{"id":948,"date":"2026-06-04T16:02:16","date_gmt":"2026-06-04T14:02:16","guid":{"rendered":"https:\/\/struktur.hoeberth.de\/wordpress\/?p=948"},"modified":"2026-06-04T19:58:05","modified_gmt":"2026-06-04T17:58:05","slug":"antwort-an-einen-offenen-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/struktur.hoeberth.de\/wordpress\/2026\/06\/04\/antwort-an-einen-offenen-brief\/","title":{"rendered":"Antwort an einen offenen Brief"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bekam einen offenen Brief meines Freundes Matthias Glage, auf den ich hier gerne ebenso \u00f6ffentlich antworten m\u00f6chte. Zun\u00e4chst; was stand in diesem Brief?<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-der-offene-brief-mit-den-fragen\" class=\"wp-block-heading has-x-large-font-size\">Der offene Brief mit den Fragen<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Lange schon tausche ich mit meinem Freund Gerhard Hoeberth Meinungen aus, auch zum Nahostkonflikt, zur Rolle der Hamas, der Netanjahu-Regierung oder \u00c4usserungen von Historikern (Zimmermann, Goldberg) <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Matthias Glage <br>Juni 04, 2026 <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lieber Gerhard, <br>Dein Profilbild als Teil einer \u201eUnited Humanity of Terra\u201c zeigt eine beeindruckende Vision: Eine Menschheit, die auf Vernunft, Wissenschaft und universalen Werten basiert. Doch wenn ich auf die aktuelle Realit\u00e4t in Israel blicke \u2013 dem Land, das uns beiden so wichtig ist \u2013, sehe ich eine tiefe Zerrissenheit, wie sie mein Bild ausdr\u00fcckt. <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sch\u00e4tze Deine Intelligenz und Deinen Einsatz f\u00fcr liberale Werte, aber gerade deshalb m\u00f6chte ich Dir drei Fragen stellen, die mich umtreiben: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Symbiose der Gegner: Wenn wir sehen, dass Netanjahu und die Hamas sich in einer unheilvollen Symbiose gegenseitig an der Macht halten, w\u00e4hrend sie die Hoffnung auf Frieden zerst\u00f6ren \u2013 wie kommen wir aus dieser Logik der Trennung zur\u00fcck zu einer Vision von Einheit (\u201eUnited Humanity\u201c)? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Wert der Kritik: In einer aufgekl\u00e4rten Gesellschaft ist Kritik das wichtigste Werkzeug der Selbstreinigung. Wenn israelische Denker vor dem Zerfall der Demokratie unter der aktuellen Regierung warnen \u2013 schw\u00e4chen sie damit wirklich die Front gegen die Feinde, oder verteidigen sie nicht vielmehr den Kern dessen, was eine menschliche Gemeinschaft ausmacht? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittel vs. Zweck: Kann die \u201ev\u00f6llige Vernichtung\u201c eines Feindes jemals zu einer geeinten Menschheit f\u00fchren, wenn dabei die moralische Substanz der einzigen Demokratie der Region auf dem Spiel steht? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was mich besonders besorgt, ist die Beobachtung, dass die aktuelle Politik auf beiden Seiten bereits die Jugend zu gegenseitigem Hass erzieht. Wenn wir zulassen, dass Feindbilder zum Lehrplan werden, zerst\u00f6ren wir die Basis f\u00fcr jede k\u00fcnftige \u201eUnited Humanity\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wahre Freundschaft zu Israel bedeutet f\u00fcr mich, nicht zu schweigen, wenn das Land, das wir als Leuchtturm der Freiheit sch\u00e4tzen, Gefahr l\u00e4uft, seine moralische Autorit\u00e4t zu verlieren. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bauen wir die Br\u00fccke von der heutigen Trauer zu Deiner Vision einer geeinten Zukunft? &#8222;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/substack.com\/home\/post\/p-200586330\">Der Brief ist auf Substack nachzulesen.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun m\u00f6chte ich mir die Zeit nehmen, detailliert darauf zu antworten.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-meine-antwort\" class=\"wp-block-heading has-x-large-font-size\">Meine Antwort<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" id=\"h-meine-antwort-lieber-matthias\">Lieber Matthias,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">zun\u00e4chst danke f\u00fcr Deinen offenen Brief. Ich nehme ihn auch deshalb ernst, weil ich wei\u00df, dass er nicht aus Feindseligkeit gegen\u00fcber Israel entsteht, sondern aus Sorge um Israel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb m\u00f6chte ich versuchen, auf Deine Fragen einzugehen. Allerdings glaube ich, dass einige der Pr\u00e4missen, auf denen sie beruhen, einer genaueren Betrachtung bed\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-du-fragst-nach-dem-weg-von-der-heutigen-tragodie-zu-einer-geeinten-menschheit\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Du fragst nach dem Weg von der heutigen Trag\u00f6die zu einer geeinten Menschheit. <\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist auch meine Frage. Allerdings beginnt jede sinnvolle Antwort mit einer <strong>m\u00f6glichst pr\u00e4zisen Beschreibung der Realit\u00e4t<\/strong>. Und genau dort sehe ich einige Probleme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du schreibst von einer <em>\u201eunheilvollen Symbiose\u201c zwischen Netanjahu und der Hamas, die sich gegenseitig an der Macht hielten.<\/em><br>Politisch l\u00e4sst sich dar\u00fcber diskutieren. Tats\u00e4chlich haben radikale Kr\u00e4fte auf beiden Seiten immer wieder von der Existenz der jeweils anderen profitiert. Die Hamas st\u00e4rkt die israelische Rechte. Die israelische Rechte st\u00e4rkt die Hamas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Aber aus dieser politischen Wechselwirkung wird h\u00e4ufig eine moralische Symmetrie konstruiert, die ich nicht f\u00fcr gerechtfertigt halte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn die entscheidende Frage lautet nicht, wer politisch von wem profitiert.<br>Die entscheidende Frage lautet: Wer bedroht die Existenz des anderen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit der Staatsgr\u00fcndung Israels 1948 wurde Israel von seinen Nachbarn mehrfach milit\u00e4risch angegriffen. Die Ablehnung eines j\u00fcdischen Staates begann nicht mit Netanjahu. Sie begann nicht mit der Besatzung. Sie begann nicht mit dem Gaza-Krieg. Sie begann bereits vor der Existenz Israels.<br>Der Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 sah einen j\u00fcdischen und einen arabischen Staat vor. Die j\u00fcdische Seite akzeptierte ihn. Die arabische Seite lehnte ihn ab und er\u00f6ffnete stattdessen einen Krieg.<br>Dieses Muster zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.<br>1967 drohten die umliegenden Staaten offen mit der Vernichtung Israels.<br>1973 folgte der n\u00e4chste Angriff.<br>Die Hamas erkl\u00e4rt bis heute nicht, wie zwei Staaten friedlich nebeneinander existieren sollen. Ihr Ziel war und ist die Beseitigung Israels.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich kann man die Politik Netanjahus kritisieren. Das tue ich selbst h\u00e4ufig. Aber zwischen der Kritik an einer Regierung und der Ablehnung der Existenz eines Staates besteht ein fundamentaler Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>W\u00fcrde die Hamas morgen ihre Waffen niederlegen und das Existenzrecht Israels anerkennen, g\u00e4be es Frieden.<\/li>\n\n\n\n<li>W\u00fcrde Israel morgen seine Waffen niederlegen, g\u00e4be es kein Israel mehr.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dieser Unterschied ist keine Nebens\u00e4chlichkeit. Er ist der Kern des Konflikts. <\/strong>Deshalb halte ich die Darstellung einer symmetrischen Verantwortung f\u00fcr irref\u00fchrend.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-du-fragst-weiterhin-nach-dem-wert-der-kritik\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Du fragst weiterhin nach dem Wert der Kritik.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier stimme ich Dir ausdr\u00fccklich zu. Eine Demokratie lebt von Kritik. Israels St\u00e4rke bestand immer darin, dass es sich selbst hinterfragt. Historiker, Journalisten, Richter, Oppositionspolitiker und B\u00fcrger kritisieren dort die Regierung oft sch\u00e4rfer als viele internationale Beobachter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gerade das unterscheidet Israel von seinen Feinden<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage ist daher nicht, ob Israel kritisiert werden darf. Selbstverst\u00e4ndlich darf es das.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage ist vielmehr, ob Israel nach denselben Ma\u00dfst\u00e4ben beurteilt wird wie andere Staaten.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wenn Israel f\u00fcr zivile Opfer kritisiert wird, ist das legitim. Wenn aber gleichzeitig die systematische Instrumentalisierung der eigenen Zivilbev\u00f6lkerung durch die Hamas ignoriert wird, entsteht ein verzerrtes Bild.<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn Israel vorgeworfen wird, einen Krieg gegen die Hamas zu f\u00fchren, w\u00e4hrend die Hamas bewusst Schulen, Krankenh\u00e4user, Moscheen und Wohngebiete milit\u00e4risch nutzt, wird Ursache und Wirkung vertauscht.<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn Israel f\u00fcr jede milit\u00e4rische Reaktion moralisch verurteilt wird, w\u00e4hrend das Massaker vom 7. Oktober bereits wenige Wochen sp\u00e4ter relativiert oder vergessen wird, entsteht kein ausgewogenes Urteil.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kritik verliert ihren aufkl\u00e4rerischen Charakter, wenn sie selektiv wird.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-du-fragst-ob-die-vernichtung-des-feindes-jemals-zu-einer-geeinten-menschheit-fuhren-konne\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Du fragst, ob die Vernichtung des Feindes jemals zu einer geeinten Menschheit f\u00fchren k\u00f6nne.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier f\u00e4llt zun\u00e4chst auf, dass bereits die Wortwahl problematisch ist.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Israel spricht von der Zerschlagung der Hamas.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Hamas spricht von der Vernichtung Israels.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das ist nicht dasselbe<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Niederlage des Nationalsozialismus bedeutete nicht die Vernichtung der Deutschen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Niederlage des Islamischen Staates bedeutete nicht die Vernichtung der Muslime. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zerschlagung einer totalit\u00e4ren Ideologie ist etwas anderes als die Vernichtung eines Volkes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niemand w\u00fcrde heute behaupten, die Alliierten h\u00e4tten 1945 den Krieg so fortsetzen sollen, um die moralische Integrit\u00e4t Deutschlands zu sch\u00fctzen, dass die Nationalsozialisten weiter an der Macht bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich muss jede Demokratie darauf achten, im Kampf gegen ihre Feinde nicht selbst ihre Werte zu verlieren. Das gilt auch f\u00fcr Israel. Aber daraus folgt nicht, dass eine Demokratie verpflichtet w\u00e4re, Organisationen wie Hamas oder Hisbollah dauerhaft bestehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders nachdenklich stimmt mich Deine Aussage \u00fcber <\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-die-erziehung-zum-hass-auf-beiden-seiten\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">die Erziehung zum Hass auf beiden Seiten.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, es gibt Hass auf beiden Seiten. Ja, es gibt auch in Israel Nationalisten, Extremisten und Fanatiker.<br>Aber auch hier halte ich die Gleichsetzung f\u00fcr problematisch.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>In Israel sitzen Araber im Parlament.<\/li>\n\n\n\n<li>Arabische Richter urteilen \u00fcber j\u00fcdische Angeklagte.<\/li>\n\n\n\n<li>Arabische \u00c4rzte behandeln j\u00fcdische Patienten.<\/li>\n\n\n\n<li>Arabische Soldaten dienen freiwillig in der Armee.<\/li>\n\n\n\n<li>Arabische Parteien beeinflussen politische Mehrheiten.<\/li>\n\n\n\n<li>Arabische Hochschulprofessoren lehren an Universit\u00e4ten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All dies existiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig dokumentieren zahlreiche Untersuchungen seit Jahren, dass in Teilen des pal\u00e4stinensischen Bildungssystems Juden nicht als Nachbarn, sondern als Feinde dargestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>M\u00e4rtyrertum wird glorifiziert.<\/li>\n\n\n\n<li>Terroristen werden als Helden verehrt.<\/li>\n\n\n\n<li>Ang\u00f6rige von M\u00e4rtyrern erhalten Rentenzahlungen<\/li>\n\n\n\n<li>Schulb\u00fccher beschreiben h\u00e4ufig nicht die Koexistenz zweier Staaten, sondern die vollst\u00e4ndige R\u00fcckeroberung Israels.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer die Zukunft betrachten m\u00f6chte, sollte deshalb nicht nur fragen, ob Hass existiert.<br>Er sollte fragen, wie tief dieser Hass institutionell verankert ist.<br>Genau dort erkenne ich einen entscheidenden Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vielleicht wichtigste Frage lautet jedoch:<br><strong>Warum wird ausgerechnet Israel so h\u00e4ufig als Hauptproblem des Nahen Ostens betrachtet? <\/strong>Der Nahe Osten leidet unter Diktaturen, religi\u00f6sem Fundamentalismus, Frauenunterdr\u00fcckung, Verfolgung religi\u00f6ser Minderheiten, B\u00fcrgerkriegen und autorit\u00e4ren Herrschaftsformen.<br>Trotzdem richtet sich ein \u00fcberproportionaler Teil der internationalen Emp\u00f6rung gegen den einzigen Staat der Region, in dem freie Wahlen stattfinden, in dem Gerichte unabh\u00e4ngig urteilen, in dem Opposition erlaubt ist und in dem Juden, Christen, Muslime, Drusen und Bahai gemeinsam leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet nicht, dass Israel \u00fcber Kritik erhaben w\u00e4re.<br>Aber es bedeutet, dass wir uns fragen sollten, warum die Aufmerksamkeit so selektiv verteilt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dieser Stelle m\u00f6chte ich noch einen Punkt ansprechen, der in vielen Debatten zunehmend ausgeblendet wird: den <\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-unterschied-zwischen-israelkritik-antizionismus-und-antisemitismus\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Unterschied zwischen Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regierung Netanjahu zu kritisieren, ist selbstverst\u00e4ndlich legitim. Die Siedlungspolitik zu kritisieren, ist legitim. Milit\u00e4rische Entscheidungen zu kritisieren, ist legitim. Gerichtsreformen zu kritisieren, ist legitim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All das geschieht t\u00e4glich innerhalb Israels selbst \u2013 oft wesentlich sch\u00e4rfer als in Europa. Problematisch wird es dort, wo die Kritik nicht mehr einer konkreten Regierung oder Ma\u00dfnahme gilt, sondern dem Existenzrecht Israels selbst.<br>Genau das ist die historische Bedeutung des Zionismus.<br>Zionismus bedeutet urspr\u00fcnglich nichts anderes als die \u00dcberzeugung, dass das j\u00fcdische Volk \u2013 wie andere V\u00f6lker auch \u2013 das Recht auf nationale Selbstbestimmung besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss deshalb eine einfache Frage stellen:<br>Welches andere Volk der Welt soll auf dieses Recht verzichten? <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Fordert jemand die Aufl\u00f6sung Japans? <\/li>\n\n\n\n<li>Die Aufl\u00f6sung Frankreichs? <\/li>\n\n\n\n<li>Die Aufl\u00f6sung Polens? <\/li>\n\n\n\n<li>Die Aufl\u00f6sung \u00c4gyptens?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein.<br>Wenn jedoch ausgerechnet beim j\u00fcdischen Staat gefordert wird, dass er als Nationalstaat verschwinden m\u00fcsse, dann wird ein Ma\u00dfstab angewandt, der auf kein anderes Volk angewendet wird. Genau deshalb betrachten viele Juden den <em>modernen Antizionismus <\/em>als eine <em>neue Erscheinungsform des Antisemitismus<\/em>.<br>Nicht weil jede Kritik antisemitisch w\u00e4re.<br>Sondern weil die Existenz des einzigen j\u00fcdischen Staates der Welt h\u00e4ufig mit Ma\u00dfst\u00e4ben beurteilt wird, die f\u00fcr keinen anderen Staat gelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommt ein weiterer Aspekt.<br>In vielen westlichen Debatten wird Israel als koloniales Projekt dargestellt. Diese Erz\u00e4hlung ignoriert jedoch die Geschichte der Juden vollst\u00e4ndig. Juden sind keine europ\u00e4ischen Kolonialherren, die zuf\u00e4llig in den Nahen Osten eingewandert sind. Sie sind ein Volk, dessen kulturelle, religi\u00f6se und historische Wurzeln genau dort liegen. Jerusalem war bereits das Zentrum j\u00fcdischer Kultur, als viele heutige Nationalstaaten noch nicht existierten. Zudem stammt heute ein gro\u00dfer Teil der israelischen Bev\u00f6lkerung nicht aus Europa, sondern aus arabischen und islamischen L\u00e4ndern, aus denen Juden vertrieben oder zur Flucht gezwungen wurden. Wenn man Israel ausschlie\u00dflich als Kolonialprojekt beschreibt, verschwindet diese Geschichte aus dem Blickfeld.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders problematisch erscheint mir jedoch die Entwicklung nach dem 7. Oktober.<br>Innerhalb weniger Wochen wurde in Teilen der westlichen \u00d6ffentlichkeit aus einem der gr\u00f6\u00dften antisemitischen Massaker seit dem Holocaust wieder eine Debatte \u00fcber die angeblichen Verfehlungen Israels.<br>Juden wurden und werden weltweit bedroht, Synagogen angegriffen, j\u00fcdische Studenten eingesch\u00fcchtert.<br>Gleichzeitig \u00fcbernahmen die Menschen Parolen wie \u201e<em>From the River to the Sea<\/em>\u201c, deren praktische Konsequenz die Aufl\u00f6sung Israels w\u00e4re. Viele Menschen verwenden diese Parole, ohne sich dar\u00fcber Gedanken zu machen.<br>Aber man sollte sich fragen:<br>Was geschieht mit den etwa zehn Millionen Israelis, wenn der j\u00fcdische Staat verschwindet? Wohin gehen sie? Wer sch\u00fctzt sie? Welche historische Erfahrung gibt Anlass zu der Annahme, dass Juden im Nahen Osten ohne eigenen Staat sicher w\u00e4ren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte des 20. Jahrhunderts spricht leider eine andere Sprache. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb halte ich die Existenz Israels nicht f\u00fcr ein Hindernis auf dem Weg zu einer geeinten Menschheit. <br>Im Gegenteil. <br>Eine geeinte Menschheit kann nur auf dem Prinzip beruhen, dass jedes Volk dieselben Rechte besitzt. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer den Pal\u00e4stinensern nationale Selbstbestimmung zugesteht, sollte sie auch den Juden zugestehen. Wer das Existenzrecht aller Staaten verteidigt, sollte auch das Existenzrecht Israels verteidigen. Und wer tats\u00e4chlich von einer \u201eUnited Humanity\u201c tr\u00e4umt, sollte darauf achten, dass universelle Ma\u00dfst\u00e4be wirklich universell angewendet werden. Denn eine Menschheit, die f\u00fcr alle dieselben Rechte fordert, ist etwas anderes als eine Menschheit, die f\u00fcr Juden andere Regeln aufstellt als f\u00fcr alle anderen.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-united-humanity\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">United Humanity<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir teilen die Vision einer geeinten Menschheit, das wei\u00dft du.<br>Aber der Weg dorthin beginnt nicht mit moralischer Gleichsetzung.<br>Er beginnt mit der Bereitschaft, Unterschiede zu erkennen.<br>Zwischen Demokratie und Diktatur.<br>Zwischen Selbstverteidigung und Vernichtungswillen.<br>Zwischen berechtigter Kritik und delegitimierender Feindbildproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und er beginnt mit der Erkenntnis, dass Frieden nicht dadurch entsteht, dass man beide Seiten f\u00fcr gleicherma\u00dfen schuldig erkl\u00e4rt, sondern dadurch, dass diejenigen Kr\u00e4fte gest\u00e4rkt werden, die tats\u00e4chlich bereit sind, den anderen dauerhaft existieren zu lassen.<br><strong>Genau deshalb halte ich die Zukunft Israels f\u00fcr eine Frage, die weit \u00fcber Israel hinausgeht<\/strong>.<br>Denn am Ende geht es nicht nur um einen territorialen Konflikt.<br>Es geht um die Frage, <br><em>ob eine offene, liberale und pluralistische Gesellschaft in einer zunehmend von religi\u00f6sem und autorit\u00e4rem Extremismus bedrohten Welt bestehen kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-seine-antwort-an-meine-antwort\" class=\"wp-block-heading has-x-large-font-size\">Seine Antwort an meine Antwort:<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/newslettermatthiasglage.substack.com\/p\/israel-eine-brucke\">Hier im Original.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Lieber Gerhard,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">zun\u00e4chst aber danke ich Dir sehr f\u00fcr Deine tiefe und gedanklich so klare Antwort. Ich sch\u00e4tze es sehr, dass wir diesen Dialog auf einem Niveau f\u00fchren k\u00f6nnen, das \u00fcber blo\u00dfe Schlagworte hinausgeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du hast recht: Es gibt keine moralische Symmetrie zwischen einer gew\u00e4hlten Regierung einer Demokratie und einer nihilistischen Terrororganisation wie der Hamas. Ich stimme Dir in fast allen Deinen historischen Einordnungen zu \u2013 insbesondere darin, dass Israel das Recht hat, sich zu verteidigen. Ich sehe den grausamen Anschlag vom 7. Oktober im \u00dcbrigen auch als einen gezielten Versuch, die hoffnungsvollen Entwicklungen der Abraham-Abkommen zu zerst\u00f6ren, die damals sogar mit Saudi-Arabien m\u00f6glich schienen. Die Hamas wollte den Weg der diplomatischen Ann\u00e4herung mit Blut versperren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch genau hier m\u00f6chte ich ansetzen und unsere Perspektiven zusammenf\u00fchren:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1. Das Beispiel S\u00fcdafrika und der demokratische Standard<\/strong> Du betonst die St\u00e4rke der israelischen Demokratie. Mein Vorbild f\u00fcr eine L\u00f6sung ist oft der Weg S\u00fcdafrikas: Von der Apartheid zu gleichen Rechten f\u00fcr alle. Ohne Nelson Mandela w\u00e4re er schwerlich m\u00f6glich geworden. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass der Weg dorthin \u201eErziehung gegen den Hass\u201c und viel Zeit braucht \u2013 das ist ein Generationenprojekt. Aber gerade weil Israel eine Demokratie ist, erwarte ich von ihr ein Handeln, das diesen Weg offenh\u00e4lt, statt ihn durch Siedlungspolitik physisch zu verbauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2. Realismus und Hoffnung an der Basis<\/strong> Ich bin nicht blau\u00e4ugig: Eine unbegrenzte R\u00fcckkehr aller Fl\u00fcchtlinge ist aufgrund der schieren Anzahl heute nicht mehr vorstellbar, ohne die Stabilit\u00e4t sofort zu sprengen. Aber es gibt ermutigende Zeichen an der Basis: In Israel existieren wunderbare Initiativen, in denen Juden und Pal\u00e4stinenser gemeinsam unterrichtet werden. Diese Keimzellen einer gemeinsamen Zukunft m\u00fcssen gesch\u00fctzt werden. Wer eine \u201eUnited Humanity\u201c denkt, muss fragen, wie man diesen Geist des Miteinanders gegen die Logik der Separation verteidigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>3. Regionale Integration: Von Rabin bis Marokko<\/strong> Was mich optimistisch stimmt, sind Beispiele wie Marokko \u2013 ein Land, in dem ich lebe und das zeigt, wie tief die j\u00fcdisch-arabischen Wurzeln miteinander verwoben sind. Dass Israel und Marokko heute so enge Beziehungen pflegen, beweist, dass die kulturelle Symbiose im Orient keine Utopie ist. Jitzchak Rabin hatte diese Vision eines \u201eFriedens der Mutigen\u201c bereits \u2013 sein Erbe lebt in der Hoffnung, dass Integration m\u00f6glich ist, wenn der politische Wille da ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>4. Die Rhetorik des Raumes<\/strong> Du kritisierst zu Recht den Slogan \u201eFrom the River to the Sea\u201c bei den Gegnern Israels. Aber wir m\u00fcssen ehrlich sein: Dieser exklusive Anspruch wird heute auch von Teilen der israelischen Regierung erhoben. Wenn auf beiden Seiten Kr\u00e4fte regieren, die den Raum nur f\u00fcr sich beanspruchen, wird die Unterscheidung zwischen \u201eZerschlagung des Terrors\u201c und \u201eVerdr\u00e4ngung des anderen Volkes\u201c f\u00fcr die Menschen vor Ort oft unkenntlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Eintreten f\u00fcr eine Vision, die \u00fcber den klassischen Nationalstaat hinausgeht, entspringt der \u00dcberzeugung, dass die ultimative Sicherheit Israels nicht in immer h\u00f6heren Mauern liegt, sondern in einer regionalen Einbindung und einem demokratischen Raum, der allen seinen B\u00fcrgern Schutz bietet. Die offene Gesellschaft beweist ihre St\u00e4rke nicht nur im Sieg \u00fcber ihre Feinde, sondern in ihrer F\u00e4higkeit, den Teufelskreis aus Gewalt und Exklusion durch radikale Menschlichkeit zu durchbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich freue mich auf Deine Gedanken dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herzliche Gr\u00fc\u00dfe, Matthias<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 id=\"antwort2\" class=\"wp-block-heading has-x-large-font-size\">Meine 2. Antwort:<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lieber Matthias,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">zun\u00e4chst m\u00f6chte ich mich nochmals f\u00fcr Deinen zweiten Brief bedanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe den Eindruck, dass wir im Laufe dieses Austausches herausarbeiten k\u00f6nnen, dass wir in wichtigen Punkten \u00fcbereinstimmen. Wir teilen offenbar die \u00dcberzeugung, dass die Zukunft weder im Hass noch in der ewigen Fortsetzung eines Krieges liegen kann. Wir teilen auch die Hoffnung, dass Integration, Dialog und gegenseitige Anerkennung langfristig st\u00e4rker sein k\u00f6nnen als Gewalt und Fanatismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb m\u00f6chte ich auch auf Deinen Verweis auf S\u00fcdafrika eingehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-sudafrika\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">S\u00fcdafrika<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessanterweise ist S\u00fcdafrika f\u00fcr mich ebenfalls ein faszinierendes Beispiel \u2013 allerdings aus einem Grund, der vielen Menschen nicht bekannt ist. Du kennst meine Besch\u00e4ftigung mit Spiral Dynamics. Weniger bekannt ist, dass dieses Modell tats\u00e4chlich eine konkrete Rolle beim friedlichen \u00dcbergang S\u00fcdafrikas aus der Apartheid spielte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Don Beck<\/strong>, einer der wichtigsten Vertreter von <em>Spiral Dynamics <\/em>und enger Mitarbeiter von <strong>Clare Graves<\/strong>, arbeitete \u00fcber viele Jahre direkt in S\u00fcdafrika. Er beriet Politiker, Wirtschaftsf\u00fchrer, Stammesvertreter und gesellschaftliche Akteure unterschiedlichster Lager \u2013 darunter Menschen aus dem Umfeld von Nelson Mandela, F.W. de Klerk und Mangosuthu Buthelezi.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Ansatz bestand nicht darin, Unterschiede aufzul\u00f6sen oder Identit\u00e4ten zu beseitigen. Er versuchte vielmehr, die unterschiedlichen Werte- und Denkstrukturen der beteiligten Gruppen zu verstehen und ein gemeinsames \u00fcbergeordnetes Ziel zu entwickeln, das stark genug war, die Eskalationsspirale zu durchbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Sprache von Spiral Dynamics ging es darum, nicht die Verschiedenheit zu beseitigen, sondern sie auf einer h\u00f6heren Ebene zu integrieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Punkt stimme ich Deinem Grundgedanken ausdr\u00fccklich zu. Auch ich glaube, dass Frieden letztlich nur entstehen kann, wenn Menschen lernen, \u00fcber ihre unmittelbare Gruppenidentit\u00e4t hinauszuwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch genau hier beginnt f\u00fcr mich auch der entscheidende Unterschied zwischen S\u00fcdafrika und dem Nahen Osten.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-der-unterschied\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Der Unterschied<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In S\u00fcdafrika k\u00e4mpfte die schwarze Bev\u00f6lkerungsmehrheit nicht gegen die Existenz S\u00fcdafrikas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mandela wollte nicht die Abschaffung S\u00fcdafrikas. Er wollte gleiche Rechte innerhalb S\u00fcdafrikas. Die Wei\u00dfen sollten bleiben. Die Schwarzen sollten bleiben. Alle sollten B\u00fcrger desselben Staates werden.<br>Das war die Grundlage, auf der Integration \u00fcberhaupt denkbar wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Nahen Osten stehen wir jedoch vor einer anderen Situation.<br>Hier begegnen sich zwei nationale Bewegungen, die jeweils eigene historische Identit\u00e4ten, Traumata und Selbstbestimmungsanspr\u00fcche besitzen. Die Juden betrachten Israel als ihren Nationalstaat. Die Pal\u00e4stinenser betrachten Pal\u00e4stina als ihre Heimat. Deshalb halte ich die Situation strukturell eher f\u00fcr vergleichbar mit Konflikten wie Indien und Pakistan, Griechenland und der T\u00fcrkei oder Serben und Kroaten als mit S\u00fcdafrika.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eigentliche Frage lautet deshalb:<br>Was w\u00e4re heute das gemeinsame \u00fcbergeordnete Ziel, das Israelis und Pal\u00e4stinenser miteinander verbinden k\u00f6nnte?<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-abraham-abkommen\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Abraham-Abkommen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau hier sehe ich die gro\u00dfe Bedeutung der Abraham-Abkommen. Viele Beobachter betrachteten sie lediglich als diplomatische Vereinbarungen.<br>Ich glaube, sie waren weit mehr. Sie waren der Versuch, einen neuen M\u00f6glichkeitsraum zu er\u00f6ffnen. Einen Raum gemeinsamer wirtschaftlicher Entwicklung, regionaler Integration und gegenseitiger Interessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachweislich war genau das <em>der Grund<\/em>, <em>weshalb die Hamas (im Auftrag des Iran) den 7. Oktober inszenierte<\/em>. Denn nichts gef\u00e4hrdet eine Ideologie des ewigen Konflikts st\u00e4rker als die Aussicht auf Normalisierung.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-marokko\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Marokko<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du erw\u00e4hnst Marokko.<br>Auch ich halte die Beziehungen zwischen Marokko und Israel f\u00fcr eines der hoffnungsvollsten Beispiele der letzten Jahre. Sie zeigen, dass Juden und Araber keineswegs naturgegeben dazu bestimmt sind, Feinde zu sein. Die Geschichte liefert daf\u00fcr auch unz\u00e4hlige Gegenbeispiele.<br>Aber sie zeigt zugleich, dass Frieden immer dort entsteht, wo die Existenz des anderen akzeptiert wird.<br>Und genau an diesem Punkt sehe ich weiterhin die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"h-hardliner-auf-beiden-seiten\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">Hardliner auf beiden Seiten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du schreibst v\u00f6llig zu Recht, dass auch Teile der israelischen Rechten heute eine exklusive Vorstellung des Raumes vertreten.<br>Dem stimme ich zu.<br>Ben Gvir, Smotrich und Teile der radikalen Siedlerbewegung vertreten Positionen, die ich weder politisch noch moralisch verteidigen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer die Vertreibung von Pal\u00e4stinensern fordert, verr\u00e4t die humanistischen Grundlagen, auf denen Israel gegr\u00fcndet wurde. Auch die Gewalt extremistischer Siedler gegen Pal\u00e4stinenser ist kriminell und muss als solche behandelt werden. Ich halte es f\u00fcr eine legitime Kritik an Israel, dass diese Straftaten h\u00e4ufig nicht mit der Konsequenz verfolgt werden, die ein Rechtsstaat eigentlich aufbringen m\u00fcsste.<br>Hier gibt es reale Probleme, die benannt werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber genau an diesem Punkt trennt sich f\u00fcr mich Kritik von Delegitimierung.<br>Denn die Existenz extremistischer Siedler beweist nicht, dass Israel als Ganzes ein verbrecherischer Staat w\u00e4re.<br>So wie die Existenz rechtsextremer Parteien Deutschland nicht zu einem faschistischen Staat macht.<br>So wie islamistische Anschl\u00e4ge Europa nicht zu einem islamistischen Kontinent machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die entscheidende Frage lautet immer:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie funktioniert das Gesamtsystem?<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-sudafrika-und-der-vorwurf-genozid-und-apartheid\" class=\"wp-block-heading has-large-font-size\">S\u00fcdafrika und der Vorwurf &#8222;Genozid&#8220; und &#8222;Apartheid&#8220;<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und hier sehe ich einen fundamentalen Unterschied zwischen Israel und seinen Feinden.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>In Israel k\u00f6nnen Araber Richter werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie k\u00f6nnen Abgeordnete werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie k\u00f6nnen Universit\u00e4tsprofessoren werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie k\u00f6nnen \u00c4rzte, Unternehmer oder Offiziere werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Arabische Parteien sitzen im Parlament.<\/li>\n\n\n\n<li>Arabische Richter haben Ministerpr\u00e4sidenten verurteilt.<\/li>\n\n\n\n<li>Arabische Soldaten dienen freiwillig in der Armee.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau deshalb tue ich mich schwer mit dem h\u00e4ufig verwendeten Apartheid-Vergleich. Apartheid bedeutete in S\u00fcdafrika die systematische rechtliche Trennung von Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit. Die arabischen Staatsb\u00fcrger Israels besitzen dagegen dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte wie j\u00fcdische Israelis. Man kann \u00fcber Benachteiligungen, soziale Unterschiede oder politische Konflikte sprechen. Aber die Verwendung des Apartheid-Begriffs erscheint mir deshalb analytisch unzutreffend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb finde ich es zutiefst irritierend, dass ausgerechnet das heutige S\u00fcdafrika zu den lautst\u00e4rksten Ankl\u00e4gern Israels geh\u00f6rt. Nicht weil Kritik an Israel unzul\u00e4ssig w\u00e4re. Sondern weil man erwarten w\u00fcrde, dass gerade S\u00fcdafrika besonders sensibel zwischen tats\u00e4chlicher Apartheid und anderen Konfliktformen unterscheiden kann.<br>Ich sehe deshalb die Gefahr, dass moralisch aufgeladene Begriffe heute h\u00e4ufig eher zur politischen Mobilisierung als zur pr\u00e4zisen Beschreibung der Realit\u00e4t verwendet werden.<br>Und das sorgt wahrscheinlich f\u00fcr eine Delegitimierung S\u00fcdafrikas als positives Beispiel f\u00fcr eine Entwicklung im Nahen Osten.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-versohnung-durch-integration\" class=\"wp-block-heading\">Vers\u00f6hnung durch Integration<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz all dieser Unterschiede bleibt jedoch ein Punkt, in dem ich Dir ausdr\u00fccklich zustimme. Jede Schule, in der j\u00fcdische und arabische Kinder gemeinsam lernen, ist wertvoll. Jedes Integrationsprojekt ist wertvoll. Jede Begegnung, die den Menschen hinter dem Feindbild sichtbar macht, ist wertvoll.<br>Denn Frieden entsteht niemals ausschlie\u00dflich durch Vertr\u00e4ge.<br>Er entsteht durch Menschen. Durch Vertrauen. Durch gemeinsame Erfahrungen. Durch die Erkenntnis, dass die andere Seite nicht nur aus Symbolen und Narrativen besteht, sondern aus realen Menschen mit Hoffnungen, \u00c4ngsten und Familien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Sinne sehe ich aber auch keinen Widerspruch zwischen Selbstverteidigung und Vers\u00f6hnung. <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Man kann das Existenzrecht Israels verteidigen und gleichzeitig jede Form von Entmenschlichung der Pal\u00e4stinenser ablehnen.<\/li>\n\n\n\n<li>Man kann Hamas bek\u00e4mpfen und zugleich die W\u00fcrde der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung anerkennen.<\/li>\n\n\n\n<li>Man kann Siedlergewalt verurteilen, ohne daraus die Delegitimierung Israels abzuleiten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht zwischen den Lagern zu w\u00e4hlen, sondern die F\u00e4higkeit zu entwickeln, mehrere Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten. Und das entgegen den Bestrebungen der Hardliner auf beiden Seiten, die negativen Seiten des anderen f\u00fcr eine absolute D\u00e4monisierung zu instrumentalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus der Perspektive von Spiral Dynamics w\u00fcrde ich sagen:<br><em>Die Zukunft entsteht nicht dadurch, dass eine Seite die andere besiegt<\/em>.<br><strong>Sie entsteht dadurch, dass wir ein gemeinsames Ziel finden, das gr\u00f6\u00dfer ist als die \u00c4ngste beider Seiten<\/strong>.<br>Genau deshalb bleibt f\u00fcr mich die Vision einer \u201eUnited Humanity\u201c wichtig. Nicht als Verneinung von Identit\u00e4ten. Sondern als ihre Integration auf einer h\u00f6heren Ebene.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herzliche Gr\u00fc\u00dfe<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerhard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bekam einen offenen Brief meines Freundes Matthias Glage, auf den ich hier gerne ebenso \u00f6ffentlich antworten m\u00f6chte. 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