Bewusstsein, Materie und die Relationalität der Wirklichkeit

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Abstrakt
  • Das Bewusstsein bleibt ein ungelöstes Problem trotz des Fortschritts in der Wissenschaft.
  • Descartes‘ Trennung von res extensa und res cogitans führte zum Körper-Geist-Problem, das die Interaktion dieser Bereiche schwierig macht.
  • Der materialistische Ansatz hat das innere Erleben nicht ausgeschlossen, sondern umgedeutet, was das Bewusstsein betrifft.
  • Moderne Physik zeigt, dass Realität relational ist und keine isolierten Teilchen existieren; Wechselwirkungen schaffen die Realität.
  • Ein neuer Monismus betrachtet Bewusstsein als Grunddimension der Welt, anstatt es aus Materie abzuleiten.

1. Ein scheinbar gelöstes Problem

In weiten Teilen der gegenwärtigen Debatte gilt das Problem des Bewusstseins als im Grunde geklärt. Natürlich, so wird eingeräumt, gibt es noch offene Detailfragen – aber im Prinzip scheint die Richtung klar: Bewusstsein ist ein emergentes Phänomen komplexer materieller Systeme.

Diese Sicht ist intuitiv, anschlussfähig und wissenschaftlich gut eingebettet. Sie erklärt, warum Gehirne eine besondere Rolle spielen, warum Bewusstsein graduell auftreten kann und warum es mit bestimmten funktionalen Zuständen korreliert.

Und doch bleibt eine Irritation bestehen.

Denn parallel zu dieser scheinbaren Klärung hält sich hartnäckig ein anderes Narrativ: das sogenannte „harte Problem des Bewusstseins“. Warum gibt es überhaupt so etwas wie Erleben? Warum ist Informationsverarbeitung von subjektiver Erfahrung begleitet?

Ein einfaches Gedankenexperiment macht die Schwierigkeit sichtbar: Man kann sich ein System vorstellen, das auf jede Eingabe perfekt reagiert, Sprache versteht, Entscheidungen trifft und sich selbst beschreibt – und dennoch bleibt die Frage offen, ob es etwas gibt, das es ist, dieses System zu sein.

Wenn das Problem wirklich gelöst wäre, warum verschwindet diese Frage nicht?

Vielleicht, weil wir es gar nicht gelöst haben – sondern nur so umformuliert, dass es nicht mehr stört?


2. Der Ursprung des Problems: Descartes’ folgenschwere Trennung

Um das zu verstehen, lohnt ein kurzer Blick zurück.

Mit René Descartes (1596–1650) tritt eine folgenreiche Unterscheidung in die Philosophie ein: die Trennung zwischen res extensa (ausgedehnte, materielle Dinge) und res cogitans (denkendes, erlebendes Bewusstsein).

Diese Trennung war kein zufälliger Gedanke, sondern ein strategischer Kompromiss. Sie erlaubte es, die aufkommende Naturwissenschaft von theologischen Deutungsansprüchen zu befreien, ohne das Innere des Menschen preiszugeben. Sie sollte Wissenschaft und Seele gleichzeitig retten. Damit schuf sie einen stabilen methodischen Rahmen: Die äußere Welt konnte fortan mechanistisch beschrieben werden, während das Innere als eigenständige Sphäre unangetastet blieb. Gerade diese Arbeitsteilung machte den enormen Fortschritt der Wissenschaft möglich – sie isolierte Störfaktoren und fokussierte auf messbare Zusammenhänge. Doch indem sie das Innere ausklammerte, legte sie zugleich den Keim für ein späteres Problem: Das, was methodisch getrennt wurde, musste ontologisch wieder zusammengeführt werden – ohne dass klar war, wie das überhaupt möglich sein sollte. Dieser Schritt hatte also einen hohen Preis.

Indem die Wirklichkeit in zwei grundverschiedene Substanzen aufgeteilt wurde, entstand ein Problem, das es zuvor in dieser Form gar nicht gab: Wie können diese beiden Bereiche miteinander interagieren?

Descartes selbst war sich dieses Problems bewusst und suchte nach einer konkreten Schnittstelle. Er identifizierte die Zirbeldrüse (Glandula pinealis) als den Ort, an dem die immaterielle Seele mit dem materiellen Körper in Kontakt tritt. Seine Begründung war bemerkenswert: Die Zirbeldrüse ist – anders als viele andere Strukturen im Gehirn – nicht paarig angelegt und schien ihm daher geeignet, die Einheit des Bewusstseins zu repräsentieren. Hier sollten Sinneseindrücke zusammenlaufen und bewusste Entscheidungen ihren Ausgang nehmen.

Gerade dieser Versuch macht jedoch die Schwierigkeit deutlich: Sobald man zwei völlig unterschiedliche „Substanzen“ annimmt, ist man gezwungen, eine Brücke zu konstruieren, die selbst nicht mehr verständlich gemacht werden kann.

Das sogenannte Körper-Geist-Problem ist also nicht einfach entdeckt worden – es wurde durch diese theoretische Trennung von Körper und Geist erst erzeugt.


3. Die materialistische Befreiung – und ihr blinder Fleck

Die moderne Wissenschaft reagierte auf dieses Problem mit einer radikalen Vereinfachung. Statt zwei Substanzen anzunehmen, wurde eine gestrichen. Es blieb nur noch die materielle Seite der Wirklichkeit.

Dieser Schritt war außerordentlich erfolgreich. Die Naturwissenschaft konnte sich von metaphysischen Spekulationen lösen und eine beispiellose Erklärungskraft entwickeln. Prozesse wurden berechenbar, Vorhersagen präzise, Technologien möglich.

Doch mit diesem Erfolg schlich sich ein stillschweigender Übergang ein:

Aus einer methodischen Entscheidung – nur das zu untersuchen, was messbar und beschreibbar ist – wurde eine ontologische Behauptung: Nur das Messbare sei real.

Der Dualismus wurde nicht überwunden, sondern halbiert. Die innere Seite der Wirklichkeit verschwand nicht – sie wurde schlicht als Nebenprodukt umgedeutet. Das Problem war damit nicht gelöst, sondern aus dem Blickfeld verschoben. Was blieb, war eine Weltanschauung, die die Wirklichkeit nicht wieder monistisch vereint hatte, sondern auf einem der beiden dualistischen Augen blind geworden war.


4. Die Rückkehr des Problems: Das „harte Problem“ des Bewusstseins

An genau dieser Stelle kehrt das Problem zurück.

Man kann sehr präzise erklären, wie ein System Informationen verarbeitet, integriert und auf sich selbst bezieht. Man kann neuronale Korrelate identifizieren, funktionale Modelle entwickeln und sogar künstliche Systeme bauen, die komplexe Verhaltensweisen zeigen.

All das gehört zum sogenannten „leichten Problem“ des Bewusstseins. Der Inhalt des Bewusstseins lässt sich theoretisch nachvollziehen, mit rekursiver Selbstreflexion beschreiben und künstlich mit Informationsverarbeitung nachbauen. Selbst der Grad des Bewusstseins lässt sich – zumindest im Rahmen bestimmter Theorien – quantifizieren, etwa durch den Phi-Faktor der Integrierten Informationstheorie, der angibt, wie stark ein System seine Informationen integriert.

Doch keine dieser Beschreibungen beantwortet die entscheidende Frage:

Warum fühlt sich irgendetwas nach etwas an? Warum „gibt es jemanden, der sich fühlt, als wäre er diese Informationsverarbeitung“?

Ein klassisches Beispiel ist das sogenannte „philosophische Zombie“-Szenario: Ein Wesen verhält sich exakt wie ein Mensch, reagiert identisch, spricht identisch – und doch gibt es kein inneres Erleben. Jede chemische Funktion, jede neuronale elektrische Spannung und jede zelluläre Schaltung ließe sich in diesem Szenario vollständig physikalisch und chemisch erklären. Im gesamten Ablauf der Gehirnfunktionen gäbe es keinen einzigen Punkt, an dem Erleben notwendig wäre, um die Funktion zu verstehen. Wenn ein solcher Zombie denkbar ist, dann scheint Verhalten allein nicht auszureichen, um Bewusstsein zu erklären. Alles ist auch ohne inneres Erleben vorstellbar. Die „Emergenz des Bewusstseins“ aus komplexer Materie wird nur erfunden, um die Evidenz des eigenen inneren Erlebens irgendwie in das enge Korsett des Materialismus einzupassen. Wirklich begründet kann sie nicht werden.

Hier stößt der materialistische Ansatz an eine Grenze. Man kann diese Grenze akzeptieren und sagen: Es ist eben so. Oder man kann fragen, ob die Ausgangsannahmen vielleicht zu eng gewählt sind.


5. Ein Perspektivwechsel aus der Physik

Interessanterweise deutet die moderne Physik selbst darauf hin, dass unser alltäglicher Materiebegriff zu grob ist.

Was wir „Teilchen“ nennen, sind keine kleinen festen Dinge, sondern Zustände in einem multidimensionalen, mathematischen Raum von Möglichkeiten – dem Hilbertraum. Statt kleiner Kügelchen, die durch den Raum fliegen, haben wir es hier mit einem Feld von Möglichkeiten zu tun, aus dem konkrete Ereignisse erst hervorgehen.

Physikalische Systeme existieren zunächst als Überlagerung von Möglichkeiten und werden erst im Akt der Wechselwirkung zu konkreten Ereignissen. Dieser sogenannte Quantenkollaps ist kein Übergang von „Ding zu Ding“, sondern von Möglichkeit zu Aktualität.

Und entscheidend ist: Dieser Übergang ist relational. Es gibt kein isoliertes Sein. Realität entsteht in Wechselwirkungen.


6. Realität als relationale Informationsstruktur

Wenn man diese Perspektive ernst nimmt, verschiebt sich das ontologische Fundament: Die Welt besteht nicht aus Dingen, die Beziehungen eingehen, sondern aus Beziehungen, die als Dinge erscheinen. Was wir als „Materie“ beschreiben, ist das stabilisierte Muster solcher Relationen. Systeme existieren nicht unabhängig voneinander, sondern nur im Kontext ihrer Korrelationen. Ein „Teilchen für sich“ ist eine Abstraktion, da es immer nur Wahrscheinlichkeit im Hilbertraum ist, solange es nicht mit anderen Teilchen interagiert.

In diesem Sinne kann man zugespitzt formulieren: Teilchen oder Systeme „wissen“ voneinander – nicht im psychologischen Sinn, sondern als Ausdruck ihrer relationalen Einbettung.

Gerade an diesem Punkt entsteht jedoch häufig ein Missverständnis, das in populären Darstellungen der Quantenmechanik weit verbreitet ist. Oft wird behauptet, der „Beobachter“ bringe die Realität überhaupt erst hervor – als würden wir durch unsere Wahrnehmung die Welt erschaffen.

Diese Interpretation übersieht einen entscheidenden Punkt: In der Physik ist „Beobachtung“ nichts anderes als Wechselwirkung. Wenn wir Teilchen beobachten, dann können wir dies nur tun, indem wir mit ihnen interagieren. Der obketktive und unabhängige Beobachter existiert in dieser Größenordnung nicht. Und in diesem Sinne ist jeder Quantenkollaps das Ergebnis einer Interaktion. Aber Interaktionen gibt es auf dieser Ebene auch ohne menschlichen Beobachter ständig. Es wird also relationale Wirklichkeit geschaffen, lange bevor ein Mensch zusieht.

Ein einfaches Gedankenexperiment macht das deutlich: Wenn zwei Teilchen miteinander wechselwirken, dann „messen“ sie sich gegenseitig. Sie aktualisieren ihren jeweiligen Zustand in Bezug aufeinander. Es braucht dafür keinen externen Beobachter – die Relation selbst ist bereits der Beobachtungsakt. Und in ihrem konkreten physikalsichen Sein ist das „Wissen“ um den Zustand des Interaktionspartners integriert. In diesem Sinne sind die beteiligten Systeme selbst die „Beobachter“. Sie erzeugen keine subjektive Wirklichkeit im menschlichen Sinne, sondern eine relationale Wirklichkeit: ein Netz von Zuständen, die nur in Bezug aufeinander definiert sind. Sie existieren, weil sie voneinander „wissen“.

Die Welt wird also nicht von außen „erfunden“, sondern entsteht fortlaufend im Inneren ihrer eigenen Wechselwirkungen und zwar objektiv UND subjektiv.

Damit verliert sowohl Vorstellung, Bewusstsein sei ein externer Faktor, der Realität erst hervorbringt, ihre Grundlage, als auch die materialistische Vorstellung, Bewusstsein sei ein emergentes Nebenprodukt von komplexen Gehirnen. Stattdessen wird deutlich: Relationalität ist fundamental – und das, was wir später als bewusstes Erleben kennen, ist eine komplexe Ausformung genau dieser grundlegenden Struktur sein.


7. Die zwei Perspektiven derselben Realität

Hier eröffnet sich ein neuer Zugang. Wenn Realität auf fundamentaler Ebene relational ist, dann kann man denselben Sachverhalt aus zwei Perspektiven beschreiben:

  • Aus der Außenperspektive als physikalischen Prozess.
  • Aus der Innenperspektive als Erleben. 

Ein und dieselbe Musik kann als Schwingungsmuster beschrieben werden, oder als Klang erlebt werden. Beides ist korrekt, aber keines reduziert sich vollständig auf das andere. Diese beiden Beschreibungen stehen nicht im Widerspruch, sie ergänzen sich.

Materie ist die Außenseite dieses Prozesses. Bewusstsein seine Innenseite. Damit verschwindet der Bedarf nach einem Brückenschlag zwischen zwei getrennten Substanzen. Die Realität formt sich von Anfang an als Perspektiven-Dualismus, der jedes System sich von innen erleben und alle anderen Systeme von außen beobachten lässt.


8. Warum Emergenz hier nicht ausreicht

Der emergentistische Materialismus versucht, das Problem durch Komplexität zu lösen: „Ab einer bestimmten Organisationsform entsteht Bewusstsein.“

Doch Emergenz erklärt Übergänge innerhalb eines Rahmens – nicht den Rahmen selbst. Es entstehen vielleicht neue Funktionen, aber keine neuen Kategorien. Ab einer gewissen Masse an Teilchen wird Bewegungsenergie zur Temperatur. Aber Temperatur ist nur eine Beschreibung, ein statistisches Mittel der Bewegungsenergie, keine neue Kategorie.  Wenn man immer mehr Wasser in einen Eimer gießt, erhält man irgendwann mehr Wasser, aber niemals plötzlich Feuer.

Wenn die Ausgangsbasis vollständig erfahrungsfrei gedacht wird, bleibt unklar, wie daraus plötzlich Erfahrung hervorgehen soll. Man kann die Bedingungen immer genauer beschreiben, unter denen Bewusstsein auftritt. Aber man erklärt damit nicht, warum es überhaupt auftritt. Der entscheidende ontologische Sprung bleibt bestehen.


9. Ein neuer Monismus: Bewusstsein als Grunddimension

Eine alternative Möglichkeit besteht darin, den Ausgangspunkt zu verschieben. Nicht Bewusstsein aus Materie abzuleiten – sondern beide als Aspekte derselben Realität zu verstehen. In dieser Perspektive ist Bewusstsein keine späte Ergänzung, sondern eine grundlegende Dimension der Welt.

Ähnlich wie Masse oder Ladung beschreibt es eine Eigenschaft, die nicht weiter reduziert werden kann, sondern die Struktur der Realität selbst mitbestimmt. So wie Masse nicht erst entsteht, wenn viele Teilchen zusammenkommen, sondern eine grundlegende Eigenschaft ist, könnte auch Bewusstsein in elementarer Form bereits vorhanden sein und sich mit zunehmender Komplexität differenzieren. So wie Temperatur nur eine emergente Erscheinungsform winziger Bewegungen ist, so ist Bewusstsein, wie wir es kennen, eine neue emergente Erscheinungsform dessen, was bereits im Quantenkollaps als „Wissen des anderen Teilchens“ vorhanden ist. Subjektives Erleben an sich ist keine Emergenz, sondern eine Grundeigenschaft aller Materie.

Theorien wie die Integrierte Informationstheorie erhalten in diesem Rahmen eine neue Bedeutung: Sie beschreiben nicht die Entstehung von Bewusstsein aus dem Nichts, sondern die Organisation und Differenzierung eines bereits angelegten Phänomens.


10. Konsequenzen für unser Weltbild

Ein solcher Perspektivwechsel hat weitreichende Folgen.

Die Natur erscheint nicht mehr als bloß materiell, sondern als ein Gefüge von Relationen, das sich sowohl objektiv beschreiben als auch subjektiv erleben lässt.

Die Wissenschaft verliert dadurch nichts von ihrer Gültigkeit – aber sie wird in einen größeren Zusammenhang eingebettet.

Auch die Evolution erhält eine neue Deutung. Sie ist nicht nur eine Zunahme von Komplexität, sondern auch eine zunehmende Explikation von Perspektivität und Selbstbezug. Ein einfaches Bild: Evolution ist nicht nur der Bau immer komplexerer Maschinen, sondern die Entfaltung von Systemen, die sich zunehmend selbst erfahren können. Dabei ist Evolution nicht im klassischen Sinne zielgerichtet – sie folgt keinem vorgegebenen Plan. Und doch zeigt sie eine klare Richtung: höhere Formen von Integration, Differenzierung und Bewusstheit wirken wie Attraktoren im Raum der Möglichkeiten. Was sich durchsetzt, ist nicht zufällig im luftleeren Raum, sondern strukturell begünstigt durch diese Attraktoren zunehmender Selbstbezüglichkeit.

Bewusstsein entwickelt sich nicht aus dem Nichts, sondern es entfaltet sich. Wir sind keine Randerscheinungen dieses Prozesses, sondern jene Emergenzen, in denen sich der Kosmos zunehmend selbst beobachtet.


11. Kein Rückschritt, sondern der nächste Schritt

Diese Sichtweise ist kein Rückfall in vormoderne Spekulationen.

Sie baut auf den Erfolgen der Wissenschaft auf – nimmt sie aber ernst genug, um ihre impliziten Voraussetzungen zu hinterfragen. Sie fordert nichts weniger, als die methodischen Errungenschaften der Moderne in eine umfassendere Ontologie zu überführen, die nicht nur beschreibt, was messbar ist, sondern auch ernst nimmt, dass jede Beschreibung selbst bereits in einem Feld von Erfahrung stattfindet.

Der Materialismus war ein notwendiger Schritt, um die Welt von dogmatischen Deutungen zu befreien. Er hat den Blick geschärft für Kausalität, für Reproduzierbarkeit, für die enorme Leistungsfähigkeit mathematischer Beschreibung. Ohne ihn gäbe es weder moderne Physik noch Technologie noch die Fähigkeit, Naturprozesse in einem bislang ungekannten Ausmaß zu verstehen und zu gestalten.

Aber gerade weil dieser Schritt so erfolgreich war, wird leicht übersehen, dass er auf einer Reduktion beruht: auf der bewussten Ausklammerung der Innenperspektive. Was als methodische Vereinfachung begann, wurde unmerklich zur ontologischen Verengung. Und genau hier setzt die notwendige Korrektur an.

Der Materialismus ist daher nicht falsch – aber unvollständig. Er beschreibt eine Seite der Wirklichkeit mit großer Präzision, verfehlt jedoch die andere. Die Blindheit an einem der beiden dualistischen Augen wird erst dann überwunden, wenn beide Perspektiven wieder zusammengeführt werden: die objektive Beschreibung und das subjektive Erleben.

In dieser Integration zeigt sich die Welt nicht mehr als bloße Ansammlung von Dingen, sondern als ein durch und durch relationales Gefüge, in dem jede Struktur zugleich von innen erlebt und von außen beschrieben werden kann. Das, was wir als „Bewusstsein“ bezeichnen, ist dann keine zufällige Begleiterscheinung, sondern die Innenseite genau jener Prozesse, die die Physik als Wechselwirkungen beschreibt.

Damit verschiebt sich auch unser Selbstverständnis. Der Mensch ist nicht länger ein isoliertes Subjekt in einer fremden, rein materiellen Welt, sondern ein Knotenpunkt innerhalb eines universellen Zusammenhangs, in dem sich Perspektivität zunehmend verdichtet. In uns erreicht die Fähigkeit des Kosmos, sich selbst zu erfahren, eine neue Stufe der Explikation.

Hier beginnt ein tieferes Verständnis der Wirklichkeit: wenn wir erkennen, dass objektive Beschreibung und subjektives Erleben keine Gegensätze sind, sondern zwei komplementäre Zugänge zu ein und derselben Realität. Beide sind notwendig, beide sind irreduzibel – und erst in ihrer Verschränkung entsteht ein vollständiges Bild.

Eine solche Ontologie verlangt nicht, dass wir die Wissenschaft verlassen, sondern dass wir sie konsequent zu Ende denken. Sie fordert, dass wir die Trennung, die einst aus methodischen Gründen sinnvoll war, nun auf einer höheren Ebene wieder aufheben.

Und genau darin liegt der nächste Entwicklungsschritt: nicht in der Verdrängung einer Perspektive durch die andere, sondern in ihrer bewussten Integration – als Ausdruck einer Wirklichkeit, die immer schon mehr war als das, was sich messen lässt, und zugleich präzise genug ist, um beschrieben zu werden.


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Kommentare

3 Kommentare zu „Bewusstsein, Materie und die Relationalität der Wirklichkeit“

  1. Avatar von Marie-Rose Fritz
    Marie-Rose Fritz

    Toll! Dass Materie und Bewusstsein als Innen- und Außenseite der Wirklichkeit gesehen werden kann entspricht meinem Erleben. 🙋🏼‍♀️ Und die Ausführlichkeit der gesamten Beschreibung ist total spannend und einleuchtend.

  2. […] Bewusstsein, Materie und die Relationalität der Wirklichkeit White Paper – Evolutionärer Idealismus […]

  3. […] Bewusstsein, Materie und die Relationalität der Wirklichkeit Evolutionärer Idealismus im Gespräch mit dem Atheismus […]

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