{"id":37,"date":"2024-08-28T11:51:11","date_gmt":"2024-08-28T09:51:11","guid":{"rendered":"https:\/\/struktur.hoeberth.de\/wordpress\/?p=37"},"modified":"2024-09-17T17:41:42","modified_gmt":"2024-09-17T15:41:42","slug":"konstruktivismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/struktur.hoeberth.de\/wordpress\/2024\/08\/28\/konstruktivismus\/","title":{"rendered":"Konstruktivismus"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"457\" src=\"https:\/\/struktur.hoeberth.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/0003.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-39\" srcset=\"https:\/\/struktur.hoeberth.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/0003.jpg 800w, https:\/\/struktur.hoeberth.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/0003-300x171.jpg 300w, https:\/\/struktur.hoeberth.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/0003-768x439.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Konstruktivismus<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Vor Kurzem wurde ich wieder mit einem Neurobiologen konfrontiert &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Farben oder Ger\u00fcche gibt es erst als Folge unserer Wahrnehmung, dahinter stehen tats\u00e4chlich Wellenl\u00e4ngen von Licht oder Molek\u00fcle in der Luft . Denke \u00fcber Anthropomorphismus nach. Die Welt da drau\u00dfen ist erschreckend tot.\u00ab<br>Darauf m\u00f6chte ich mich kurz einlassen, weil es immer wieder als \u203aredliches Argument einer glaubensfreien Vernunft\u2039 angesehen wird: \u00bbFarben gibt es nicht, nur Lichtfrequenzen.\u00ab \u00bbGer\u00fcche gibt es nicht, nur Molek\u00fcle, auf die unsere Nase reagiert&#8230;\u00ab Usw. In Wirklichkeit aber entspringt es dem fundamentalistischen Glauben an eine materialistische Wirklichkeit, zu der Mensch nur einen konstruktivistischen Zugang hat. Deshalb geht man davon aus, dass die Welt ganz anders ist, als sie uns erscheint. Deshalb m\u00f6chte ich den Konstruktivismus mal kurz dekonstruieren \ud83d\ude09<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-large-font-size\"><br>1.1&nbsp;&nbsp; &nbsp;Konstruktivismus?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Nat\u00fcrlich sind ph\u00e4nomenale Wirklichkeiten keine eins zu eins Spiegelungen der realen Au\u00dfenwelt. Die flexible Struktur jedes biologischen Systems reagiert auf die Wechselwirkungen mit der Umgebung \u00e4u\u00dferst spezifisch. So wird bei einem Menschen Licht nur von den Augen wahrgenommen, Schall nur von den Ohren, usw. Viele Einfl\u00fcsse aus der Umgebung werden so durch den Organismus in bestimmte Bahnen gelenkt. Deshalb interpretiert zum Beispiel mein Gehirn ein Signal, das von meinem Auge kommt, immer als Licht, auch wenn der Reiz dadurch ausgel\u00f6st wurde, weil ich eine Faust aufs Auge bekam.<br>Da jeder Organismus seine eigene Struktur hat, welche die Signale der Welt in bestimmte Kan\u00e4le leitet, baut sich jeder Organismus seine eigene Welt auf. Viele Dinge werden von manchen Organismen gar nicht wahrgenommen und sind damit auch keine Bestandteile der Welt dieser Wesen. So ist Licht f\u00fcr viele Tiefseebewohner nicht vorhanden. Ihre Welt ist selbst dann lichtlos, wenn sie mit einem starken Scheinwerfer angestrahlt werden. Licht ist ihrem System fremd, es kommt in ihrer Welt nicht vor. Man kann daher auch nicht sagen, dass sie im Dunkeln leben. Dunkelheit ist der Gegenpol von Licht. Wenn es in einer ph\u00e4nomenalen Welt kein Licht gibt, dann gibt es auch keine Dunkelheit.<br>Mit anderen Worten, die Welt, in der wir leben, ist von unserer k\u00f6rperlichen Organisation abh\u00e4ngig. Wenn wir andere Sinne h\u00e4tten, dann w\u00fcrden wir in einer anderen Welt leben. Andererseits ist aber diese k\u00f6rperliche Organisation von der Welt abh\u00e4ngig, da sie w\u00e4hrend der Evolution in enger Kopplung mit ihr entstanden ist. W\u00e4re also die Welt f\u00fcr mich tats\u00e4chlich eine g\u00e4nzlich andere, wenn ich einen andern K\u00f6rper h\u00e4tte?<br>K\u00f6nnen wir unseren Wahrnehmungen vertrauen? Wenn wir nichts anderes im Bewusstsein haben, als unsere eigene K\u00f6rperlichkeit, wie sollten wir darauf vertrauen, dass diese K\u00f6rperlichkeit ein reales Abbild der uns umgebenden Wirklichkeit bietet? Wenn jedes Signal, dass von Sehnerv eintrifft, als Licht interpretiert wird, dann ist Licht vielleicht etwas ganz anderes, als das, was wir wahrnehmen.<br>Wir sollten hier einen kurzen Abstecher in die Erkenntnistheorie machen. Wie weit ist die Welt, wie wir sie sehen, mit der Welt identisch, wie sie tats\u00e4chlich ist? Ist die Welt das, was wir glauben, dass sie sei? Konstruktivisten meinen, dass wir die Welt in der Wahrnehmung erst erfinden. Dass wir also die Welt keinesfalls so wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen, weil sie so ist wie wir sie sehen, sondern dass wir die Welt wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen, weil wir so sind, wie wir sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-large-font-size\"><br>1.2&nbsp;&nbsp; &nbsp; Blinder Fleck<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Nehmen wir als Beispiel den Blinden Fleck. Wer kennt nicht den Versuch: Auf einem Blatt Papier sind zwei Punkte aufgemalt. Man schlie\u00dft das rechte Auge und sieht nur mit dem linken Auge auf den rechten Punkt. Dann \u00e4ndert man langsam die Entfernung zum Papier und \u2013 schwupp \u2013 verschwindet der linke Punkt pl\u00f6tzlich spurlos von der Bildfl\u00e4che. Die physikalische Erkl\u00e4rung ist einfach: Das Bild des Punktes f\u00e4llt auf der Netzhaut des Auges genau in jenen Bereich, der unempfindlich f\u00fcr&nbsp; Licht ist, weil dort die Sehnerven zusammen laufen und das Auge verlassen.<br>Das Verwunderliche f\u00fcr die Konstruktivisten ist aber auch nicht, dass wir dort keinen Punkt mehr sehen, das Verwunderliche f\u00fcr sie ist, dass wir dort kein Loch in der Welt empfinden. Wir sehen nicht, dass wir dort nichts sehen. Die Welt wird uns als l\u00fcckenloses Kontinuum pr\u00e4sentiert. Das hei\u00dft f\u00fcr die Konstruktivisten, dass unser Gehirn dort eine Welt erfindet, um diese physisch bedingte L\u00fccke in der Wahrnehmung zu f\u00fcllen.<br>Nun wird damit unseren Sinnesorganen \u2013 und dem die Sinneseindr\u00fccke verarbeitenden Gehirn \u2013 aber vorgeworfen, dass uns die Welt so erscheint, wie sie ist, und nicht so, wie sie uns eigentlich aufgrund unserer Sinneskonstruktion erscheinen m\u00fcsste. Ja, Sie haben richtig gelesen: Der Vorwurf ist, dass wir die Welt sehen, wie sie tats\u00e4chlich ist. Denn wir m\u00fcssten dort ein Loch sehen, wo keines ist. Aber diese Argumentation ist insofern seltsam, weil sie danach umgedreht wird. Es gilt als Beweis daf\u00fcr, dass die Welt nur scheinbar so ist, wie wir sie wahrnehmen.<br>Vielleicht m\u00fcssen wir uns das noch mal ganz genau vor Augen halten. Die Theorie des Konstruktivismus wirft dem Gehirn vor, dass es dem Bewusstsein Dinge vorgaukelt, die nicht da sind, weil es die L\u00fccke in der Wahrnehmung mit der Illusion einer Wahrnehmung auff\u00fcllt. Denn schlie\u00dflich m\u00fcssten wir \u2013 so paradox es klingt \u2013 dort ein Loch wahrnehmen, wo die Welt gar kein Loch hat.<br>Die Tatsache, dass wir mit Hilfe der F\u00e4higkeiten unseres Gehirns in der Lage sind, einen \u201eKonstruktionsfehler\u201c des Auges auszugleichen, wird von den Konstruktivisten zum Argument umgedreht, dass wir der Wahrnehmung der Welt nicht trauen k\u00f6nnen, weil uns das Gehirn im Hinblick auf dieses Loch schlie\u00dflich auch t\u00e4uscht.<br>Wir k\u00f6nnen unserem Gehirn also nicht trauen, weil es uns ein realistisches Bild der Welt pr\u00e4sentiert. So k\u00f6nnte man den Standpunkt der Konstruktivisten zusammenfassen.<br>Sehen wir uns doch nochmals genau an, was es mit dem blinden Fleck auf sich hat:<br>Der blinde Fleck liegt in einem Bereich der Netzhaut, der vom Fokus unserer Aufmerksamkeit weit genug entfernt ist, als dass er uns st\u00f6ren k\u00f6nnte. Es bedarf im Gegenteil einer ziemlichen Verrenkung, uns die Auswirkung des blinden Flecks vor Augen zu f\u00fchren. Wir haben zwei Augen und der blinde Fleck jedes Auges f\u00e4llt in einen anderen Bereich der visuellen Wahrnehmung. Darum m\u00fcssen wir ein Auge schlie\u00dfen, um den Punkt aus unserer Wahrnehmung zu entfernen. Zudem sind unsere Augen beweglich und fokussieren genau jenen Teil der Welt, der uns interessant erscheint. Die Wahrnehmung der Welt ist somit durch den blinden Fleck in keiner Weise beeintr\u00e4chtigt. Zumindest nicht mehr, als auch die Tatsache beeintr\u00e4chtigt, dass wir hinten keine Augen haben. Wir haben doch auch nicht den Eindruck, dass die Welt hinter uns nicht existiert, nur weil wir dort nichts sehen. Das Bild der Au\u00dfenwelt kommt durch die \u00dcberlagerung zweier Bilder und der Beweglichkeit der Augen genau so im Gehirn an, wie die Au\u00dfenwelt tats\u00e4chlich ist. Augen und Gehirn arbeiten damit in einer Weise zusammen, die eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Genauigkeit in der Wahrnehmung der Welt erm\u00f6glicht, trotz des physischen Mankos des blinden Flecks.<br>Ist es nicht paradox, wenn diese Gro\u00dfartigkeit der Zusammenarbeit und relativen Objektivit\u00e4t unserer Empfindungen als Argument gegen die Richtigkeit der Weltwahrnehmung verwendet wird?<br>Der Fehler der Konstruktivisten liegt in der Fragmentierung des Sachverhalts. Da gibt es die Wahrnehmung, die zun\u00e4chst in Subjekt und Objekt aufgeteilt wird. Dann wird das Subjekt nochmals in Geist und K\u00f6rper getrennt und schlie\u00dflich wird noch der K\u00f6rper in Auge und Gehirn zerlegt. Die Richtigkeit unserer Weltwahrnehmung wird dann auf zwei Fehler zur\u00fcckgef\u00fchrt, die sich gegenseitig aufheben. Das Auge macht den ersten Fehler und erzeugt das Loch. Das Gehirn macht den zweiten Fehler und f\u00fcllt das Loch wieder. Man kennt das ja aus der Mathematik: Man kann trotz mehrerer Fehler zum richtigen Ergebnis kommen, wenn diese sich gegenseitig aufheben. Ihre Schlussfolgerungen ziehen die Konstruktivisten dann mit einem Fokus auf die Fehler und nicht auf die Richtigkeit der Wahrnehmung. Dies kann man aber nur tun, wenn man ausblendet, dass der Prozess der Wahrnehmung eine untrennbare organische Einheit darstellt, der noch dazu in engster evolution\u00e4rer Kopplung mit der Umwelt entstanden ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-large-font-size\"><br>1.3&nbsp;&nbsp; &nbsp; Farbige Schatten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>\u201eAber\u201c, sagt da der Konstruktivist, \u201ees gibt noch andere Beispiele daf\u00fcr, wie unser Gehirn uns betr\u00fcgt\u201c, und pr\u00e4sentiert uns das Ph\u00e4nomen der farbigen Schatten. 1672 bemerkte Otto von Guericke, dass sein Finger blau aussah, wenn er ihn im Schatten der aufgehenden Sonne betrachtete. Daraufhin beschrieb er als erster dieses Ph\u00e4nomen. Wenn wir einen Gegenstand in einem wei\u00df ausgeleuchteten Raum mit einer Farbe zus\u00e4tzlich anstrahlen, dann wirft dieser Gegenstand einen Schatten in der Komplement\u00e4rfarbe. Wenn also eine Vase im wei\u00dfen Licht vor einer wei\u00dfen Wand steht und zus\u00e4tzlich rot beleuchtet wird, wirft sie anscheinend einen gr\u00fcnen Schatten. Messen wir aber das Licht des gr\u00fcnen Schattens mit einem Spektrometer, stellt sich heraus, dass es wei\u00df ist und nicht gr\u00fcn. Dagegen ist das Wei\u00df der Wand neben dem Schatten nicht rein wei\u00df, sondern leicht rot. Unsere Sinne haben uns get\u00e4uscht. Unsere Wahrnehmung farbiger Objekte ist unabh\u00e4ngig von der tats\u00e4chlichen Zusammensetzung des Lichtes. Na, wenn das kein Beweis ist, dass unser Gehirn uns betr\u00fcgt &#8230;<br>Aber auch hier wird den Sinnen und dem interpretierenden Denken eine F\u00e4higkeit zur nat\u00fcrlichen Abbildung der Au\u00dfenwelt zum Vorwurf gemacht und als Argument in sein Gegenteil verkehrt. Das beschriebene Ph\u00e4nomen ist der &#8222;nat\u00fcrliche Wei\u00dfabgleich&#8220;. Dieser f\u00fchrt uns zu der F\u00e4higkeit, bei allen Lichtverh\u00e4ltnissen optimale Farbwahrnehmungen zu haben. Schlie\u00dflich war es f\u00fcr uns immer schon relevant einen reifen Apfel in der Mittagssonne genauso zu erkennen wie bei Abendrot. Das Umgebungslicht darf keinen Einfluss auf die Wahrnehmung der Farbe haben. Aber genau diese F\u00e4higkeit wird hier kritisiert.<br>Die Konstruktivisten meinen, dass dies nicht einfach als simple optische T\u00e4uschung, oder als Fehler in der Weltwahrnehmung abgetan werden kann. F\u00fcr sie ist es ein Beweis f\u00fcr die Erzeugung der Welt durch unser Gehirn. Erkenntnis, so meinen sie, ist das Erfinden einer Welt, die es so nicht gibt.<br>Aber die unbewussten kognitiven F\u00e4higkeiten, welche den nat\u00fcrlichen Wei\u00dfabgleich bewirken, sind im Laufe der Evolution genau zu dem Zweck entstanden, dem Subjekt eine reale Welt abzubilden und nicht dazu, dass es sich seine eigene Welt basteln kann.<br>Sehen wir uns das noch mal genau an: Was k\u00f6nnte die Aussage \u201edieser Gegenstand ist wei\u00df\u201c bedeuten?<br>Er bedeutet genau genommen folgendes: Die Oberfl\u00e4che dieses Gegenstandes reflektiert alles in der Umgebung vorhandene, f\u00fcr mich sichtbare Licht. Wir haben also zwischen drei Komponenten zu unterscheiden:<br>1.&nbsp;&nbsp; &nbsp;Die Eigenschaft des Gegenstandes Licht zu reflektieren.<br>2.&nbsp;&nbsp; &nbsp;Meine F\u00e4higkeit, bestimmte Frequenzen des Lichtes zu sehen;<br>3.&nbsp;&nbsp; &nbsp;Die Zusammensetzung des vorhandenen Umgebungslichts.<br>Punkt eins nehmen wir als gleichbleibend an und Punkt zwei ist durch meine Sinne vorgegeben. Was passiert nun, wenn sich Punkt drei \u2013 also die Zusammensetzung des Umgebungslichts \u2013 \u00e4ndert? Dann sorgt der \u00e4u\u00dferst intelligente Wei\u00dfabgleich des Gehirns daf\u00fcr, dass die Farbe des Gegenstandes als gleichbleibend wahrgenommen wird. Sie bleibt ja auch tats\u00e4chlich gleich. Ohne diesen Wei\u00dfabgleich w\u00e4re unsere Weltwahrnehmung weniger objektiv. Etwas als &#8222;Wei\u00df&#8220; zu bezeichnen ist also keine objektive Aussage \u00fcber die Frequenzen des vom Auge aufgenommene Lichts, sondern eine &#8222;objektive&#8220; Aussage \u00fcber die Oberfl\u00e4cheneigenschaft des Gegenstandes. Diese F\u00e4higkeit des Gehirns, Oberfl\u00e4cheneigenschaften bei sich ver\u00e4ndernden Umgebungsbedingungen als gleichbleibend wahrzunehmen, wird nun zum Vorwurf umgedreht, dass nicht die tats\u00e4chlichen Lichtfrequenzen analysiert werden und damit die Realit\u00e4t falsch abgebildet wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-large-font-size\"><br>1.4&nbsp;&nbsp; &nbsp;Botschafter und Botschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Aber um die Lichtfrequenzen geht es beim Sehen doch \u00fcberhaupt nicht. Licht ist ein Botschafter und nicht die Botschaft \u2013 das ist ein wichtiger Unterschied. Licht \u00fcbertr\u00e4gt f\u00fcr uns die Farbeigenschaften der betrachteten Gegenst\u00e4nde. Dabei gilt dem Licht nicht unser prim\u00e4res Interesse. Wir wollen etwas \u00fcber den Gegenstand wissen, von dem das Licht reflektiert wird. Das Licht selbst ist dabei lediglich der Botschafter, der uns die Botschaft dieser Oberfl\u00e4cheneigenschaften \u00fcbermittelt.<br>Konstruktivisten versuchen, uns zu erkl\u00e4ren, dass nicht der Brieftr\u00e4ger in uns verliebt ist, wenn er uns einen Liebesbrief aush\u00e4ndigt. Und dann schlie\u00dfen sie daraus, dass das Geliebtwerden selbst, also die eigentliche Botschaft des Liebesbriefes, eine Illusion sein muss, wenn der Brieftr\u00e4ger uns nicht liebt.<br>Was am Sehen f\u00fcr den Sehenden wirklich interessant ist, ist nicht das Licht selbst, sondern die Farbeigenschaft des Gegenstandes. Und genau da leistet das Gehirn das, was es soll: die Abbildung einer Realit\u00e4t.<br>Aber nat\u00fcrlich hat der Konstruktivist noch Hunderte andere Beispiel auf Lager, die wir hier nun einzeln durchspielen k\u00f6nnten. Daher sollten wir uns ansehen, wo die grunds\u00e4tzliche Problematik liegt. Dies wird meiner Meinung nach beim Unterseebootgleichnis deutlich. Dabei wird die Tatsache, dass wir nur unsere eigene K\u00f6rperlichkeit erfahren und nicht die Au\u00dfenwelt direkt, in einer Metapher verdeutlicht:<br>Ein Mensch \u00fcbernimmt die Leitung eines fensterlosen Unterseebootes, auf dem er geboren wurde und das er Zeit seines Lebens nicht verlassen hat. Er kennt also nur das Innere seiner Behausung und hat keine Ahnung von der Unterwasserwelt, in der sich sein Boot befindet. Nun steuert er das Boot durch klippenreiche K\u00fcstengew\u00e4sser. W\u00fcrde man nun zu ihm sagen, dass es bewundernswert sei, mit welcher Pr\u00e4zision er sein Schiff durch die Klippen steuert, w\u00e4re er verwundert: \u201eWelche Klippen\u201c, w\u00fcrde er fragen, \u201eich achte nur darauf, dass sich die Zeiger an meinen Instrumenten hier im gr\u00fcnen Bereich bewegen. Das allein ist meine Aufgabe.\u201c<br>Nat\u00fcrlich scheint es zun\u00e4chst so, als w\u00e4re es tats\u00e4chlich v\u00f6llig aussichtslos f\u00fcr den Steuermann, sich die Unterwasserwelt vorzustellen. Er hat ja lediglich die Anzeigen an seinen Messinstrumenten vor Augen. Es gibt keinen Kontakt zu jener Welt, die aus Klippen und Riffen besteht. Nur seine Instrumente und Anzeigetafeln stehen ihm zur Verf\u00fcgung. Alles, was er sieht, sind Zeiger, Skalen und Warnlichter. Genauso, sagen die Konstruktivisten, geht es dem Geist. Er erkennt nicht wirklich die Au\u00dfenwelt, sondern nur, welche Auswirkungen die strukturelle Kopplung der Sinne mit dieser Au\u00dfenwelt auf die Organisation des eigenen K\u00f6rpers hat. Wir erkennen nicht den Gegenstand, wenn wir ihn sehen. Ja wir erkennen nicht einmal das Licht, dass er reflektiert. Alles, was wir wahrnehmen, ist die Ver\u00e4nderung unserer k\u00f6rperlichen Organisation, die vom Licht in unserem Sinnensystem ausgel\u00f6st wird.<br>Aber dieses Gedankenmodell hinkt gewaltig. Erinnern wir uns, dass das einzig wahrhaftig Gegebene die Wahrnehmung selbst ist. Die Trennung zwischen Wahrnehmenden und Wahrgenommenen, also die Trennung zwischen Subjekt und Objekt ist bereits eine Abstraktion. Konstruktivismus aber nimmt diese Abstraktion als Basis und teilt das Subjekt selbst nochmals zus\u00e4tzlich auf, in K\u00f6rper (Sinnesorgane) und Geist (Zeuge). Es wird also die Abstraktion nochmals abstrahiert. Zwischen dem Zeugen (Steuermann) und der Umwelt (Klippen) wird noch ein dritter Faktor (Anzeigen im U-Boot) angenommen. Es gibt jetzt also nicht nur Subjekt und Objekt, sondern Subjekt, k\u00f6rperliche Organisation und Objekt. Konstruktivismus impliziert damit unterschwellig den Leib-Seele-Dualismus und versucht uns dann diese Abstraktion der Abstraktion als eigentliche, fatale Realit\u00e4t zu verkaufen.<br>Aber die Praxis zeigt eine ganz andere Realit\u00e4t: Wenn man einer Person eine Umkehrbrille aufsetzt, welche das Bild f\u00fcr die Augen auf den Kopf stellt, dann ist diese Person zwar am Anfang verwirrt, aber nach ein paar Stunden oder Tagen bemerkt sie den Unterschied nicht mehr. Das Bild wird virtuell umgedreht und erm\u00f6glicht so neuerlich eine wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Orientierung im Raum. Nimmt die Person dann die Brille ab, sieht sie jetzt ohne Brille die Welt auf dem Kopf stehen, bis sie sich wieder an die neue Situation gew\u00f6hnt hat. Gehirn und Sinnesorgane arbeiten im Feedback mit der Erfahrung als Einheit zusammen und erreichen damit eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Ann\u00e4herung an die Wirklichkeit. Was uns als Beweis f\u00fcr den illusorischen Charakter der Wahrnehmung pr\u00e4sentiert wird, ist in Wahrheit ein Beweis f\u00fcr die \u00dcbereinstimmung unserer Wahrnehmung mit der realen Au\u00dfenwelt unabh\u00e4ngig von der Fehleranf\u00e4lligkeit der Sinnesorgane. Mit Hilfe von permanentem Feedback wird die Weltsicht auf ihre Stimmigkeit \u00fcberpr\u00fcft und n\u00f6tigenfalls korrigiert.<br>Aber nat\u00fcrlich wird dabei der Kanal f\u00fcr die Sinne nicht ver\u00e4ndert. Das Auge nimmt immer nur Licht wahr und das Ohr nur Schall. Daher ein anderes Beispiel: Es gibt viele Blinde, die das Geh\u00f6r verwenden, um sich &#8211; \u00e4hnlich einer Fledermaus &#8211; \u00fcber die Schallreflexionen ein \u201eBild\u201c ihrer Umgebung zu machen. Manche von ihnen, die nicht von Geburt an blind waren, glaubten zeitweise sogar, ihr Augenlicht wiedergewonnen zu haben, nachdem sie diese Methode erlernt hatten, so plastisch erschien ihnen der r\u00e4umliche Eindruck der Welt.<br>Wie das geschehen kann, zeigt ein anderes Experiment: Bei einem Versuch wurde erblindeten Patienten eine Kamera auf die Stirn montiert und das Signal des aufgenommenen Bildes \u00fcber eine kleine Platte mit elektrischen Impulsgebern auf die Zunge gelegt. Nach einiger \u00dcbung konnten die Probanden sogar Buchstaben und Zahlen lesen. Dabei wurde festgestellt, dass die Signale, die \u00fcber die Zunge aufgenommen wurden, ihren Weg zum visuellen Kortex fanden. Die Blinden begannen \u00fcber die Zunge zu sehen. Die Reize auf der Zunge verschwanden dabei immer mehr aus dem Bewusstsein und wurden von tats\u00e4chlich optischen Eindr\u00fccken abgel\u00f6st. Die Zwischenstufen der Informationsverarbeitung fallen demnach mit der Zeit aus der Bewusstheit heraus, um einem Abbild der Welt Platz zu machen.<br>Es gibt also in der Kette der Informations\u00fcbertragung zwischen Welt und Bewusstsein eine Instanz, welche die Informationen \u00fcber die Welt zur ganzheitlichen Wahrnehmung einer Welt r\u00fcck\u00fcbersetzt. Egal welche und wie viele Sinne wir haben, sie rei\u00dfen die Welt in St\u00fccke. Erst unser Gehirn f\u00fcgt diese Fragmente wieder zusammen um ein realistisches Bild einer einheitlichen, homogenen Welt zu erhalten. Erst Sinnesorgan und Gehirn in Kooperation f\u00fchren zur Wahrnehmung der Welt. Kognition ist Wahrnehmung, unabh\u00e4ngig von den Kan\u00e4len der Sinne.<br>Zur\u00fcck zum Gedankenexperiment mit dem Unterseeboot: Ein feinmaschiges Netz von Sinnesorganen bewirkt in jedem Fall ein Bild der Umgebung und nicht ein Bild von Anzeigetafeln auf Messinstrumenten. Auch hier gilt: Man darf den Informationstr\u00e4ger nicht mit der Information verwechseln. Wer meint, dass das Gehirn Informationstr\u00e4ger und Information verwechselt, hat meiner Meinung nach den Vorgang der Sinneswahrnehmung und die Funktion der Kognition nicht verstanden. Auch Anzeigetafeln haben den Sinn, eine Information zu vermitteln, die nicht in der Anzeige selbst begr\u00fcndet liegt. Wer dabei die Anzeige im Bewusstsein hat und nicht das, worauf sie verweist, kann damit nicht richtig umgehen. Das Gehirn erkennt den Unterschied und konzentriert sich auf die Botschaft und \u201evergisst\u201c den Botschafter. Der Steuermann des U-Bootes sieht mit Sicherheit nicht die Anzeigen vor sich, sondern die Klippen. Er wei\u00df demnach ganz genau wovon wir sprechen, wenn wir ihn wegen seines fahrtechnischen Geschicks loben. Wer die Skalen versteht, der sieht sie nicht mehr, er sieht vielmehr das, was sie repr\u00e4sentieren.<br>Wer Sinnesorgane oder Gehirn alleine betrachtet, um unsere Wahrnehmung zu analysieren, der wird niemals verstehen, warum wir tats\u00e4chlich die Welt sehen, wie sie ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-large-font-size\"><br>1.5&nbsp;&nbsp; &nbsp;Wie es sich anf\u00fchlt, eine Fledermaus zu sein<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Manche Philosophen behaupten (Thomas Nagel hat es ausformuliert), dass eine Fledermaus in einer ganz anderen Welt lebt, als der Mensch und es deshalb f\u00fcr einen Menschen g\u00e4nzlich unm\u00f6glich sei, sich die Welt einer Fledermaus vorzustellen. Aber ist das auch richtig? Wird dabei nicht wieder vergessen, dass&nbsp; jedes Wesen die nat\u00fcrliche F\u00e4higkeit besitzt, die verschiedenen Sinneseindr\u00fccke zu einer einheitlichen Welt zu verbinden? Wird da nicht wieder zwischen Sinnesorgan, Gehirn und wahrnehmendem Subjekt&nbsp; unterschieden? Wir haben bereits geh\u00f6rt, dass es viele Blinde gibt, die das Geh\u00f6r verwenden, um sich zu orientieren, und, dass viele davon ein visuelles Bild ihrer Umgebung \u201esehen\u201c. Auch haben wir geh\u00f6rt, dass Blinde mit Hilfe von k\u00fcnstlichen Augen \u00fcber die Zunge sehen k\u00f6nnen. Daraus l\u00e4sst sich leicht ableiten, dass eine Fledermaus mit ihrem Ultraschallecho ihre Umwelt auch tats\u00e4chlich sieht. Eine Fledermaus erkennt \u00fcber die Ohren die r\u00e4umliche Welt genauso, wie wir \u00fcber die Augen. Zwar sieht sie keine Farben, sondern den H\u00e4rtegrad der Oberfl\u00e4chen, aber das ist kein prinzipieller Unterschied in der Weltwahrnehmung. Vielmehr ist anzunehmen, dass sich im Bewusstsein der Fledermaus jene Wahrnehmungen der Ohren zu einem tats\u00e4chlich \u201evisuellen\u201c Abbild der Wirklichkeit formen, welches unserem Sehen sehr \u00e4hnlich ist. Denn Kognition richtet die Aufmerksamkeit auf die Botschaft der zu erkennenden Welt und nicht auf den \u00fcbermittelnden Botschafter. Was ist denn das Wesen des Sehens? Es geht ja nicht darum, Licht zu erkennen, sondern die Welt. Die Gegenst\u00e4nde im Raum sind die Objekte unserer Erkenntnis beim Sehen. Das Sehen erm\u00f6glicht uns, die Struktur des uns umgebenden Raumes wahrzunehmen. Ob wir das mit Hilfe des Lichts tun, oder ob wir uns dazu eines Ultraschallechos bedienen ist nicht von Belang.<br>Warum bleibt das den Konstruktivisten verborgen? Woran liegt es, dass sie diese relative Identit\u00e4t zwischen Repr\u00e4sentation und Wirklichkeit bestreiten? Wieso meinen sie ableiten zu k\u00f6nnen, dass wir uns eine Wirklichkeit konstruieren, die mit einer hypothetischen anzunehmenden Realit\u00e4t im Au\u00dfen nichts, oder nicht viel zu tun hat?<br>Ich denke, es liegt daran, dass man sich bei der Analyse der Erkenntnisf\u00e4higkeit zu einseitig auf die r\u00e4umlichen und materiellen Strukturen der Lebewesen konzentriert. Wie schon erw\u00e4hnt ist ein Sinnesorgan nur f\u00e4hig, einen einzigen Informationstr\u00e4ger zu vermitteln. Das Auge vermittelt elektromagnetische Strahlung in einem kleinen Frequenzbereich, das Ohr Schallwellen usw. Wenn wir nun das Auge reizen, z. B. mit Druck auf den Augenk\u00f6rper, so wird dieser Reiz als Lichtimpuls interpretiert und dem Gehirn und damit dem Bewusstsein \u00fcbermittelt. Aber das ist in diesem spezielle Fall eben eine Fehlinformation. Schl\u00e4gt mir jemand mit der Faust aufs Auge, dann existiert der Lichtblitz, den ich dabei wahrnehme, nicht wirklich. Daraus schlie\u00dfen die Konstruktivisten, dass Helligkeit selbst etwas ganz anderes sein k\u00f6nnte, als uns unser Auge vermittelt. Das Auge wird durch Helligkeit gereizt und vermittelt uns einen Eindruck. Aber wie der Faustschlag beweist, kann das Auge nur das vermitteln, was wir als Helligkeit wahrnehmen. Deshalb muss jene Eigenschaft der Wirklichkeit, welche das Auge reizt, nicht mit dem identisch sein, was wir wahrnehmen. Die Wahrnehmung wird vom Auge erzeugt. Helligkeit liegt in der Konstruktion des Auges begr\u00fcndet und nicht in der Wirklichkeit.<br>Die Frage scheint also berechtigt, ob ein Baum im Wald beim Umfallen tats\u00e4chlich ein Ger\u00e4usch verursacht, wenn niemand da ist, der es h\u00f6ren k\u00f6nnte. Nat\u00fcrlich erzeugt er Schallwellen, aber Schallwellen sind nicht dasselbe wie die Erfahrung eines Ger\u00e4usches. Ebenso wie wir vorher gesehen haben, dass die Empfindung der Helligkeit durch das Auge verursacht wird, wenn es durch Licht gereizt wird, so erzeugt auch das Ohr die Wahrnehmung von Ger\u00e4uschen. Was Schallwellen tats\u00e4chlich sind, l\u00e4sst sich somit von uns nicht feststellen. Ein Baum erzeugt beim Umfallen Schallwellen, nicht aber ein Ger\u00e4usch. Diese Nichtreduzierbarkeit von Erfahrungen auf deren Informationstr\u00e4ger (Schall, Licht,&#8230;), wird damit zur Unm\u00f6glichkeit, die Welt so wahrzunehmen wie sie ist. Schlie\u00dflich besteht sie nicht aus Ger\u00e4uschen und Helligkeit usw., sondern aus Schallwellen und elektromagnetischer Strahlung. Somit k\u00f6nnen wir niemals wissen \u2013 so der Fehlschluss der Konstruktivisten \u2013 wie die Au\u00dfenwelt tats\u00e4chlich beschaffen ist, denn alles, was wir wahrnehmen, liegt in unserer sinnlichen Konstitution begr\u00fcndet.<br>Und wieder wird hier die Botschaft mit dem Botschafter verwechselt.<br>Wie k\u00f6nnten wir \u00fcberhaupt sicher sein, dass die gleiche k\u00f6rperliche Organisation zu einer gleichen Welt f\u00fchrt? Woher wei\u00df ich, dass Sie, nur weil sie auch Augen haben, die optischen Eindr\u00fccke genauso erleben wie ich? Was sind \u00fcberhaupt optische Eindr\u00fccke?<br>Des \u00f6fteren wurde schon blind geborenen Menschen durch eine Operation die Sehkraft geschenkt. Aber jedes Mal war die Entt\u00e4uschung gro\u00df. Diese Menschen konnten die hellen und dunklen Farbflecken nicht mit jener Welt in \u00dcbereinstimmung bringen, die sie sich aus den Wahrnehmungen von Tasten und H\u00f6ren zurechtgelegt hatten. In kritischen Situationen schlossen diese Menschen die Augen, um sich besser orientieren zu k\u00f6nnen. Sehen funktioniert nicht einfach wie eine Videokamera. Wir k\u00f6nnen daher nicht behaupten, nur weil jemand Augen hat, sieht er auch so wie ich.<br>Ein Beispiel aus einem anderen Bereich: Wenn ich einen Brief lese, dann ist es nebens\u00e4chlich, mit welcher Schrift, mit welcher Tinte und auf welchem Papier er geschrieben ist. Wichtig ist nicht der Botschafter, der materielle Brief selbst, wichtig ist die Botschaft, das, was mit dem Text \u00fcbermittelt werden soll. Dazu muss aber von meiner Seite aus etwas zum Brief hinzukommen. Wichtig ist ein dialogischer Konsens zwischen dem Botschafter (Brief) und dem Empf\u00e4nger (Ich) \u00fcber die Botschaft (Text): Ich muss lesen k\u00f6nnen, ich muss die Sprache verstehen, und ich muss wissen, was die verwendeten W\u00f6rter und S\u00e4tze bedeuten. Diese Voraussetzungen muss ich von mir aus mitbringen, um die Botschaft verstehen zu k\u00f6nnen. Dieser Minimalkonsens muss aber zwischen Absender und Empf\u00e4nger vereinbart werden und nicht mit dem Botschafter.<br>Was bedeutet das nun \u00fcbersetzt f\u00fcr die Sinneseindr\u00fccke?<br>Jedes Lebewesen spaltet die Welt mit verschiedenen Sinnesorganen in Einzelinformationen auf. Dann muss im Inneren dieses Lebewesens eine F\u00e4higkeit vorhanden sein, die einzelnen Sinneseindr\u00fccke zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden. Diese innere F\u00e4higkeit ist ein kognitiver Sinn, der die Einzeleindr\u00fccke zu einer plausiblen Repr\u00e4sentation des Au\u00dfen wieder zusammenf\u00fcgt. Erst dann wird aus Eindr\u00fccken eine Wahrnehmung. Wahrnehmung ist demnach etwas zutiefst Aktives. Der Wahrnehmende interpretiert die Informationen und integriert sie in ein bestehendes Weltbild, in die bereits vorher vorhandene Repr\u00e4sentation der Au\u00dfenwelt. Und hier liegt f\u00fcr die Konstruktivisten der Hund begraben: Sie trauen dieser inneren Aktivit\u00e4t nicht. Schlie\u00dflich ist Wahrnehmung nicht mehr objektiv, wenn sie eine Aktivit\u00e4t des Subjekts voraussetzt. Sie sagen sinngem\u00e4\u00df, dass eine andere innere Aktivit\u00e4t aus den selben Eindr\u00fccken eine andere Wahrnehmung machen w\u00fcrde. Somit kann Wahrnehmung keine objektive Repr\u00e4sentation der Au\u00dfenwelt im Inneren erzeugen. Das klingt durchaus logisch. Wo liegt also der Fehler in diesen \u00dcberlegungen?<br>Wieder liegt der Fehler in einer Abstraktion: Die Wahrnehmung wird in Wahrnehmenden und Wahrgenommenes aufgespalten. Die vor jeder \u00dcberlegung einheitliche Wirklichkeit zerf\u00e4llt in Subjekt und Objekt. Das allein w\u00e4re noch nicht schlimm, ja es ist sogar notwendig f\u00fcr eine genaue Untersuchung des Sachverhalts. Aber diese Abstraktion muss am Ende der Analyse wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden und das wird vers\u00e4umt. Subjekt und Objekt bleiben dualistisch und unverbunden nebeneinander stehen. Die philosophische Tradition des Dualismus, der Trennung zwischen K\u00f6rper und Geist, wird hier unerkannt zur Grundlage einer Theorie gemacht, die vorgibt, nicht dualistisch zu sein.<br>Wenn nun ein Philosoph den Wahrnehmungen traut, wirft man ihm \u201enaiven Realismus\u201c vor. Man meint, er h\u00e4tte sich die Problematik noch nicht ausreichend vor Augen gef\u00fchrt. Aber k\u00f6nnte es nicht auch sein, dass man diese Problematik l\u00f6sen kann?<br>Der Fehler liegt bereits in der Annahme, es g\u00e4be eine objektive Realit\u00e4t unabh\u00e4ngig vom beobachtenden Subjekt. Das Ergebnis der Konstruktivisten darf nicht Schlusspunkt der \u00dcberlegungen sein. Wir m\u00fcssen uns vor Augen halten, dass die Abstraktion, die Trennung zwischen Geist und K\u00f6rper, zwischen Subjekt und Objekt, am Beginn unserer \u00dcberlegungen stand. Sie ist das a priori, das Paradigma des Objektivismus und damit auch des Konstruktivismus. Radikaler Konstruktivismus stellt fest, dass es die Objektivit\u00e4t der Naturwissenschaft nicht gibt, ohne den darauf zwingend folgenden zweiten Schritt zu machen und das Subjekt wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Sie beharren einerseits auf der Existenz einer vom Subjekt unabh\u00e4ngigen Realit\u00e4t und s\u00e4gen gleichzeitig an dem Ast, auf dem sie als Beobachter dieser Welt sitzen. Am Ende sehen die Vertreter dieser Richtung jegliche Weltsicht zwangsweise haltlos freischwebend \u00fcber dem Abgrund des Nihilismus h\u00e4ngen. Damit ist jede Weltsicht gleichg\u00fcltig und gleichwertig. Es etabliert sich ein egalit\u00e4rer Pluralismus, der jegliche Orientierung vermissen l\u00e4sst. Wer diese illusorische Sichtweise nicht mit tr\u00e4gt, enttarnt sich scheinbar als naiver Fundamentalist.<br>Dabei bleiben jedoch zwei Dinge unbeachtet:<br>\u25cf&nbsp;&nbsp; &nbsp;Erstens ist der radikale Konstruktivismus auch ein Weltbild und w\u00e4re damit wie alle anderen Weltbilder ebenfalls v\u00f6llig grund- und haltlos. Damit entzieht sich diese Theorie selbst den Boden.<br>\u25cf&nbsp;&nbsp; &nbsp;Zweitens wird genau dieser objektive Standpunkt, den es ja laut der Theorie nicht gibt, in dieser Theorie nicht aufgegeben, weil der Subjektivit\u00e4t, dem einzigen Standpunkt der bleibt, weiterhin misstraut wird. Es kommt zu einem Scheinobektivismus.<br>Das Problem der Konstruktivisten ist, sie k\u00f6nnen ihren naturwissenschaftlichen Standpunkt nicht aufgeben. Zun\u00e4chst wird das Subjekt aus der Welt ausgeschlossen, damit diese objektiv analysiert werden kann. Normalerweise f\u00fchrt diese Abspaltung dazu, dass die Naturwissenschaft das Subjekt in der Welt nicht mehr finden kann und daher annimmt, es sei von Anfang an eine blo\u00dfe Illusion gewesen. Wenn sich ein Forscher jedoch auf das Subjekt als sein Hauptthema konzentriert, dann kehrt sich die Kluft um und er kann pl\u00f6tzlich die Welt nicht mehr finden. Solange die Trennung aufrecht erhalten bleibt, verschwindet eben entweder das Eine oder das Andere. Der Graben bleibt un\u00fcberbr\u00fcckbar.<br>Die Wirklichkeit besteht eben nicht nur aus der objektiven Perspektive, die uns erm\u00f6glicht, Sinnesorgane oder das Nervensystem aufzuschneiden und deren materialistische Funktion zu analysieren. Das ist blo\u00df die Ebene der Informationstr\u00e4ger. Nat\u00fcrlich ist das ein sehr wichtiger Aspekt, aber Bedeutungen wird man hier vergeblich suchen.<br>Die Wirklichkeit bedarf auch der subjektiven Perspektive, die uns erm\u00f6glicht, Sinneseindr\u00fccke einzuordnen und ihren Sinn im Weltganzen zu begreifen &#8211; das ist dann die Ebene der eigentlichen Informationen. In unserer Wahrnehmung finden wir die Welt, wir erfinden sie nicht. Diese theoretische Integration gelingt jedoch nur dann, wenn Innen- und Au\u00dfenperspektive als gleichwertige H\u00e4lften einer ganzheitlichen Welt anerkannt werden. Der k\u00fcnstlich erzeugte Graben zwischen Subjekt und Objekt existiert in Wahrheit gar nicht. Er ist blo\u00df das Ergebnis einer Zerlegung der Wirklichkeit. Vielen Forschern geht es heute so wie einem Kind, dass eine Uhr zerlegt um herauszufinden, wie sie funktioniert und das sie danach nicht mehr zusammensetzen kann. Wenn sie meinen, sie w\u00fcssten nun, wie die Sache funktioniert, dann funktioniert sie nicht mehr.<br>Wenn also in einem radikalen Konstruktivismus jeder Wahrnehmung der Realit\u00e4tsbezug abgesprochen wird, dann nur aufgrund der Tatsache, dass mit der naturwissenschaftlichen Methode die Innenperspektive bereits vorher verleugnet wird. Als Folge davon ger\u00e4t auch die sinnliche Wahrnehmung in den Verdacht, Falsches zu vermitteln. Dar\u00fcber verliert man das Vertrauen in alle Vernunft und sieht als Ergebnis der Erkenntnis keine Wahrheiten mehr, sondern nur mehr ineinander verschachtelte L\u00fcgen, nichts als T\u00e4uschungen in T\u00e4uschungen ohne Ende. Und wer einmal durch diesen Umkehrspiegel geblickt hat, wird in ein Kaleidoskop illusorischer Untiefen entlassen, und es scheint nichts Wirkliches mehr zu geben, das dieser Paranoia noch etwas entgegensetzen k\u00f6nnte.<br>Das kann kein gangbarer Weg sein, wenn wir versuchen, diese, am Eingang dieses fatalistischen Irrgartens verleugnete Innenperspektive zu verstehen. Wir haben es nicht mit ineinander verschachtelten T\u00e4uschungen zu tun, sondern mit einem komplexen Gewebe aus interpretierten (Teil-)Wahrheiten.<br>Jedes Lebewesen spaltet die Welt mit verschiedenen Sinnesorganen in Einzelinformationen auf. Dann muss im Inneren dieses Lebewesens eine kognitive F\u00e4higkeit vorhanden sein, welche die einzelnen Sinneseindr\u00fccke wieder zu einem sinnvollen Ganzen verbindet. Diese innere F\u00e4higkeit f\u00fcgt die Einzeleindr\u00fccke zu einer plausiblen Repr\u00e4sentation des Au\u00dfen neu zusammen. Die Art der Sinneseindr\u00fccke ist dabei nebens\u00e4chlich. Wichtig ist lediglich, dass die Welt im Inneren so weit wie m\u00f6glich der Welt im Au\u00dfen entspricht. Sinneseindr\u00fccke m\u00fcssen richtig interpretiert werden k\u00f6nnen. Und &#8222;richtig&#8220; bedeutet hier im richtigen Sinnzusammenhang f\u00fcr das eigene Leben. Dann ist es letztlich egal, ob ich einen Gegenstand aufgrund des von ihm reflektierten Lichtes oder aufgrund des von ihm reflektierten Schalls sehen kann. Es ist vollkommen unerheblich, welchen Informationstr\u00e4ger ich f\u00fcr die \u00dcbertragung der Daten aus der Au\u00dfenwelt verwende. Egal, ob Licht oder Schall, ob magnetische Str\u00f6me oder elektrische Felder. Dies sind alles nur Boten, welche mir die Welt zu Bewusstsein bringen. Nat\u00fcrlich kann man nicht sagen, dass Licht objektiv hell ist, aber es erhellt jedem Wesen, das Licht wahrnehmen kann, die \u00e4u\u00dfere Welt. Flederm\u00e4use w\u00fcrden vielleicht zu lauten Ultraschallt\u00f6nen hell sagen und zu ihren hellen Gegenst\u00e4nden w\u00fcrden wir vielleicht sagen, das sind Gegenst\u00e4nde mit harten Oberfl\u00e4chen, die Schall gut reflektieren.<br>Wichtig ist doch lediglich, dass mir aufgrund der von diesen Boten gelieferten Daten und mit Hilfe der kognitiven F\u00e4higkeit meiner k\u00f6rperlichen Organisation, die Anfertigung eines m\u00f6glichst genauen Abbildes der Au\u00dfenwelt gelingt.<br>Nat\u00fcrlich kann ein Hund besser riechen und ein Adler besser sehen. Doch das \u00e4ndert nichts an der prinzipiellen Wahrnehmung einer dreidimensionalen Au\u00dfenwelt, welche mit unterschiedlichen Gegenst\u00e4nden gef\u00fcllt ist und in der ich mich selbst als ebensolcher Gegenstand bewegen und orientieren muss. Es ist kein noch so exotisches Wesen vorstellbar, dessen Innenleben nicht diesen Kriterien unterliegt. Die Ausschnitte aus der objektiven Wirklichkeit m\u00f6gen f\u00fcr verschiedene Wesen unterschiedlich sein, aber das Prinzip ist immer gleich. Der Inhalt der Sinne mag unterschiedlich sein, das Muster, nach dem eine einheitliche Welt aus diesen Inhalten wiederhergestellt wird, das ist dasselbe. Wir haben es nicht mit ineinander verschachtelten T\u00e4uschungen zu tun, sondern mit einem komplexen Gewebe aus Wahrheiten.<br>Um die Struktur der Weltwahrnehmung zu begreifen, m\u00fcssen wir uns \u00fcberlegen, wo der kognitive Sinn herkommt, der die von den Sinnesorganen \u00fcbermittelten Fragmente der Au\u00dfenwelt wieder zu einer Einheit zusammenf\u00fcgt. Dieses innere Sinnesorgan gilt es zu begreifen, wenn wir den Zusammenhang zwischen Subjekt und Objekt verstehen wollen.<br>\u00dcberleben war von Beginn der Evolution an davon abh\u00e4ngig, dass die Welt so genau wie m\u00f6glich erkannt wird. Richtige Erkenntnis war also ein \u00dcberlebensvorteil. Dies ist der phylogenetische, evolution\u00e4re Anteil der Erkenntnis. Dazu kommt der ontogenetische Anteil, der Anteil der individuellen Entwicklung. An blindgeborenen Menschen k\u00f6nnen wir sehen, dass sich auch individuell das Weltbild in permanentem Austausch und mit st\u00e4ndigem Feedback mit der Umwelt entwickelt. Diese zeitliche Komponente darf man nicht au\u00dfer Acht lassen, wenn man Erkenntnisf\u00e4higkeit untersucht. Der kognitive Sinn, der die Sinneseindr\u00fccke zu einer Wirklichkeit zusammenwachsen l\u00e4sst, ist ebenso durch den evolution\u00e4ren Prozess von permanentem Feedback entstanden, wie die Sinnesorgane selbst.<br>Wenn wir den Segelflug eines Vogels beobachten, dann scheint es, als w\u00fcrde er die Fl\u00fcgel vollkommen ruhig halten. In Wahrheit ben\u00f6tigt ein stilles Gleiten permanent eine Unmenge winziger Korrekturen der Fl\u00fcgelstellungen. Jeder Aufwind, jede kleinste Verwirbelung und jede Unregelm\u00e4\u00dfigkeit im Luftdruck muss mit exakten Reaktionen ausgeglichen werden. Diese Gegensteuerungen werden vom Gehirn des Vogels bewirkt und sind prinzipiell an den elektrischen Impulsen in den Nervenbahnen des Vogels ablesbar. Diese Impulse sind daher eine exakte Spiegelung der Wind- und Luftverh\u00e4ltnisse, in denen der Vogel schwebt. Innen und Au\u00dfen entsprechen sich in hervorragender Weise, sonst w\u00fcrde der Vogel nicht fliegen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-large-font-size\"><br>1.6&nbsp;&nbsp; &nbsp; Subjektive Welten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Ich will damit nicht behaupten, dass es keine unterschiedlichen, subjektiven Weltsichten g\u00e4be. Ganz im Gegenteil. Denn was zum Beispiel nicht gleich ist, sind die individuellen Beurteilungen dieser objektiven Welt: Was bedeuten die Dinge f\u00fcr mich? Welche Wertigkeit verbinde ich mit ihnen? Wie werden sie von mir in einen konsistenten Sinnzusammenhang gebracht? Welchen Gegenstand stufe ich als gef\u00e4hrlich ein? Nach welchen Umst\u00e4nden sehne ich mich? Usw. Daraus ergeben sich tats\u00e4chlich individuelle und zutiefst subjektive Wirklichkeiten. Wir d\u00fcrfen also nicht erwarten, dass jedes Lebewesen in exakt derselben Welt lebt. Jedes hat seinen eigenen Welt-Raum mit ganz individueller Aufmerksamkeitsverteilung. Aber darauf d\u00fcrfen wir die Sachlage nicht reduzieren, wie es die Konstruktivisten tun. Es gibt hinter all diesen subjektiven Bewertungen tats\u00e4chlich eine objektive Wirklichkeit als Grundlage, die mit dem kognitiven Sinn des Gehirns unabh\u00e4ngig von den sinnlichen Unterschieden gefunden wird. Egal ob die Welt \u00fcber Licht wie beim Menschen oder \u00fcber Ultraschall wie bei der Fledermaus erkannt wird. Die r\u00e4umliche Anordnung der materiellen Dinge ist f\u00fcr alle Wesen dieser Entwicklungsstufe gleich erkennbar.<br>Eine Katze ist sowohl f\u00fcr den Hund, als auch f\u00fcr die Maus gleicherma\u00dfen eine Katze. Allein die Bewertung der Situation, wenn sie ihr gegen\u00fcberstehen, d\u00fcrfte extrem unterschiedlich sein.<br>Wir m\u00fcssen also festhalten: Nicht die Tatsache, dass wir in der selben Welt leben, diese aber \u00fcber unterschiedliche Sinnesorgane erfahren, sorgt f\u00fcr unterschiedliche Wirklichkeiten. Vielmehr sind es die speziellen und individuellen emotionalen Erfahrungen, die auch aufgrund der Artenzugeh\u00f6rigkeiten gemacht werden und die unterschiedlichen Entwicklungsh\u00f6hen des Bewusstseins, aus denen die unterschiedlichen Interpretationsschablonen gefertigt werden. Die Konstruktionen unserer Sinnesorgane sind weitgehend nebens\u00e4chlich. Echte Empathie ist auch zwischen Lebewesen m\u00f6glich, die sich k\u00f6rperlich vollkommen voneinander unterscheiden. Es besteht die prinzipielle M\u00f6glichkeit, sich in andere Wesen zuverl\u00e4ssig einzuf\u00fchlen, auch in Flederm\u00e4use. Es ist dem Menschen durchaus nicht prinzipiell verschlossen sich vorzustellen, wie es sich anf\u00fchlt, eine Fledermaus zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading has-large-font-size\"><br>1.7&nbsp;&nbsp; &nbsp;Hierarchische Selbstkonstruktion<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Wo Konstruktivisten jedoch recht haben, ist die Konstruktion der zwischenmenschlichen und selbstreflexiven Wirklichkeit. Kultur ist eine interaktive Selbstkonstruktion aus Vorstellungen und Erwartungshaltungen. Daher ist diese Wirklichkeitskomponente f\u00fcr Menschen auch prinzipiell ver\u00e4nderbar. Ebenso das Selbstbild, das sehr stark von unserer kulturellen Pr\u00e4gung abh\u00e4ngig ist. Aber diese beiden Bereiche sind genau jene Stufen der Wirklichkeit, auf der wir mit unserem Ichbewusstsein existieren.<br>In gleicher Weise k\u00f6nnen wir uns die Selbstkonstruktion auch auf niedrigeren Integrationsebenen vorstellen. Wir haben mit unserem Bewusstsein keinen Einfluss auf die Funktion und die Wahrnehmung von physischen, chemischen oder biochemischen Vorg\u00e4ngen. Aber anf\u00e4nglich war nicht vorgegeben, welche biochemischen Botenstoffe welche Funktionen hatten. Die Interpretationen der Botschaften haben sich in gleicher Weise erst selbst konstruiert. Wenn wir von der Identit\u00e4t von Sein und Bewusstsein ausgehen, k\u00f6nnen wir als Metapher festhalten: Die Subjekte jeder hierarchischen Ebene m\u00fcssen mit den vorgegebenen Wirklichkeiten der darunterliegenden Ebenen arbeiten um die Wirklichkeiten der eigenen Ebene daraus zu konstruieren.<br>Damit haben wir auch den Bereich eingegrenzt, auf den wir die Erkenntnisse des Konstruktivismus anwenden k\u00f6nnen: Wir sind Menschen und konstruieren daher unsere menschlichen Interaktionen. Nicht aber die materielle Welt, in der diese Interaktionen stattfinden. Kultur ist verhandelbar, Physik und Chemie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerhard H\u00f6berth, 2. 4. 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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