Wenn die Kritik am Fortschritt den Rückschritt stärkt

Gedanken zu Ken Wilber, dem Mean Green Meme und der Frage, wie wir wirklich über Grün hinauskommen

Anlässlich des Erscheinens von Ken Wilbers „Das Zeitalter der Unvernunft“, der deutschen Ausgabe von The Age of Unreason, hat Tom Amarque (der Verleger der deutschen Ausgabe) ein aktuelles Interview mit Ken Wilber geführt:

„Age of Unreason, with Ken Wilber“
https://youtu.be/EVZyb4iw_ak

Das Interview ist für mich besonders interessant, weil ich in den vergangenen Tagen gerade über Wilbers Kritik am sogenannten „Mean Green Meme“* und über die gesellschaftlichen Folgen dieser Kritik mit dem Übersetzer des Buches (Michael Habecker) gesprochen hatte. Im Gespräch werden einige der dabei aufgeworfenen Fragen erstaunlich direkt berührt. Wilber wird unter anderem gefragt, ob Trump und die AfD als eine Art evolutionäre Gegenbewegung auf die Übertreibungen von Grün* verstanden werden können, ob darin sogar eine „hegelsche“ Dynamik liegt und ob Grün* die populistische Rechte mit hervorgebracht hat.

* Die Farbzuordnungen bezeichnen Entwicklungsstufen. Wem diese entwicklungspsychologie Hilfskonstruktion nicht bekannt ist, der findet am Ende des Artikel einen kurzen Überblick.

Dabei möchte ich eines vorweg deutlich machen: Meine Kritik richtet sich nicht gegen Ken Wilbers integrale Theorie. Im Gegenteil. Ich halte sein Entwicklungsmodell für einen der bedeutendsten Versuche, psychologische, kulturelle und gesellschaftliche Evolution in einem gemeinsamen Zusammenhang zu verstehen. Mein eigener Evolutionärer Idealismus geht in einigen ontologischen Fragen einen anderen Weg als Wilbers Ansatz, aber gerade sein Entwicklungsdenken ist für mich von großer Bedeutung.

Meine Kritik betrifft deshalb einen wesentlich engeren Punkt: Wie kritisieren wir das Mean Green Meme so, dass diese Kritik tatsächlich zur Transformation nach Gelb/Petrol führt – und nicht unbeabsichtigt eine Regression zu Orange, Blau/Amber oder Rot unterstützt?

Genau hier sehe ich ein Problem, das Wilber meines Erachtens auch in diesem Interview nicht ausreichend berücksichtigt.

Wilbers Kritik an Grün ist nicht grundsätzlich falsch

Wilber beschreibt im Interview eine Entwicklung, die er bereits seit Boomeritis analysiert. Mit dem Aufstieg der postmodernen, pluralistischen – in der Terminologie von Spiral Dynamics „grünen“ – Bewusstseinsstruktur seien die Wahrheitsansprüche der Moderne zunehmend relativiert worden.

Dahinter steht zunächst eine wichtige Erkenntnis. Unsere Vorstellungen von Wirklichkeit entstehen nicht unabhängig von Sprache, Kultur, gesellschaftlichen Strukturen und Perspektiven. Auch wissenschaftliche Erkenntnis findet nicht in einem vollkommen voraussetzungslosen Raum statt. Postmoderne, Konstruktivismus und Strukturalismus haben wesentlich dazu beigetragen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Problematisch wird diese Erkenntnis dort, wo aus der Perspektivität unserer Erkenntnis geschlossen wird, es gebe überhaupt keine gemeinsame Wirklichkeit mehr, auf die sich unterschiedliche Perspektiven beziehen können. Dann steht „meine Wahrheit“ neben „deiner Wahrheit“, ohne dass noch Kriterien zur Verfügung stehen, anhand derer Aussagen miteinander verglichen werden können.

Wilber sieht darin eine wesentliche Ursache der heutigen postfaktischen Kultur.

Diese Kritik halte ich grundsätzlich für berechtigt. Auch Grün besitzt, wie jede Entwicklungsstufe, seine Pathologien.

Mein Einwand beginnt an einer anderen Stelle.

Jede Entwicklungsstufe erzeugt ihre eigenen Grenzen

Ich verstehe das Mean Meme weniger als bloße Erkrankung einer Entwicklungsstufe, sondern stärker als Ausdruck einer evolutionären Dialektik.

Jede neue Stufe entsteht, weil die vorhergehende bestimmte Probleme nicht mehr ausreichend lösen kann. Orange überwindet wesentliche Begrenzungen von Blau/Amber durch Wissenschaft, Rationalität, Individualismus, universelle Rechte und die Befreiung des Menschen von tradierten Autoritäten.

Grün erkennt anschließend wiederum die blinden Flecken von Orange: Machtstrukturen, soziale Ungleichheit, ökologische Externalisierung, kulturelle Perspektivität, Diskriminierung und die Grenzen eines rein instrumentellen Rationalismus.

Doch auch Grün ist nicht die letzte mögliche Perspektive.

Deshalb müssen irgendwann Situationen entstehen, in denen auch seine eigenen Prinzipien an Grenzen geraten. Aus der berechtigten Kritik an Machthierarchien kann die Ablehnung von Hierarchie überhaupt werden. Aus Toleranz kann die Unfähigkeit entstehen, sich gegenüber Intoleranz abzugrenzen. Aus der Erkenntnis der Perspektivität unserer Weltbilder kann ein Relativismus entstehen, der nicht mehr ausreichend zwischen besser und schlechter begründeten Aussagen unterscheidet.

Genau darin sehe ich die evolutionäre Funktion eines Mean Meme: Eine Entwicklungsstufe stößt auf Widersprüche, die sie mit ihren eigenen Mitteln nicht mehr vollständig lösen kann. Dadurch entsteht der Transformationsdruck zur nächsten Stufe.

Das Mean Meme ist damit nicht einfach „böse“ oder eine bedauerliche Fehlentwicklung. Es markiert die Krise, in der die Grenzen einer Entwicklungsstufe sichtbar werden und aus der eine umfassendere Perspektive entstehen kann.

Eine wichtige Unterscheidung: Dialektik ist nicht Regression

An dieser Stelle möchte ich eine mögliche Missinterpretation meiner These vermeiden.

Wenn ich von einer dialektischen Dynamik des Mean Green Meme spreche, meine ich nicht, dass Trump, die AfD oder der gegenwärtige Rechtspopulismus eine notwendige hegelsche Antithese zu Grün darstellen, die wir evolutionär durchlaufen müssten.

Die Dialektik liegt für mich innerhalb der Entwicklung von Grün selbst.

Grün bringt mit Emanzipation, Pluralismus, ökologischer Sensibilität, Machtkritik und der Erkenntnis kultureller Perspektivität wichtige evolutionäre Errungenschaften hervor. Gerade weil auch diese Entwicklungsstufe begrenzt ist, können ihre Prinzipien überdehnt werden und innere Widersprüche erzeugen (ein Beispiel dafür ist das Tolernazparadoxon nach Karl Popper). Das Mean Green Meme markiert für mich diesen Punkt der Krise.

Die angemessene evolutionäre Antwort darauf wäre die Transformation zu Gelb/Petrol: eine Perspektive, welche die Errungenschaften von Grün bewahrt und zugleich seine Widersprüche auf einer umfassenderen Ebene löst.

Trump und andere Formen des Rechtspopulismus gehören für mich bereits zu einer anderen Dynamik: zur Regression als möglicher Reaktion auf diese Krise.

Eine Krise erzeugt Transformationsdruck. Sie garantiert aber nicht, dass die Transformation nach vorne gelingt.

Genau deshalb eröffnet die Krise von Grün zwei grundsätzlich verschiedene Richtungen:

Transformation nach Gelb/Petrol – oder Regression zu Orange, Blau/Amber und Rot.

Was geschieht mit der Kritik, nachdem sie ausgesprochen wurde?

Hier beginnt mein eigentliches Problem mit der Art, wie das Mean Green Meme teilweise innerhalb der integralen Bewegung diskutiert wird.

Eine Theorie existiert nicht nur in den Absichten ihres Autors. Sie tritt in einen gesellschaftlichen Diskurs ein und wird dort von Menschen mit sehr unterschiedlichen Weltbildern aufgenommen.

Wenn integrale Denker immer wieder erklären, dass Grün, Wokeism, postmoderne Identitätspolitik, Egalitarismus und Relativismus unsere Gesellschaft in eine Krise geführt hätten, hören Menschen aus Blau/Amber, Orange oder Rot diese Kritik ebenfalls.

Sie können dieselben Argumente übernehmen – allerdings ohne das integrale Entwicklungsziel. Dann lautet die Schlussfolgerung nicht mehr:

„Wir müssen die Errungenschaften von Grün bewahren und seine Begrenzungen überwinden.“ Sondern: „Seht ihr? Grün war der Fehler.“

Und plötzlich erscheinen ältere Lösungen wieder attraktiv: traditionelle Autoritäten, patriarchale Geschlechterrollen, Ethnozentrismus, Nationalismus oder die Rückkehr zu einem naiven Realismus, der so tut, als hätte die postmoderne Erkenntniskritik nie stattgefunden.

Genau darin sehe ich die Gefahr einer zu undifferenzierten Kritik am Mean Green Meme. Sie kann Argumente bereitstellen, mit denen frühere Entwicklungsstufen nicht nur die Pathologien von Grün, sondern dessen evolutionäre Errungenschaften insgesamt zurückweisen.

Nicht jede Hierarchie ist eine Machthierarchie

Das lässt sich besonders gut an der grünen Hierarchiekritik zeigen.

Grün hat vollkommen zu Recht sichtbar gemacht, dass gesellschaftliche Hierarchien Macht, Privilegien und Unterdrückung stabilisieren können. Diese Erkenntnis darf eine integrale Perspektive nicht zurücknehmen.

Problematisch wird Grün dort, wo daraus die Vorstellung entsteht, Hierarchie selbst sei grundsätzlich illegitim.

Die integrale Antwort darauf kann aber nicht lauten: „Hierarchien sind eben notwendig, also zurück zur alten Ordnung.“ Sie muss differenzieren.

Machthierarchien und Funktionshierarchien sind nicht dasselbe.

Illegitime Machthierarchien müssen weiterhin kritisiert werden. Funktions-, Kompetenz- und Entwicklungshierarchien dagegen sind für komplexe Gesellschaften unverzichtbar. Nicht jeder Mensch verfügt über dieselbe Kompetenz in Quantenphysik, Medizin, Klimaforschung oder Brückenbau. Eine Gesellschaft wird nicht gerechter oder rationaler, indem sie fachliche Unterschiede leugnet.

Gelb/Petrol rehabilitiert deshalb nicht einfach die Hierarchie von Blau/Amber. Es bewahrt die grüne Machtkritik und integriert gleichzeitig die Erkenntnis, dass funktionale Hierarchien notwendig sein können.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Regression und Integration.

Nicht alles, was grün spricht, ist strukturell Grün

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Frühere Entwicklungsstufen können sich der Sprache späterer Stufen bedienen.

Wenn beispielsweise kulturelle Gruppen als klar voneinander abgegrenzte Einheiten betrachtet werden und daraus abgeleitet wird, bestimmte Frisuren, Kleidungsformen oder kulturelle Ausdrucksweisen dürften ausschließlich von Angehörigen einer bestimmten ethnischen Gruppe verwendet werden (kulturelle Aneignung), klingt die Begründung zunächst grün: Minderheitenschutz, Antirassismus, kulturelle Sensibilität.

Die zugrunde liegende Struktur kann jedoch ausgesprochen ethnozentrisch sein: klare Gruppengrenzen, Zugehörigkeit durch Herkunft und unterschiedliche Rechte abhängig von Gruppenzugehörigkeit.

Dann begegnet uns strukturell Blau/Amber im moralischen Vokabular von Grün. Dass diese ethnischen Grenzen dabei von Angehörigen anderer Ethnien verteidigt werden, macht aus Blau/Amber nicht automatisch Grün.

Deshalb ist diese Unterscheidung so wichtig. Nicht jede problematische Position, die sich mit grünen Begriffen begründet, entspringt tatsächlich der grünen Entwicklungslogik. Dahinter können ältere Denkstrukturen stehen, die lediglich mit grünen Argumenten gerechtfertigt werden.

Wenn wir solche Phänomene pauschal dem Mean Green Meme zurechnen, erscheint am Ende ausgerechnet die Rückkehr zu älteren Wertestrukturen als Heilmittel gegen Grün – obwohl es sich in Wahrheit um einen Rückschritt handelt.

Trump ist kein Mean Green Meme

Auch Trump ist hierfür ein interessantes Beispiel.

Wilber verbindet ihn mit der postfaktischen Entwicklung und damit indirekt mit einer Überdehnung postmoderner Wahrheitskritik. Trump übernimmt jedoch keineswegs die emanzipatorischen Werte der Postmoderne. Seine politische Logik trägt vielmehr deutliche Züge von Rot: Macht, Dominanz, persönliche Loyalität, Sieg und Niederlage.

Was Trump übernehmen kann, ist ein erkenntnistheoretisches Instrument, das durch die radikalisierte postmoderne Wahrheitskritik verfügbar geworden ist. Wenn jede Wahrheit lediglich Ausdruck einer Perspektive oder eines Machtinteresses ist, kann auch der populistische Machtpolitiker behaupten: Die etablierten Medien haben ihre Wahrheit, die Wissenschaft hat ihre Wahrheit – und ich habe meine.

Rot kann sich damit erkenntnistheoretisch in Grün kleiden.

Auch hier wäre es falsch, daraus zu schließen, Trump sei eine notwendige Manifestation der Dialektik von Grün. Er ist vielmehr ein Beispiel dafür, wie frühere Entwicklungsstrukturen die Krise einer späteren Entwicklungsstufe instrumentalisieren können.

Genau diese Frage taucht im Interview auf

Besonders interessant wird das neue Interview dort, wo Tom Amarque Wilber praktisch genau mit dieser Dynamik konfrontiert.

Er fragt, ob Trump und die AfD möglicherweise eine „evolutionary necessity“, eine Überkorrektur gegenüber den extremen Tendenzen der Linken oder sogar eine „Hegelian movement“ darstellen könnten.

Wilber greift diese Dialektik jedoch nicht wirklich auf. Er verweist im Wesentlichen darauf, dass die Entwicklungsstufen in einer bestimmten Reihenfolge durchlaufen werden.

Kurz darauf wird die Frage noch konkreter: Wie viel Ethnozentrismus braucht eine gesunde Gesellschaft? Braucht Deutschland möglicherweise wieder ein stärkeres Blau/Amber als Gegengewicht zu Grün?

Wichtig ist: Wilber fordert keinen solchen Rollback. Im Gegenteil. Im Interview betrachtet er den Rückgang mythisch-religiöser Strukturen in Nordeuropa durchaus positiv und verbindet ihn mit der Weiterentwicklung zu höheren Stufen.

Das sollte man ihm ausdrücklich zugutehalten. Meine Kritik lautet nicht, dass Ken Wilber eine Rückkehr zu Blau/Amber oder patriarchalen Strukturen fordert. Seine gesamte Entwicklungstheorie spricht dagegen.

Meine Frage ist eine andere:

Berücksichtigt er ausreichend, welche gesellschaftliche Wirkung seine Kritik entfalten kann, wenn andere sie übernehmen?

Hat Grün die populistische Rechte hervorgebracht?

Noch deutlicher wird das Problem, als Amarque Wilber ausdrücklich fragt, ob Grün die populistische Rechte „co-created“ habe und durch welchen Mechanismus dies geschehen sei.

Das ist eine außerordentlich interessante Frage.

Wilber beantwortet sie meines Erachtens jedoch nicht wirklich. Er spricht stattdessen darüber, dass Menschen auf Grün sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen und dadurch selbst populistische Bewegungen bilden können.

Mich interessiert jedoch ein anderer Feedback-Mechanismus:

Grün → Mean Green Meme → Kritik am Mean Green Meme → Übernahme dieser Kritik durch Orange, Blau/Amber und Rot → Legitimation regressiver Gegenbewegungen.

Damit entsteht eine paradoxe Situation.

Eine Theorie, deren eigentliches Ziel die Transformation zu umfassenderen Bewusstseinsstrukturen ist, kann unbeabsichtigt Argumente für Menschen bereitstellen, die genau diese Transformation rückgängig machen wollen.

Ich glaube nicht, dass Ken Wilber diesen Rollback mit seiner Kritik beabsichtigt. Ich glaube vielmehr, dass dieser gesellschaftliche Rückkopplungseffekt in seiner Kritik am Mean Green Meme zu wenig berücksichtigt wird.

Genau hier sehe ich ein Problem innerhalb der integralen Bewegung

Meine Kritik richtet sich deshalb auch nicht allein an Ken Wilber, sondern an Teile der integralen Bewegung und an die Art, wie seine Kritik aufgenommen und weitergeführt wurde.

Wenn immer wieder die Exzesse von Grün, „Wokeness“, Identitätspolitik, Feminismus oder postmoderner Relativismus problematisiert werden, ohne ebenso entschieden die emanzipatorischen Errungenschaften von Grün gegen regressive Angriffe zu verteidigen, verschiebt sich der Schwerpunkt.

Dann kann irgendwann der Eindruck entstehen, Emanzipation sei ein größeres gesellschaftliches Problem als die Rückkehr patriarchaler Vorstellungen, übertriebener Klimaschutz gefährlicher als die Verdrängung der ökologischen Krise oder postmoderne Erkenntniskritik bedrohlicher als die populistische Auflösung gemeinsamer Tatsachengrundlagen.

Damit unterstützt eine eigentlich progressive Entwicklungstheorie unbeabsichtigt Narrative, die in die entgegengesetzte Richtung weisen.

Das ist der Punkt, den ich der integralen Bewegung vorwerfe: Die Pathologien von Grün wurden sehr wirkungsvoll kritisiert. Die Grenze zwischen integraler Kritik und regressiver Gegenkritik wurde dagegen nicht ebenso wirkungsvoll gezogen.

Grün muss überwunden werden – aber nach vorne

Deshalb wünsche ich mir keine schwächere Kritik am Mean Green Meme. Ich wünsche mir eine präzisere und integralere Kritik. Wir müssen deutlich sagen, welche Errungenschaften von Grün nicht zur Disposition stehen: Emanzipation, ökologische Verantwortung, Minderheitenschutz, Kritik illegitimer Macht, kulturelle Perspektivenvielfalt und die Erkenntnis, dass unsere Weltbilder nicht einfach identisch mit der Wirklichkeit sind.

Und wir müssen ebenso deutlich zeigen, wo Grün diese Erkenntnisse überdehnt. Die Postmoderne, der Konstruktivismus und der Strukturalismus lassen sich nicht überwinden, indem wir hinter ihre Einsichten in einen naiven Realismus zurückfallen. Der nächste Entwicklungsschritt muss vielmehr zeigen, wie die Erkenntnis der Perspektivität und Konstruiertheit unserer Weltdeutungen mit einer belastbaren Orientierung an einer gemeinsamen Wirklichkeit und überprüfbaren Fakten verbunden werden kann.

Die Kritik an patriarchalen Machthierarchien lässt sich nicht dadurch überwinden, dass wir patriarchale Strukturen rehabilitieren. Wir müssen lernen, illegitime Macht- von notwendigen Funktionshierarchien zu unterscheiden.

Die Grenzen der Toleranz lassen sich nicht dadurch lösen, dass wir wieder intoleranter werden. Wir brauchen eine komplexere Theorie darüber, unter welchen Bedingungen eine offene Gesellschaft ihre eigene Offenheit schützen muss.

Emanzipation wird nicht dadurch überwunden, dass wir Menschen wieder in traditionelle Geschlechterrollen zurückdrängen. Wir müssen vielmehr lernen, individuelle Freiheit mit biologischen, psychologischen und sozialen Realitäten in ein komplexeres Verhältnis zu setzen.

Das wäre für mich tatsächlich integral.

Transformation statt Regression

Ken Wilber hat uns mit seiner integralen Theorie ein außerordentlich wertvolles Instrument gegeben, um kulturelle Evolution zu verstehen. Gerade deshalb halte ich diese Kritik für notwendig.

Sie richtet sich nicht gegen sein Entwicklungsmodell. Sie versucht vielmehr, dessen evolutionäre Intention konsequent weiterzudenken.

Die Krise einer Entwicklungsstufe erzeugt Transformationsdruck. Aber Transformationsdruck garantiert keine Höherentwicklung.

Das Mean Green Meme markiert für mich die dialektische Krise von Grün. Die Antwort darauf kann eine Transformation zu Gelb/Petrol sein, welche die Errungenschaften früherer Stufen integriert und zugleich deren Begrenzungen überwindet.

Die Antwort kann aber ebenso Regression sein.

Und genau deshalb müssen wir darauf achten, wie wir Grün kritisieren.

Die Krise von Grün darf nicht dazu führen, dass Orange, Blau/Amber oder Rot plötzlich wieder als Zukunft erscheinen. Die Aufgabe besteht darin, durch diese Krise hindurchzugehen und dabei die evolutionären Errungenschaften von Grün mitzunehmen.

Das bedeutet auch: Wir müssen Grün nicht gegen jede Kritik verteidigen. Seine Pathologien müssen benannt werden. Aber wir dürfen ebenso wenig zulassen, dass die Kritik an diesen Pathologien zur Legitimation jener Strukturen wird, deren Begrenzungen überhaupt erst zur Entstehung von Grün geführt haben.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir das Mean Green Meme kritisieren. Die entscheidende Frage lautet, aus welcher Richtung wir es kritisieren.

Kritisieren wir Grün von Blau/Amber oder Orange aus, entsteht Regression.

Kritisieren wir Grün aus einer integralen Perspektive von Gelb/Petrol aus, entsteht die Möglichkeit zur Transformation.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Kritik an Grün nach vorne weist – und nicht zurück.

Anhang:
Die Farben der Entwicklungsstufen – ultrakurz erklärt

Die im Artikel verwendeten Farben stammen aus Spiral Dynamics und Ken Wilbers integraler Entwicklungstheorie. Sie bezeichnen unterschiedliche Entwicklungsstufen individueller und kultureller Weltbilder. Dabei bedeutet „höher“ nicht automatisch „besser“: Jede Stufe entwickelt Fähigkeiten, die für bestimmte Lebensbedingungen notwendig sind, besitzt aber auch eigene Begrenzungen. Spätere Stufen können die Errungenschaften früherer Stufen aufnehmen und in komplexere Perspektiven integrieren.

Beige/Infrarot – Überleben: Instinkte und unmittelbare körperliche Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt.

Purpur/Magenta – Stamm: Zugehörigkeit, Verwandtschaft, Rituale und magisch-animistisches Denken strukturieren die Welt.

Rot – Macht: Das individuelle Ich tritt hervor. Stärke, Durchsetzungsfähigkeit, Heldentum und unmittelbare Macht bestimmen das Handeln.

Blau/Amber – Ordnung: Tradition, verbindliche Regeln, Autoritäten, gesellschaftliche Rollen und eine übergeordnete moralische Ordnung schaffen Stabilität.

Orange – Rationalität: Wissenschaft, Individualismus, Leistung, Fortschritt und überprüfbare Fakten lösen traditionelle Autoritäten als wichtigste Orientierung ab.

Grün – Pluralismus: Emanzipation, Gleichberechtigung, ökologische Sensibilität, Perspektivenvielfalt und Kritik an Machtstrukturen relativieren die vermeintliche Objektivität von Orange.

Gelb/Petrol – Integration: Systemisches Denken erkennt die Berechtigung und zugleich die Grenzen der verschiedenen Perspektiven. Unterschiede und Hierarchien werden nicht pauschal abgelehnt, sondern nach Kontext und Funktion beurteilt.

Die verschiedenen Farbbezeichnungen ergeben sich daraus, dass Spiral Dynamics und Wilbers integrale Theorie teilweise unterschiedliche Farbsysteme verwenden. Deshalb benutze ich hier zur besseren Orientierung die Doppelbezeichnungen Blau/Amber und Gelb/Petrol.

Wichtig für meinen Artikel ist vor allem: Entwicklung bedeutet idealerweise nicht, frühere Stufen einfach abzuschaffen, sondern ihre Errungenschaften in eine umfassendere Perspektive zu integrieren. Regression bedeutet dagegen, angesichts der Probleme einer Stufe auf Lösungsstrategien früherer Stufen zurückzufallen.


Veröffentlicht

in

von

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert