn israelische Denker vor dem Zerfall der Demokratie unter der aktuellen Regierung warnen – schwächen sie damit wirklich die Front gegen die Feinde, oder verteidigen sie nicht vielmehr den Kern dessen, was eine menschliche Gemeinschaft ausmacht?

Mittel vs. Zweck: Kann die „völlige Vernichtung“ eines Feindes jemals zu einer geeinten Menschheit führen, wenn dabei die moralische Substanz der einzigen Demokratie der Region auf dem Spiel steht?

Was mich besonders besorgt, ist die Beobachtung, dass die aktuelle Politik auf beiden Seiten bereits die Jugend zu gegenseitigem Hass erzieht. Wenn wir zulassen, dass Feindbilder zum Lehrplan werden, zerstören wir die Basis für jede künftige „United Humanity“.

Wahre Freundschaft zu Israel bedeutet für mich, nicht zu schweigen, wenn das Land, das wir als Leuchtturm der Freiheit schätzen, Gefahr läuft, seine moralische Autorität zu verlieren.

Wie bauen wir die Brücke von der heutigen Trauer zu Deiner Vision einer geeinten Zukunft? „

Der Brief ist auf Substack nachzulesen.

Nun möchte ich mir die Zeit nehmen, detailliert darauf zu antworten.

Meine Antwort

Lieber Matthias,

zunächst danke für Deinen offenen Brief. Ich nehme ihn auch deshalb ernst, weil ich weiß, dass er nicht aus Feindseligkeit gegenüber Israel entsteht, sondern aus Sorge um Israel.

Gerade deshalb möchte ich versuchen, auf Deine Fragen einzugehen. Allerdings glaube ich, dass einige der Prämissen, auf denen sie beruhen, einer genaueren Betrachtung bedürfen.

Du fragst nach dem Weg von der heutigen Tragödie zu einer geeinten Menschheit.

Das ist auch meine Frage. Allerdings beginnt jede sinnvolle Antwort mit einer möglichst präzisen Beschreibung der Realität. Und genau dort sehe ich einige Probleme.

Du schreibst von einer „unheilvollen Symbiose“ zwischen Netanjahu und der Hamas, die sich gegenseitig an der Macht hielten.
Politisch lässt sich darüber diskutieren. Tatsächlich haben radikale Kräfte auf beiden Seiten immer wieder von der Existenz der jeweils anderen profitiert. Die Hamas stärkt die israelische Rechte. Die israelische Rechte stärkt die Hamas.

Aber aus dieser politischen Wechselwirkung wird häufig eine moralische Symmetrie konstruiert, die ich nicht für gerechtfertigt halte.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, wer politisch von wem profitiert.
Die entscheidende Frage lautet: Wer bedroht die Existenz des anderen?

Seit der Staatsgründung Israels 1948 wurde Israel von seinen Nachbarn mehrfach militärisch angegriffen. Die Ablehnung eines jüdischen Staates begann nicht mit Netanjahu. Sie begann nicht mit der Besatzung. Sie begann nicht mit dem Gaza-Krieg. Sie begann bereits vor der Existenz Israels.
Der Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 sah einen jüdischen und einen arabischen Staat vor. Die jüdische Seite akzeptierte ihn. Die arabische Seite lehnte ihn ab und eröffnete stattdessen einen Krieg.
Dieses Muster zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.
1967 drohten die umliegenden Staaten offen mit der Vernichtung Israels.
1973 folgte der nächste Angriff.
Die Hamas erklärt bis heute nicht, wie zwei Staaten friedlich nebeneinander existieren sollen. Ihr Ziel war und ist die Beseitigung Israels.

Natürlich kann man die Politik Netanjahus kritisieren. Das tue ich selbst häufig. Aber zwischen der Kritik an einer Regierung und der Ablehnung der Existenz eines Staates besteht ein fundamentaler Unterschied.

  • Würde die Hamas morgen ihre Waffen niederlegen und das Existenzrecht Israels anerkennen, gäbe es Frieden.
  • Würde Israel morgen seine Waffen niederlegen, gäbe es kein Israel mehr.

Dieser Unterschied ist keine Nebensächlichkeit. Er ist der Kern des Konflikts. Deshalb halte ich die Darstellung einer symmetrischen Verantwortung für irreführend.

Du fragst weiterhin nach dem Wert der Kritik.

Hier stimme ich Dir ausdrücklich zu. Eine Demokratie lebt von Kritik. Israels Stärke bestand immer darin, dass es sich selbst hinterfragt. Historiker, Journalisten, Richter, Oppositionspolitiker und Bürger kritisieren dort die Regierung oft schärfer als viele internationale Beobachter.

Gerade das unterscheidet Israel von seinen Feinden.

Die Frage ist daher nicht, ob Israel kritisiert werden darf. Selbstverständlich darf es das.

Die Frage ist vielmehr, ob Israel nach denselben Maßstäben beurteilt wird wie andere Staaten.

  • Wenn Israel für zivile Opfer kritisiert wird, ist das legitim. Wenn aber gleichzeitig die systematische Instrumentalisierung der eigenen Zivilbevölkerung durch die Hamas ignoriert wird, entsteht ein verzerrtes Bild.
  • Wenn Israel vorgeworfen wird, einen Krieg gegen die Hamas zu führen, während die Hamas bewusst Schulen, Krankenhäuser, Moscheen und Wohngebiete militärisch nutzt, wird Ursache und Wirkung vertauscht.
  • Wenn Israel für jede militärische Reaktion moralisch verurteilt wird, während das Massaker vom 7. Oktober bereits wenige Wochen später relativiert oder vergessen wird, entsteht kein ausgewogenes Urteil.

Kritik verliert ihren aufklärerischen Charakter, wenn sie selektiv wird.

Du fragst, ob die Vernichtung des Feindes jemals zu einer geeinten Menschheit führen könne.

Hier fällt zunächst auf, dass bereits die Wortwahl problematisch ist.

  • Israel spricht von der Zerschlagung der Hamas.
  • Die Hamas spricht von der Vernichtung Israels.

Das ist nicht dasselbe.

Die Niederlage des Nationalsozialismus bedeutete nicht die Vernichtung der Deutschen.

Die Niederlage des Islamischen Staates bedeutete nicht die Vernichtung der Muslime.

Die Zerschlagung einer totalitären Ideologie ist etwas anderes als die Vernichtung eines Volkes.

Niemand würde heute behaupten, die Alliierten hätten 1945 den Krieg so fortsetzen sollen, um die moralische Integrität Deutschlands zu schützen, dass die Nationalsozialisten weiter an der Macht bleiben.

Natürlich muss jede Demokratie darauf achten, im Kampf gegen ihre Feinde nicht selbst ihre Werte zu verlieren. Das gilt auch für Israel. Aber daraus folgt nicht, dass eine Demokratie verpflichtet wäre, Organisationen wie Hamas oder Hisbollah dauerhaft bestehen zu lassen.

Besonders nachdenklich stimmt mich Deine Aussage über

die Erziehung zum Hass auf beiden Seiten.

Ja, es gibt Hass auf beiden Seiten. Ja, es gibt auch in Israel Nationalisten, Extremisten und Fanatiker.
Aber auch hier halte ich die Gleichsetzung für problematisch.

  • In Israel sitzen Araber im Parlament.
  • Arabische Richter urteilen über jüdische Angeklagte.
  • Arabische Ärzte behandeln jüdische Patienten.
  • Arabische Soldaten dienen freiwillig in der Armee.
  • Arabische Parteien beeinflussen politische Mehrheiten.
  • Arabische Hochschulprofessoren lehren an Universitäten.

All dies existiert.

Gleichzeitig dokumentieren zahlreiche Untersuchungen seit Jahren, dass in Teilen des palästinensischen Bildungssystems Juden nicht als Nachbarn, sondern als Feinde dargestellt werden.

  • Märtyrertum wird glorifiziert.
  • Terroristen werden als Helden verehrt.
  • Angörige von Märtyrern erhalten Rentenzahlungen
  • Schulbücher beschreiben häufig nicht die Koexistenz zweier Staaten, sondern die vollständige Rückeroberung Israels.

Wer die Zukunft betrachten möchte, sollte deshalb nicht nur fragen, ob Hass existiert.
Er sollte fragen, wie tief dieser Hass institutionell verankert ist.
Genau dort erkenne ich einen entscheidenden Unterschied.

Die vielleicht wichtigste Frage lautet jedoch:
Warum wird ausgerechnet Israel so häufig als Hauptproblem des Nahen Ostens betrachtet? Der Nahe Osten leidet unter Diktaturen, religiösem Fundamentalismus, Frauenunterdrückung, Verfolgung religiöser Minderheiten, Bürgerkriegen und autoritären Herrschaftsformen.
Trotzdem richtet sich ein überproportionaler Teil der internationalen Empörung gegen den einzigen Staat der Region, in dem freie Wahlen stattfinden, in dem Gerichte unabhängig urteilen, in dem Opposition erlaubt ist und in dem Juden, Christen, Muslime, Drusen und Bahai gemeinsam leben.

Das bedeutet nicht, dass Israel über Kritik erhaben wäre.
Aber es bedeutet, dass wir uns fragen sollten, warum die Aufmerksamkeit so selektiv verteilt ist.

An dieser Stelle möchte ich noch einen Punkt ansprechen, der in vielen Debatten zunehmend ausgeblendet wird: den

Unterschied zwischen Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus

Die Regierung Netanjahu zu kritisieren, ist selbstverständlich legitim. Die Siedlungspolitik zu kritisieren, ist legitim. Militärische Entscheidungen zu kritisieren, ist legitim. Gerichtsreformen zu kritisieren, ist legitim.

All das geschieht täglich innerhalb Israels selbst – oft wesentlich schärfer als in Europa. Problematisch wird es dort, wo die Kritik nicht mehr einer konkreten Regierung oder Maßnahme gilt, sondern dem Existenzrecht Israels selbst.
Genau das ist die historische Bedeutung des Zionismus.
Zionismus bedeutet ursprünglich nichts anderes als die Überzeugung, dass das jüdische Volk – wie andere Völker auch – das Recht auf nationale Selbstbestimmung besitzt.

Man muss deshalb eine einfache Frage stellen:
Welches andere Volk der Welt soll auf dieses Recht verzichten?

  • Fordert jemand die Auflösung Japans?
  • Die Auflösung Frankreichs?
  • Die Auflösung Polens?
  • Die Auflösung Ägyptens?

Nein.
Wenn jedoch ausgerechnet beim jüdischen Staat gefordert wird, dass er als Nationalstaat verschwinden müsse, dann wird ein Maßstab angewandt, der auf kein anderes Volk angewendet wird. Genau deshalb betrachten viele Juden den modernen Antizionismus als eine neue Erscheinungsform des Antisemitismus.
Nicht weil jede Kritik antisemitisch wäre.
Sondern weil die Existenz des einzigen jüdischen Staates der Welt häufig mit Maßstäben beurteilt wird, die für keinen anderen Staat gelten.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt.
In vielen westlichen Debatten wird Israel als koloniales Projekt dargestellt. Diese Erzählung ignoriert jedoch die Geschichte der Juden vollständig. Juden sind keine europäischen Kolonialherren, die zufällig in den Nahen Osten eingewandert sind. Sie sind ein Volk, dessen kulturelle, religiöse und historische Wurzeln genau dort liegen. Jerusalem war bereits das Zentrum jüdischer Kultur, als viele heutige Nationalstaaten noch nicht existierten. Zudem stammt heute ein großer Teil der israelischen Bevölkerung nicht aus Europa, sondern aus arabischen und islamischen Ländern, aus denen Juden vertrieben oder zur Flucht gezwungen wurden. Wenn man Israel ausschließlich als Kolonialprojekt beschreibt, verschwindet diese Geschichte aus dem Blickfeld.

Besonders problematisch erscheint mir jedoch die Entwicklung nach dem 7. Oktober.
Innerhalb weniger Wochen wurde in Teilen der westlichen Öffentlichkeit aus einem der größten antisemitischen Massaker seit dem Holocaust wieder eine Debatte über die angeblichen Verfehlungen Israels.
Juden wurden und werden weltweit bedroht, Synagogen angegriffen, jüdische Studenten eingeschüchtert.
Gleichzeitig übernahmen die Menschen Parolen wie „From the River to the Sea“, deren praktische Konsequenz die Auflösung Israels wäre. Viele Menschen verwenden diese Parole, ohne sich darüber Gedanken zu machen.
Aber man sollte sich fragen:
Was geschieht mit den etwa zehn Millionen Israelis, wenn der jüdische Staat verschwindet? Wohin gehen sie? Wer schützt sie? Welche historische Erfahrung gibt Anlass zu der Annahme, dass Juden im Nahen Osten ohne eigenen Staat sicher wären?

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts spricht leider eine andere Sprache.

Gerade deshalb halte ich die Existenz Israels nicht für ein Hindernis auf dem Weg zu einer geeinten Menschheit.
Im Gegenteil.
Eine geeinte Menschheit kann nur auf dem Prinzip beruhen, dass jedes Volk dieselben Rechte besitzt. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Wer den Palästinensern nationale Selbstbestimmung zugesteht, sollte sie auch den Juden zugestehen. Wer das Existenzrecht aller Staaten verteidigt, sollte auch das Existenzrecht Israels verteidigen. Und wer tatsächlich von einer „United Humanity“ träumt, sollte darauf achten, dass universelle Maßstäbe wirklich universell angewendet werden. Denn eine Menschheit, die für alle dieselben Rechte fordert, ist etwas anderes als eine Menschheit, die für Juden andere Regeln aufstellt als für alle anderen.

United Humanity

Wir teilen die Vision einer geeinten Menschheit, das weißt du.
Aber der Weg dorthin beginnt nicht mit moralischer Gleichsetzung.
Er beginnt mit der Bereitschaft, Unterschiede zu erkennen.
Zwischen Demokratie und Diktatur.
Zwischen Selbstverteidigung und Vernichtungswillen.
Zwischen berechtigter Kritik und delegitimierender Feindbildproduktion.

Und er beginnt mit der Erkenntnis, dass Frieden nicht dadurch entsteht, dass man beide Seiten für gleichermaßen schuldig erklärt, sondern dadurch, dass diejenigen Kräfte gestärkt werden, die tatsächlich bereit sind, den anderen dauerhaft existieren zu lassen.
Genau deshalb halte ich die Zukunft Israels für eine Frage, die weit über Israel hinausgeht.
Denn am Ende geht es nicht nur um einen territorialen Konflikt.
Es geht um die Frage,
ob eine offene, liberale und pluralistische Gesellschaft in einer zunehmend von religiösem und autoritärem Extremismus bedrohten Welt bestehen kann.

Seine Antwort an meine Antwort:

Hier im Original.

Lieber Gerhard,

zunächst aber danke ich Dir sehr für Deine tiefe und gedanklich so klare Antwort. Ich schätze es sehr, dass wir diesen Dialog auf einem Niveau führen können, das über bloße Schlagworte hinausgeht.

Du hast recht: Es gibt keine moralische Symmetrie zwischen einer gewählten Regierung einer Demokratie und einer nihilistischen Terrororganisation wie der Hamas. Ich stimme Dir in fast allen Deinen historischen Einordnungen zu – insbesondere darin, dass Israel das Recht hat, sich zu verteidigen. Ich sehe den grausamen Anschlag vom 7. Oktober im Übrigen auch als einen gezielten Versuch, die hoffnungsvollen Entwicklungen der Abraham-Abkommen zu zerstören, die damals sogar mit Saudi-Arabien möglich schienen. Die Hamas wollte den Weg der diplomatischen Annäherung mit Blut versperren.

Doch genau hier möchte ich ansetzen und unsere Perspektiven zusammenführen:

1. Das Beispiel Südafrika und der demokratische Standard Du betonst die Stärke der israelischen Demokratie. Mein Vorbild für eine Lösung ist oft der Weg Südafrikas: Von der Apartheid zu gleichen Rechten für alle. Ohne Nelson Mandela wäre er schwerlich möglich geworden. Natürlich weiß ich, dass der Weg dorthin „Erziehung gegen den Hass“ und viel Zeit braucht – das ist ein Generationenprojekt. Aber gerade weil Israel eine Demokratie ist, erwarte ich von ihr ein Handeln, das diesen Weg offenhält, statt ihn durch Siedlungspolitik physisch zu verbauen.

2. Realismus und Hoffnung an der Basis Ich bin nicht blauäugig: Eine unbegrenzte Rückkehr aller Flüchtlinge ist aufgrund der schieren Anzahl heute nicht mehr vorstellbar, ohne die Stabilität sofort zu sprengen. Aber es gibt ermutigende Zeichen an der Basis: In Israel existieren wunderbare Initiativen, in denen Juden und Palästinenser gemeinsam unterrichtet werden. Diese Keimzellen einer gemeinsamen Zukunft müssen geschützt werden. Wer eine „United Humanity“ denkt, muss fragen, wie man diesen Geist des Miteinanders gegen die Logik der Separation verteidigt.

3. Regionale Integration: Von Rabin bis Marokko Was mich optimistisch stimmt, sind Beispiele wie Marokko – ein Land, in dem ich lebe und das zeigt, wie tief die jüdisch-arabischen Wurzeln miteinander verwoben sind. Dass Israel und Marokko heute so enge Beziehungen pflegen, beweist, dass die kulturelle Symbiose im Orient keine Utopie ist. Jitzchak Rabin hatte diese Vision eines „Friedens der Mutigen“ bereits – sein Erbe lebt in der Hoffnung, dass Integration möglich ist, wenn der politische Wille da ist.

4. Die Rhetorik des Raumes Du kritisierst zu Recht den Slogan „From the River to the Sea“ bei den Gegnern Israels. Aber wir müssen ehrlich sein: Dieser exklusive Anspruch wird heute auch von Teilen der israelischen Regierung erhoben. Wenn auf beiden Seiten Kräfte regieren, die den Raum nur für sich beanspruchen, wird die Unterscheidung zwischen „Zerschlagung des Terrors“ und „Verdrängung des anderen Volkes“ für die Menschen vor Ort oft unkenntlich.

Mein Eintreten für eine Vision, die über den klassischen Nationalstaat hinausgeht, entspringt der Überzeugung, dass die ultimative Sicherheit Israels nicht in immer höheren Mauern liegt, sondern in einer regionalen Einbindung und einem demokratischen Raum, der allen seinen Bürgern Schutz bietet. Die offene Gesellschaft beweist ihre Stärke nicht nur im Sieg über ihre Feinde, sondern in ihrer Fähigkeit, den Teufelskreis aus Gewalt und Exklusion durch radikale Menschlichkeit zu durchbrechen.

Ich freue mich auf Deine Gedanken dazu.

Herzliche Grüße, Matthias

Meine 2. Antwort:

Lieber Matthias,

zunächst möchte ich mich nochmals für Deinen zweiten Brief bedanken.

Ich habe den Eindruck, dass wir im Laufe dieses Austausches herausarbeiten können, dass wir in wichtigen Punkten übereinstimmen. Wir teilen offenbar die Überzeugung, dass die Zukunft weder im Hass noch in der ewigen Fortsetzung eines Krieges liegen kann. Wir teilen auch die Hoffnung, dass Integration, Dialog und gegenseitige Anerkennung langfristig stärker sein können als Gewalt und Fanatismus.

Gerade deshalb möchte ich auch auf Deinen Verweis auf Südafrika eingehen.

Südafrika

Interessanterweise ist Südafrika für mich ebenfalls ein faszinierendes Beispiel – allerdings aus einem Grund, der vielen Menschen nicht bekannt ist. Du kennst meine Beschäftigung mit Spiral Dynamics. Weniger bekannt ist, dass dieses Modell tatsächlich eine konkrete Rolle beim friedlichen Übergang Südafrikas aus der Apartheid spielte.

Don Beck, einer der wichtigsten Vertreter von Spiral Dynamics und enger Mitarbeiter von Clare Graves, arbeitete über viele Jahre direkt in Südafrika. Er beriet Politiker, Wirtschaftsführer, Stammesvertreter und gesellschaftliche Akteure unterschiedlichster Lager – darunter Menschen aus dem Umfeld von Nelson Mandela, F.W. de Klerk und Mangosuthu Buthelezi.

Sein Ansatz bestand nicht darin, Unterschiede aufzulösen oder Identitäten zu beseitigen. Er versuchte vielmehr, die unterschiedlichen Werte- und Denkstrukturen der beteiligten Gruppen zu verstehen und ein gemeinsames übergeordnetes Ziel zu entwickeln, das stark genug war, die Eskalationsspirale zu durchbrechen.

In der Sprache von Spiral Dynamics ging es darum, nicht die Verschiedenheit zu beseitigen, sondern sie auf einer höheren Ebene zu integrieren.

In diesem Punkt stimme ich Deinem Grundgedanken ausdrücklich zu. Auch ich glaube, dass Frieden letztlich nur entstehen kann, wenn Menschen lernen, über ihre unmittelbare Gruppenidentität hinauszuwachsen.

Doch genau hier beginnt für mich auch der entscheidende Unterschied zwischen Südafrika und dem Nahen Osten.

Der Unterschied

In Südafrika kämpfte die schwarze Bevölkerungsmehrheit nicht gegen die Existenz Südafrikas.

Mandela wollte nicht die Abschaffung Südafrikas. Er wollte gleiche Rechte innerhalb Südafrikas. Die Weißen sollten bleiben. Die Schwarzen sollten bleiben. Alle sollten Bürger desselben Staates werden.
Das war die Grundlage, auf der Integration überhaupt denkbar wurde.

Im Nahen Osten stehen wir jedoch vor einer anderen Situation.
Hier begegnen sich zwei nationale Bewegungen, die jeweils eigene historische Identitäten, Traumata und Selbstbestimmungsansprüche besitzen. Die Juden betrachten Israel als ihren Nationalstaat. Die Palästinenser betrachten Palästina als ihre Heimat. Deshalb halte ich die Situation strukturell eher für vergleichbar mit Konflikten wie Indien und Pakistan, Griechenland und der Türkei oder Serben und Kroaten als mit Südafrika.

Die eigentliche Frage lautet deshalb:
Was wäre heute das gemeinsame übergeordnete Ziel, das Israelis und Palästinenser miteinander verbinden könnte?

Abraham-Abkommen

Genau hier sehe ich die große Bedeutung der Abraham-Abkommen. Viele Beobachter betrachteten sie lediglich als diplomatische Vereinbarungen.
Ich glaube, sie waren weit mehr. Sie waren der Versuch, einen neuen Möglichkeitsraum zu eröffnen. Einen Raum gemeinsamer wirtschaftlicher Entwicklung, regionaler Integration und gegenseitiger Interessen.

Nachweislich war genau das der Grund, weshalb die Hamas (im Auftrag des Iran) den 7. Oktober inszenierte. Denn nichts gefährdet eine Ideologie des ewigen Konflikts stärker als die Aussicht auf Normalisierung.

Marokko

Du erwähnst Marokko.
Auch ich halte die Beziehungen zwischen Marokko und Israel für eines der hoffnungsvollsten Beispiele der letzten Jahre. Sie zeigen, dass Juden und Araber keineswegs naturgegeben dazu bestimmt sind, Feinde zu sein. Die Geschichte liefert dafür auch unzählige Gegenbeispiele.
Aber sie zeigt zugleich, dass Frieden immer dort entsteht, wo die Existenz des anderen akzeptiert wird.
Und genau an diesem Punkt sehe ich weiterhin die größte Herausforderung.

Hardliner auf beiden Seiten

Du schreibst völlig zu Recht, dass auch Teile der israelischen Rechten heute eine exklusive Vorstellung des Raumes vertreten.
Dem stimme ich zu.
Ben Gvir, Smotrich und Teile der radikalen Siedlerbewegung vertreten Positionen, die ich weder politisch noch moralisch verteidigen möchte.

Wer die Vertreibung von Palästinensern fordert, verrät die humanistischen Grundlagen, auf denen Israel gegründet wurde. Auch die Gewalt extremistischer Siedler gegen Palästinenser ist kriminell und muss als solche behandelt werden. Ich halte es für eine legitime Kritik an Israel, dass diese Straftaten häufig nicht mit der Konsequenz verfolgt werden, die ein Rechtsstaat eigentlich aufbringen müsste.
Hier gibt es reale Probleme, die benannt werden müssen.

Aber genau an diesem Punkt trennt sich für mich Kritik von Delegitimierung.
Denn die Existenz extremistischer Siedler beweist nicht, dass Israel als Ganzes ein verbrecherischer Staat wäre.
So wie die Existenz rechtsextremer Parteien Deutschland nicht zu einem faschistischen Staat macht.
So wie islamistische Anschläge Europa nicht zu einem islamistischen Kontinent machen.

Die entscheidende Frage lautet immer:

Wie funktioniert das Gesamtsystem?

Südafrika und der Vorwurf „Genozid“ und „Apartheid“

Und hier sehe ich einen fundamentalen Unterschied zwischen Israel und seinen Feinden.

  • In Israel können Araber Richter werden.
  • Sie können Abgeordnete werden.
  • Sie können Universitätsprofessoren werden.
  • Sie können Ärzte, Unternehmer oder Offiziere werden.
  • Arabische Parteien sitzen im Parlament.
  • Arabische Richter haben Ministerpräsidenten verurteilt.
  • Arabische Soldaten dienen freiwillig in der Armee.

Genau deshalb tue ich mich schwer mit dem häufig verwendeten Apartheid-Vergleich. Apartheid bedeutete in Südafrika die systematische rechtliche Trennung von Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Die arabischen Staatsbürger Israels besitzen dagegen dieselben staatsbürgerlichen Rechte wie jüdische Israelis. Man kann über Benachteiligungen, soziale Unterschiede oder politische Konflikte sprechen. Aber die Verwendung des Apartheid-Begriffs erscheint mir deshalb analytisch unzutreffend.

Deshalb finde ich es zutiefst irritierend, dass ausgerechnet das heutige Südafrika zu den lautstärksten Anklägern Israels gehört. Nicht weil Kritik an Israel unzulässig wäre. Sondern weil man erwarten würde, dass gerade Südafrika besonders sensibel zwischen tatsächlicher Apartheid und anderen Konfliktformen unterscheiden kann.
Ich sehe deshalb die Gefahr, dass moralisch aufgeladene Begriffe heute häufig eher zur politischen Mobilisierung als zur präzisen Beschreibung der Realität verwendet werden.
Und das sorgt wahrscheinlich für eine Delegitimierung Südafrikas als positives Beispiel für eine Entwicklung im Nahen Osten.

Versöhnung durch Integration

Trotz all dieser Unterschiede bleibt jedoch ein Punkt, in dem ich Dir ausdrücklich zustimme. Jede Schule, in der jüdische und arabische Kinder gemeinsam lernen, ist wertvoll. Jedes Integrationsprojekt ist wertvoll. Jede Begegnung, die den Menschen hinter dem Feindbild sichtbar macht, ist wertvoll.
Denn Frieden entsteht niemals ausschließlich durch Verträge.
Er entsteht durch Menschen. Durch Vertrauen. Durch gemeinsame Erfahrungen. Durch die Erkenntnis, dass die andere Seite nicht nur aus Symbolen und Narrativen besteht, sondern aus realen Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und Familien.

In diesem Sinne sehe ich aber auch keinen Widerspruch zwischen Selbstverteidigung und Versöhnung.

  • Man kann das Existenzrecht Israels verteidigen und gleichzeitig jede Form von Entmenschlichung der Palästinenser ablehnen.
  • Man kann Hamas bekämpfen und zugleich die Würde der palästinensischen Bevölkerung anerkennen.
  • Man kann Siedlergewalt verurteilen, ohne daraus die Delegitimierung Israels abzuleiten.

Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit:

Nicht zwischen den Lagern zu wählen, sondern die Fähigkeit zu entwickeln, mehrere Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten. Und das entgegen den Bestrebungen der Hardliner auf beiden Seiten, die negativen Seiten des anderen für eine absolute Dämonisierung zu instrumentalisieren.

Aus der Perspektive von Spiral Dynamics würde ich sagen:
Die Zukunft entsteht nicht dadurch, dass eine Seite die andere besiegt.
Sie entsteht dadurch, dass wir ein gemeinsames Ziel finden, das größer ist als die Ängste beider Seiten.
Genau deshalb bleibt für mich die Vision einer „United Humanity“ wichtig. Nicht als Verneinung von Identitäten. Sondern als ihre Integration auf einer höheren Ebene.

Herzliche Grüße

Gerhard


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Antwort an einen offenen Brief“

  1. Avatar von Manfred Reichelt

    Sehr klar gesehen. Danke. Diesen Beitrag sollte jeder lesen, den der Konflikt um Israel beschäftigt.

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