Der Teppich der Realität

Teil 21: Wie Bewusstsein, Materie und kosmische Evolution ein einziges Gewebe bilden

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Wer einen Teppich betrachtet, sieht zunächst seine Oberfläche. Farben bilden Flächen, Linien laufen ineinander, Ornamente wiederholen sich, einzelne Elemente verbinden sich zu einem größeren Muster. Man kann dieses Muster vermessen, seine Symmetrien untersuchen, Regelmäßigkeiten erkennen, Abstände bestimmen und sogar mathematische Beschreibungen dafür entwickeln. Eine solche Beschreibung kann außerordentlich präzise sein. Trotzdem erzählt sie noch nicht die ganze Geschichte des Teppichs. Dreht man ihn um, verändert sich das Bild. Dort erscheinen Fäden, Schlaufen, Überkreuzungen und Knoten. Plötzlich wird sichtbar, wodurch das Muster der Vorderseite überhaupt zustande kommt. Das Ornament besitzt keine von diesem Geflecht unabhängige Existenz. Es ist die sichtbare Erscheinungsform einer Struktur, die sich auf der Rückseite als komplexe Verknüpfung von Fäden zeigt.

Dieses Bild eignet sich erstaunlich gut, um eine Frage zu verdeutlichen, die uns seit dem ersten Teil dieser Reihe begleitet: Was ist Materie eigentlich? Der Materialismus behandelt die materielle Wirklichkeit als grundlegende Ebene der Realität. Elementarteilchen, Felder, Raumzeit und die aus ihnen entstehenden Strukturen bilden demnach den Stoff, aus dem die Welt besteht. Bewusstsein erscheint erst später als Ergebnis einer hinreichend komplexen Organisation dieses Stoffes. Der Evolutionäre Idealismus dreht diese ontologische Reihenfolge um. Die materielle Welt ist real, doch sie bildet nicht die tiefste Ebene der Wirklichkeit. Sie entspricht eher dem Muster auf der Vorderseite unseres Teppichs. Wir können dieses Muster beobachten, vermessen und seine Gesetzmäßigkeiten mit großer Genauigkeit beschreiben. Die Naturwissenschaft tut genau das. Ihre enorme Erklärungskraft wird dadurch keineswegs bestritten. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wodurch dieses Muster überhaupt hervorgebracht wird.

Der Evolutionäre Idealismus sucht diese Grundlage nicht in einer noch kleineren materiellen Struktur unterhalb der bekannten Materie. Er sucht sie in den Beziehungen zwischen den Perspektiven, aus denen Wirklichkeit besteht. Was uns als stabile materielle Welt erscheint, entsteht aus einem Geflecht wechselseitig aufeinander bezogener Holons. Jedes dieser Holons besitzt eine Innenperspektive. Zugleich erscheint es anderen Holons von außen. Die materielle Wirklichkeit bildet sich aus der Gesamtheit dieser Außenbeziehungen. Geist und Materie bezeichnen dadurch keine zwei voneinander unabhängigen Substanzen. Sie bezeichnen zwei Perspektiven auf denselben Vorgang. Von innen erscheint ein Holon als Erfahrung, Erleben und Bedeutung. Von außen erscheint es als Bestandteil einer objektivierbaren Welt.

Der Teppich erlaubt es, diese zunächst abstrakte Vorstellung anschaulich zu machen. Seine sichtbare Oberfläche entspricht der materiellen Wirklichkeit. Die Schlaufen seines Gewebes entsprechen den manifestierten Holons. Das Geflecht der Fäden entspricht ihren Beziehungen. Das fortlaufend entstehende Muster entspricht der Evolution des Kosmos. Der Teppich liegt dabei nicht schon fertig unter den Holons, damit diese sich anschließend auf ihm bewegen können. Die Schlaufen erzeugen durch ihre Verknüpfung erst den Teppich.

Die Welt entsteht zwischen den Dingen

Unsere Alltagserfahrung legt uns ein anderes Bild nahe. Wir stellen uns einen dreidimensionalen Raum vor, in dem sich Gegenstände befinden. Dieser Raum scheint bereits vorhanden zu sein, bevor etwas in ihm geschieht. Sterne bewegen sich durch das Weltall, Menschen bewegen sich durch Räume, Moleküle bewegen sich durch Flüssigkeiten. Die Dinge verändern ihre Position innerhalb einer Bühne, die von diesen Dingen unabhängig zu existieren scheint. Auch die Zeit erscheint uns auf ähnliche Weise als eine Art unsichtbare Achse, auf der Ereignisse nacheinander angeordnet werden.

Im Evolutionären Idealismus wird diese Vorstellung umgekehrt. Die Bühne steht nicht am Anfang. Sie entsteht aus den Beziehungen der Akteure. Diesen Gedanken haben wir bereits in Teil 3 über das Problem der gemeinsamen Wirklichkeit entwickelt. Raum und Zeit sind keine Behälter, in die eine fertige Wirklichkeit hineingestellt wird. Sie gehören zu jener relationalen Ordnung, die entsteht, sobald sich Perspektiven gegenseitig aufeinander beziehen. Ein Holon existiert niemals vollkommen isoliert. Seine Bestimmtheit ergibt sich aus seinem Verhältnis zu anderen Holons. Jede Wechselwirkung verändert diese Verhältnisse. Aus der Gesamtheit solcher Relationen entsteht jene stabile Struktur, die wir als objektive Welt erfahren.

Damit verändert sich auch die Bedeutung des Wortes „Objektivität“. Gewöhnlich verstehen wir darunter eine Wirklichkeit, die vollkommen unabhängig von jeder Perspektive existiert. Im Evolutionären Idealismus bezeichnet Objektivität dagegen die hohe Stabilität einer Wirklichkeit, die durch die Beziehungen vieler Perspektiven getragen wird. Ein Berg verschwindet nicht, sobald niemand auf ihn schaut. Seine Existenz hängt nicht von einem menschlichen Beobachter ab. Er besteht aus einer gewaltigen Zahl miteinander verschränkter Holons, deren gegenseitige Beziehungen seine materielle Struktur stabilisieren. Menschliches Bewusstsein kommt zu diesem Beziehungsgeflecht hinzu. Es erzeugt den Berg nicht durch bloßes Hinschauen. Es tritt in eine bereits hochgradig stabilisierte relationale Wirklichkeit ein.

Gerade deshalb führt Idealismus keineswegs zwangsläufig zum Solipsismus. Die Welt ist keine private Vorstellung in meinem Kopf. Sie ist auch kein Traum, dessen Inhalt ich nach Belieben verändern könnte. Meine individuelle Perspektive bildet nur eine einzige Schlaufe in einem unvorstellbar großen Gewebe. Was ich als Welt erfahre, entsteht aus meiner Einbindung in dieses Gewebe. Die Realität widersteht meinem Willen, weil sie nicht von meinem Willen hervorgebracht wird. Sie besitzt ihre Stabilität durch die ungeheure Zahl von Beziehungen, aus denen sie besteht.

Der Teppich ist deshalb mehr als ein Bild für eine aus vielen Teilen zusammengesetzte Welt. Er verdeutlicht einen ontologischen Vorrang der Beziehung. Ein einzelner Faden besitzt noch kein Muster. Erst seine Verknüpfung mit anderen Fäden erzeugt eine Struktur. Ebenso besitzen die Dinge unserer Welt ihre objektiven Eigenschaften nicht als vollkommen isolierte Substanzen, die anschließend zufällig miteinander in Kontakt treten. Ihre Bestimmtheit entsteht innerhalb eines Netzes von Beziehungen. Die Wirklichkeit liegt nicht unter diesen Beziehungen. Sie besteht aus ihnen.

Die Schlaufen des Info-Spins

An dieser Stelle können wir auf ein Konzept zurückgreifen, das in Teil 16 dieser Reihe ausführlich entwickelt wurde: den Info-Spin. Dort habe ich das Holon bereits als etwas beschrieben, das „wie eine Schlaufe in einem unendlichen Gewebe“ in Erscheinung tritt. Die Teppichmetapher nimmt dieses Bild nun ernst und verfolgt seine Konsequenzen für die gesamte Ontologie des Evolutionären Idealismus.

Der Info-Spin beschreibt den Prozess, durch den sich aus der ursprünglichen Ganzheit eine lokale Perspektive herausbildet, manifestiert, innerhalb der Welt einen Lebens- oder Existenzprozess durchläuft und schließlich wieder in einen umfassenderen Zusammenhang integriert wird. Ein Holon ist dadurch weder vollkommen getrennt vom Ganzen noch einfach identisch mit ihm. Es besitzt eine reale lokale Perspektive. Es bildet eine Einheit mit eigener Innenperspektive und eigener Geschichte. Gleichzeitig bleibt es Teil jener Informationsmatrix, aus der seine Existenz hervorgegangen ist.

Genau darin liegt die Stärke des Bildes einer Schlaufe. Eine Schlaufe besitzt eine erkennbare Form. Man kann zeigen, wo sie verläuft. Sie bildet innerhalb des Gewebes eine lokale Struktur. Trotzdem lässt sie sich nicht sinnvoll vom gesamten Faden und dessen Verknüpfungen trennen. Schneidet man sämtliche Verbindungen heraus, erhält man nicht dieselbe Schlaufe in isolierter Form. Man zerstört gerade jene Beziehungen, durch die sie Bestandteil des Musters war.

Ähnlich verhält es sich mit einem Holon. Ein Atom ist ein Ganzes und zugleich Bestandteil eines Moleküls. Eine Zelle bildet eine eigenständige lebende Einheit und zugleich einen Teil eines Organismus. Ein Mensch besitzt eine unverwechselbare Innenperspektive und bleibt zugleich biologisch, sozial, kulturell und ökologisch in größere Holons eingebettet. Jede Ebene erzeugt neue Formen von Ganzheit, ohne die darunterliegenden Ebenen einfach auszulöschen. Arthur Koestlers Begriff des Holons war gerade deshalb so fruchtbar: Er vermeidet die falsche Alternative zwischen Teil und Ganzem. Ein Holon ist immer beides.

Der Evolutionäre Idealismus erweitert diesen Gedanken um die Innenperspektive. Die Schlaufe ist nicht nur ein objektives Strukturelement des kosmischen Gewebes. Sie besitzt eine Perspektive auf dieses Gewebe. Sie erfährt ihre Beziehungen von innen. Für andere Holons erscheint sie dagegen von außen. Genau an diesem Punkt berühren sich Panpsychismus, Idealismus und die materielle Beschreibung der Welt. Dieselbe Schlaufe, die sich selbst als Innenperspektive erfährt, erscheint innerhalb der Perspektiven anderer Holons als Bestandteil ihrer Außenwelt.

Der Kosmos besteht daher nicht aus einer materiellen Welt, in der an einigen besonders komplizierten Stellen zusätzlich Bewusstsein auftaucht. Er besteht aus einem Geflecht perspektivischer Beziehungen, dessen Außenseite uns als materielle Welt erscheint.

Von Indras Netz zum kosmischen Teppich

In Teil 8 dieser Reihe habe ich dafür ein altes buddhistisches Bild aufgegriffen: Indras Netz. An jedem Knoten dieses unendlichen Netzes befindet sich eine Perle. Jede Perle spiegelt alle anderen Perlen. In jeder Spiegelung erscheinen wiederum die Spiegelungen der übrigen Perlen, wodurch sich eine endlose Rekursion gegenseitiger Abbildungen ergibt. Dieses Bild kommt dem Evolutionären Idealismus erstaunlich nahe, solange man den Begriff des Spiegelns nicht als bloß passive Abbildung einer bereits fertig vorhandenen Welt versteht.

Die Holons spiegeln eine Wirklichkeit nicht einfach. Sie bringen diese Wirklichkeit durch ihre Beziehungen miteinander hervor. Jede Perspektive enthält Informationen über andere Perspektiven. Zugleich wird sie selbst zum Bestandteil der Wirklichkeit dieser anderen Perspektiven. Das Holon A begegnet Holon B als Bestandteil seiner Außenwelt. Für Holon B erscheint Holon A auf entsprechende Weise als Bestandteil seiner Außenwelt. Beide Perspektiven sind dabei nicht vollkommen unabhängig. Ihre Wechselwirkung erzeugt eine gemeinsame Festlegung. Was für A geschieht, muss mit dem vereinbar sein, was für B geschieht. Mit jeder zusätzlichen Beziehung wächst die Zahl solcher Konsistenzbedingungen.

An dieser Stelle wird aus Indras Netz der Teppich der Realität. Das Netz beschreibt die gegenseitige Spiegelung der Perspektiven. Der Teppich macht sichtbar, was durch diese Spiegelungen entsteht: eine gemeinsame, stabile, materielle Wirklichkeit.

Der Begriff der Projektion erhält dadurch eine präzisere Bedeutung. Wenn der Evolutionäre Idealismus davon spricht, dass Wirklichkeit projiziert wird, bedeutet das nicht, dass ein individuelles Bewusstsein eine beliebige Außenwelt wie einen Film auf eine Leinwand wirft. Projektion ist ein relationaler Prozess. Jedes Holon bringt seine Außenperspektive in Abhängigkeit von seinen Beziehungen zu anderen Holons hervor. Diese anderen Holons tun dasselbe. Jede Projektion wird dadurch von den Projektionen anderer Perspektiven begrenzt, bestätigt, verändert und stabilisiert. Die materielle Welt ist das Resultat dieser wechselseitigen Konsistenz.

Man könnte sagen: Wir projizieren die Welt nicht aufeinander. Wir projizieren uns gegenseitig in eine gemeinsame Welt.

Damit erhält die scheinbar selbstverständliche Festigkeit der Materie eine neue Bedeutung. Materie ist nicht deshalb stabil, weil sie jenseits aller Perspektiven als bewusstseinslose Substanz existiert. Sie ist stabil, weil ihre relationalen Muster in einem ungeheuer dichten Geflecht gegenseitiger Festlegungen verankert sind. Ein Stein besteht aus einer astronomischen Zahl solcher stabilisierten Beziehungen. Seine Atome, Moleküle und elektromagnetischen Wechselwirkungen bilden keine lockere Übereinkunft, die durch eine einzelne Perspektive aufgehoben werden könnte. Sie gehören zu einem über Milliarden Jahre gewachsenen kosmischen Zusammenhang.

Damit lässt sich auch eine Frage beantworten, die jedem Idealismus früher oder später gestellt wird.

Warum kann ich nicht durch eine Wand gehen?

Wenn die Wirklichkeit aus Bewusstsein oder perspektivischer Information hervorgeht, müsste man sie dann nicht einfach durch Bewusstsein verändern können? Weshalb kann ich nicht beschließen, durch eine Wand zu gehen? Weshalb verschwindet der Tisch nicht, sobald ich aufhöre, an ihn zu denken? Solche Fragen beruhen auf einer Verwechslung von Idealismus mit subjektivem Idealismus. Der Evolutionäre Idealismus behauptet nicht, dass die Welt von meinem individuellen Bewusstsein erzeugt wird.

Die Wand vor mir ist Teil eines gewaltigen relationalen Gefüges. Ihre Atome stehen miteinander und mit ihrer Umgebung in Wechselwirkung. Mein Körper gehört ebenfalls zu diesem Gefüge. Seine Atome treten mit den Atomen der Wand in elektromagnetische Beziehungen. All diese Prozesse sind in eine kosmische Geschichte eingebettet, die lange vor der Entstehung meines individuellen Bewusstseins begonnen hat. Mein Wunsch, durch die Wand zu gehen, stellt innerhalb dieses Geflechts nur einen winzigen lokalen Zustand dar. Er kann die ungeheure Zahl bereits stabilisierter Relationen nicht außer Kraft setzen.

Genau darin zeigt sich der Unterschied zwischen individueller Projektion und gemeinsam manifestierter Wirklichkeit. Mein Bewusstsein trägt als Perspektive zur Wirklichkeit bei, besitzt jedoch keine privilegierte Stellung gegenüber den zahllosen anderen Holons, deren Beziehungen dieselbe Wirklichkeit stabilisieren. Je dichter ein relationales Muster in das Gesamtgewebe eingebunden ist, desto weniger kann eine einzelne Perspektive dieses Muster verändern. Die Widerständigkeit der Materie widerspricht dem Idealismus deshalb nicht. Sie folgt gerade daraus, dass die materielle Welt keine private Projektion eines einzelnen Bewusstseins ist.

Der Stein auf meinem Schreibtisch ist daher nicht weniger real, weil seine materielle Existenz relational begründet wird. Seine Realität besteht gerade in der Stabilität seiner Beziehungen. Der Evolutionäre Idealismus löst die materielle Welt nicht auf. Er versucht zu erklären, weshalb sie jene Festigkeit und Verbindlichkeit besitzt, die der Materialismus als Ausgangstatsache voraussetzt.

Vorderseite und Rückseite

Damit lässt sich nun auch das Verhältnis von Geist und Materie genauer bestimmen. In Teil 18 habe ich von zwei Perspektiven auf dasselbe Bewusstsein gesprochen. Die Teppichmetapher kann diesen Gedanken anschaulich unterstützen, solange wir ihre Grenzen im Blick behalten. Auf der Vorderseite sehen wir das manifeste Muster, das unserer materiellen Wirklichkeit entspricht. Auf der Rückseite erkennen wir die Schlaufen und Verknüpfungen, durch die dieses Muster zustande kommt.

Die Rückseite des Teppichs darf dabei nicht mit der Innenperspektive eines Holons gleichgesetzt werden. Sie steht für das relationale Geflecht, aus dem die gemeinsame materielle Wirklichkeit hervorgeht. Die Innenperspektive bezeichnet dagegen die Art, wie ein Holon seine eigene Existenz und seine Beziehungen innerhalb dieses Geflechts erfährt. Geist und Materie sind daher keine zwei übereinanderliegenden Schichten der Wirklichkeit. Es gibt nicht irgendwo hinter der sichtbaren Materie eine zweite, unsichtbare geistige Substanz. Genau diese Vorstellung würde wieder zu jenem Substanzdualismus führen, dessen Probleme seit Descartes bekannt sind.

Ein Holon erlebt sich von innen und erscheint anderen Holons von außen. Aus der Innenperspektive existieren Erleben, Bedeutung, Intentionalität und jene elementare Form von Subjektivität, die im Evolutionären Idealismus nicht erst mit dem menschlichen Gehirn beginnt. Aus der Außenperspektive erscheint dasselbe Holon innerhalb der relational erzeugten Raumzeit als materielle Struktur. Je nach Organisationsebene kann diese Struktur als Elementarteilchen, Atom, Molekül, Zelle, Organismus oder Mensch beschrieben werden. Innen- und Außenperspektive bezeichnen damit keine zwei verschiedenen Dinge. Sie sind zwei Zugänge zu demselben Holon.

Damit verliert die klassische Frage, wie aus Materie plötzlich Geist entstehen kann, einen Teil ihrer Schärfe. Geist muss nicht aus Materie hervorgebracht werden, weil Materie und Geist niemals zwei voneinander unabhängige ontologische Bereiche waren. Was sich im Verlauf der Evolution verändert, ist die Komplexität der Organisation. Mit zunehmender Integration entstehen reichere Formen von Innenperspektive. Ein menschliches Bewusstsein unterscheidet sich fundamental in seiner Komplexität von der elementaren Innenperspektive eines einfachen Holons. Der Unterschied betrifft den Grad und die Organisation des Erlebens, nicht einen plötzlichen ontologischen Sprung von völlig bewusstloser Materie zu einer vollkommen neuen Substanz namens Bewusstsein.

Hier beginnt sich zu zeigen, weshalb der Teppich mehr ist als eine anschauliche Metapher. Er verbindet Positionen, die in der Philosophie gewöhnlich gegeneinander ausgespielt werden.

Verschiedene Philosophien betrachten denselben Teppich

Der Materialismus betrachtet die Vorderseite. Er untersucht das Muster mit größtmöglicher Präzision. Er entdeckt Regelmäßigkeiten, formuliert Naturgesetze, rekonstruiert die Geschichte des Universums und beschreibt immer genauer, wie sich materielle Strukturen organisieren. Innerhalb seines Gegenstandsbereichs ist diese Perspektive außerordentlich erfolgreich. Das Problem entsteht erst dort, wo aus der erfolgreichen Beschreibung des Musters die ontologische Behauptung abgeleitet wird, das Muster sei alles, was existiert.

Der Idealismus richtet den Blick auf die Bedingung dieses Musters. Wirklichkeit kann nicht vollständig durch eine perspektivlose materielle Außenseite erklärt werden, weil jede Beschreibung dieser Außenseite bereits innerhalb von Bewusstsein erscheint. Der Evolutionäre Idealismus geht dabei nicht den Weg eines subjektiven Idealismus, der die Außenwelt zu einer privaten Vorstellung reduziert. Er versteht Bewusstsein als grundlegende Dimension eines umfassenden relationalen Prozesses.

Der Panpsychismus erkennt, dass Innenperspektivität nicht erst an einem willkürlich gewählten Punkt der materiellen Evolution aus dem Nichts auftauchen kann. Die Schlaufen des Gewebes besitzen eine Innenseite. Diese Innenseite darf nicht mit menschlichem Denken verwechselt werden. Ein Elektron schreibt keine Gedichte und ein Atom denkt nicht über seine Existenz nach. Panpsychismus behauptet keine Miniaturmenschen in Elementarteilchen. Er behauptet eine elementare Form von Innenperspektivität, aus deren zunehmender Integration komplexere Formen des Erlebens hervorgehen können. Im Bild des Teppichs bedeutet das: Die einzelnen Schlaufen sind nicht nur von außen beschreibbare Bestandteile des Musters. Jede Schlaufe besitzt zugleich ihre eigene Perspektive innerhalb des Gewebes.

Der Kosmopsychismus richtet den Blick dagegen auf das Ganze. Wenn alle Holons aus derselben grundlegenden Informationsmatrix hervorgehen und ihre Individualität erst durch Differenzierung innerhalb dieser Ganzheit gewinnen, dann ist Bewusstsein nicht ursprünglich in zahllose voneinander isolierte Einheiten aufgeteilt. Die Vielheit entsteht innerhalb einer vorausgesetzten Einheit. Der Teppich wird nicht dadurch zum Teppich, dass man eine große Zahl ursprünglich beziehungsloser Fadenstücke nebeneinanderlegt. Die einzelnen Schlaufen sind lokale Strukturen eines zusammenhängenden Gewebes. Ihre Individualität ist real, ihre Trennung jedoch niemals absolut. Der Evolutionäre Idealismus verbindet an dieser Stelle panpsychistische und kosmopsychistische Intuitionen: Es gibt reale lokale Innenperspektiven, doch diese Perspektiven entstehen innerhalb einer umfassenden Ganzheit.

Der Perspektivendualismus beschreibt wiederum die beiden Zugänge zu diesen Holons. Von innen begegnet uns Bewusstsein, von außen Materie. Beides gehört zum selben Prozess. Damit lässt sich ein großer Teil des alten Streits zwischen Monismus und Dualismus neu formulieren. Der Evolutionäre Idealismus ist ontologisch monistisch, weil er nicht zwei voneinander unabhängige Substanzen annimmt. Er ist perspektivisch dualistisch, weil derselbe Prozess eine Innen- und eine Außenperspektive besitzt. Der Unterschied zwischen Geist und Körper verschwindet dadurch nicht. Er erhält einen anderen ontologischen Status. Geist und Körper sind nicht zwei Dinge, die auf rätselhafte Weise miteinander kommunizieren müssen. Sie sind zwei Erscheinungsweisen desselben Holons.

Schließlich führt der Panentheismus noch eine weitere Ebene ein. Der Teppich umfasst nicht alles, was existiert. Er bezeichnet die manifestierte Wirklichkeit, den Kosmos mit seinen Holons, Relationen, Raumzeiten und materiellen Strukturen. Der Urgrund, aus dem diese Manifestation hervorgeht, kann damit nicht einfach gleichgesetzt werden. Eine solche Gleichsetzung entspräche eher einem Pantheismus: Gott und Kosmos wären identisch. Im panentheistischen Verständnis des Evolutionären Idealismus existiert der Kosmos im Urgrund, ohne diesen vollständig auszuschöpfen. Der Urgrund manifestiert sich im kosmischen Gewebe und reicht zugleich über jede konkrete Manifestation hinaus.

Damit erscheinen mehrere philosophische Positionen, die gewöhnlich als Konkurrenten auftreten, als Beschreibungen unterschiedlicher Aspekte derselben Wirklichkeit. Der Materialismus beschreibt das sichtbare Muster. Der Idealismus fragt nach dessen ontologischer Grundlage. Der Panpsychismus entdeckt die Innenperspektive der einzelnen Schlaufen. Der Kosmopsychismus erkennt ihre Einbettung in eine ursprüngliche Ganzheit. Der Perspektivendualismus unterscheidet Innen- und Außenansicht desselben Geschehens. Der Panentheismus fragt nach dem Verhältnis des gesamten manifestierten Gewebes zu seinem Urgrund.

Der Evolutionäre Idealismus versucht deshalb nicht, eine dieser Perspektiven einfach gegen alle anderen durchzusetzen. Sein Anspruch besteht in ihrer Verknüpfung. Genau darin liegt die eigentliche Stärke der Teppichmetapher. Ein Streit darüber, ob ein Teppich aus seinem sichtbaren Muster, seinen Schlaufen, seinen Fäden oder deren Verknüpfungen besteht, würde offensichtlich an der Sache vorbeigehen. All diese Beschreibungen beziehen sich auf denselben Teppich. Der Fehler beginnt dort, wo eine einzelne Beschreibung zur vollständigen Ontologie erklärt wird.

Noch fehlt allerdings ein entscheidender Aspekt. Unser kosmischer Teppich liegt nicht fertig vor uns.

Der Teppich wird gewebt

Das Universum ist kein statisches Geflecht. Seine Geschichte beginnt in einem extrem einfachen Zustand und führt über Milliarden Jahre zu immer komplexeren Formen der Organisation. Elementarteilchen bilden Atome. Atome verbinden sich zu Molekülen. Unter geeigneten Bedingungen entstehen komplexe chemische Systeme, Zellen, vielzellige Organismen, Nervensysteme, Gehirne, Gesellschaften, Kulturen und technische Zivilisationen. Auf jeder dieser Ebenen entstehen neue Holons. Sie integrieren bereits vorhandene Strukturen zu neuen Ganzheiten, ohne deren relative Eigenständigkeit vollständig aufzuheben.

Hier erhält der Evolutionäre Idealismus seinen Namen. Evolution bedeutet nicht lediglich, dass sich die Gegenstände auf einer bereits bestehenden Bühne verändern. Der Webprozess erzeugt zunehmend komplexere Formen der Wirklichkeit selbst. Neue Holons schaffen neue Innenperspektiven. Neue Beziehungen erzeugen neue Außenperspektiven. Jede zusätzliche Ebene der Integration verändert dadurch die Struktur des gesamten Gewebes.

Diese Entwicklung verläuft nicht ausschließlich von unten nach oben. In Teil 17 über das Kombinationsproblem haben wir zwei gegenläufige Bewegungsrichtungen unterschieden. Materielle Komplexität organisiert sich aus einfacheren Strukturen zu immer umfassenderen Ganzheiten. Bewusstsein folgt im Evolutionären Idealismus zugleich einer entgegengesetzten Richtung: Die lokale Perspektive entsteht durch Differenzierung aus einer ursprünglichen Ganzheit. Das materielle Gewebe wächst durch Integration. Die Perspektiven entstehen durch Differenzierung. Beide Bewegungen begegnen sich im Holon.

Das lässt sich am Teppich anschaulich darstellen. Betrachtet man ausschließlich das sichtbare Muster, sieht man, wie sich kleine Strukturen zu größeren Mustern zusammensetzen. Betrachtet man das Gewebe, erkennt man zugleich, dass keine einzelne Schlaufe aus einem ontologischen Nichts auftaucht. Sie bleibt Teil eines durchgehenden Zusammenhangs. Individualisierung bedeutet Abgrenzung innerhalb einer Ganzheit, nicht vollständige Loslösung von ihr.

Dadurch erhält auch biologische Evolution eine umfassendere Bedeutung. Ein Lebewesen ist nicht nur eine besonders komplizierte Ansammlung von Molekülen. Es bildet ein neues Holon mit einer eigenen Innenperspektive. Mit der Entstehung komplexerer Nervensysteme erweitert sich die Fähigkeit eines solchen Holons, Unterschiede wahrzunehmen, Informationen zu integrieren, zukünftige Möglichkeiten zu antizipieren und auf seine Umwelt einzuwirken. Im Menschen erreicht dieser Prozess eine Stufe, auf der das Holon nicht nur Welt erlebt, sondern über sein eigenes Erleben nachdenken kann. Ein Teil des kosmischen Gewebes beginnt, seine eigene Struktur zu untersuchen.

Die Naturwissenschaft selbst wird damit zu einem Ereignis innerhalb dieses Webprozesses. Der Kosmos bringt Strukturen hervor, die seine Gesetzmäßigkeiten erkennen, mathematisch formulieren und technisch nutzen können. Ein Gehirn untersucht die Materie, aus der es von außen betrachtet selbst besteht. Bewusstsein entwickelt Theorien über Bewusstsein. Das Universum erzeugt innerhalb seiner eigenen Evolution Perspektiven, aus denen es sich selbst zum Gegenstand machen kann.

Der Teppich beginnt gewissermaßen, sein eigenes Muster zu lesen.

Die Gegenwart ist der Augenblick des Webens

Eine evolutionäre Ontologie benötigt neben einer Struktur auch eine Zeitrichtung. In Teil 10 über Kausalität und Teleologie haben wir gesehen, dass der Evolutionäre Idealismus Vergangenheit und Zukunft unterschiedliche Funktionen zuschreibt. Die Vergangenheit liefert die kausalen Bedingungen dessen, was gegenwärtig möglich ist. Die Zukunft strukturiert diesen Möglichkeitsraum teleologisch. Das Holon befindet sich an jener Grenze, an der Möglichkeiten in konkrete Wirklichkeit übergehen.

Die Teppichmetapher macht auch diesen Gedanken anschaulich. Hinter dem gegenwärtigen Webpunkt liegt das bereits Gewebte. Seine Struktur lässt sich nicht beliebig verändern. Jeder neue Faden muss an das anschließen, was bereits entstanden ist. Die Vergangenheit erzeugt dadurch Bedingungen und Einschränkungen. Vor dem Webpunkt liegt dagegen kein fertiger Teppich, sondern ein Raum möglicher Fortsetzungen. Nicht jede Fortsetzung ist mit dem bereits entstandenen Muster vereinbar. Manche Möglichkeiten schließen sich gegenseitig aus, andere eröffnen neue Verknüpfungen.

Die Gegenwart bezeichnet jenen Vorgang, in dem aus diesem Möglichkeitsraum eine konkrete Fortsetzung hervorgeht. Sie ist kein dimensionsloser Punkt, der auf einer fertigen Zeitachse entlangwandert. Sie ist der Prozess der Manifestation selbst.

Man kann diesen Gedanken in einem einzigen Bild zusammenfassen:

Die Vergangenheit ist das bereits Gewebte. Die Zukunft ist der Raum möglicher Muster. Die Gegenwart ist der Augenblick des Webens.

Damit erhält die kosmische Evolution eine Offenheit, ohne beliebig zu werden. Jeder neue Zustand muss mit der bereits manifestierten Wirklichkeit konsistent sein. Gleichzeitig existiert mehr als eine mögliche Fortsetzung. Das Holon nimmt innerhalb dieses Spielraums an der Konkretisierung von Wirklichkeit teil. Kausalität schiebt die Welt nicht ausschließlich aus der Vergangenheit vor sich her. Teleologie zieht sie auch nicht wie an einem unsichtbaren Seil in eine vollständig festgelegte Zukunft. Realität entsteht aus dem Zusammenspiel beider Ordnungen.

Das Muster entwickelt sich in Richtung Omega

An dieser Stelle kommt der Punkt Omega aus Teil 11 ins Spiel. Wenn kosmische Evolution immer neue Holons, Beziehungen und Integrationsebenen hervorbringt, wächst nicht nur die Komplexität des Gewebes. Mit jeder neuen Verbindung entstehen zusätzliche Bedingungen der gegenseitigen Konsistenz. Lokale Perspektiven werden in umfassendere Zusammenhänge integriert. Aus vielen relativ eigenständigen Strukturen entstehen größere Einheiten, die ihrerseits neue Beziehungen eingehen können.

Punkt Omega bezeichnet im Evolutionären Idealismus den Grenzzustand maximaler Integration dieser Entwicklung. Er ist keine riesige Superstruktur, die irgendwann an einem bestimmten Datum in der Zukunft fertiggestellt wird. Ebenso wenig existiert er als bereits vollständig ausgearbeitetes kosmisches Muster, das im Verlauf der Evolution nur noch nachgezeichnet werden müsste. Omega bezeichnet vielmehr jene äußerste Integrationsrichtung des kosmischen Möglichkeitsraums, durch die lokale Entwicklungen in einen umfassenderen Zusammenhang treten können. Die Entwicklung des Universums erhält dadurch eine teleologische Orientierung, ohne dass jeder einzelne Schritt im Voraus festgelegt sein muss.

Auch hier hilft das Bild des Teppichs. Ein entstehendes Muster legt nicht jeden folgenden Stich eindeutig fest. Jeder bereits gesetzte Stich verändert jedoch die Möglichkeiten seiner Fortsetzung. Je weiter das Muster fortschreitet, desto stärker müssen neue Elemente mit dem bereits entstandenen Gesamtbild vereinbar sein. Zugleich gewinnt das Muster zunehmend eine globale Struktur. Was an einer lokalen Stelle geschieht, erhält seine Bedeutung durch seine Beziehung zum Ganzen.

Omega bezeichnet in diesem Bild den Grenzzustand maximaler Integration des Gesamtmusters. Die lokale Geschichte jedes Holons gehört zu diesem Prozess. Jede Entscheidung, jede Wechselwirkung und jede neu entstandene Verbindung verändert den konkreten Weg, auf dem sich das Gewebe entwickelt. Teleologie bedeutet daher nicht, dass ein fertiges Bild mechanisch nachgewebt wird. Sie bedeutet, dass die Evolution innerhalb ihres offenen Möglichkeitsraums eine Orientierung auf zunehmende Integration besitzt.

Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Freiheit und kosmischer Ordnung. Ein vollständig determinierter Kosmos ließe keinen Raum für echte Entscheidungen. Ein vollkommen beliebiger Kosmos könnte keine kohärente Entwicklung hervorbringen. Der Evolutionäre Idealismus beschreibt einen Raum zwischen diesen Extremen. Lokale Offenheit existiert innerhalb globaler Konsistenzbedingungen. Holons besitzen reale Entscheidungsspielräume. Ihre Entscheidungen bleiben zugleich Bestandteil eines umfassenderen evolutionären Prozesses.

Der Teppich besitzt eine Entwicklungsrichtung, ohne dass jeder Stich von Anfang an festgelegt sein muss.

Der Urgrund ist nicht der Teppich

Bis hierher haben wir vom kosmischen Gewebe gesprochen. Damit ist die manifestierte Wirklichkeit gemeint: Raum, Zeit, Materie, Holons, Beziehungen, Entwicklung und die Vielzahl lokaler Innenperspektiven. Für einen konsequenten Panentheismus reicht diese Beschreibung noch nicht aus. Sie erklärt die Struktur des Teppichs, nicht den ontologischen Grund seiner Möglichkeit.

Im Evolutionären Idealismus steht am Anfang kein materielles Objekt und auch kein einzelnes kosmisches Subjekt im gewöhnlichen Sinn. Der Urgrund bezeichnet jene ursprüngliche Ganzheit, innerhalb derer die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt noch nicht vollzogen ist. Aus dieser Ganzheit geht die Informationsmatrix hervor, innerhalb derer Differenzierung, Perspektivität und Manifestation möglich werden. Die Info-Spins beschreiben lokale Prozesse dieser Differenzierung, durch die sich Holons als eigenständige Perspektiven manifestieren. In ihren gegenseitigen Beziehungen entsteht jene gemeinsame relationale Ordnung, die wir als Raumzeit erfahren und deren Außenperspektive sich als materielle Wirklichkeit beschreiben lässt.

Man kann diese ontologische Gliederung schematisch formulieren:

Urgrund → Informationsmatrix → Info-Spins → Holons → relationale Manifestation → Raumzeit und materielle Wirklichkeit → evolutionäre Integration.

Der Pfeil bezeichnet dabei weder eine zeitliche Abfolge noch eine Kette voneinander getrennter Entitäten. Der Urgrund befand sich nicht irgendwann vor dem Urknall an einem anderen Ort und brachte anschließend nacheinander Informationsmatrix, Info-Spins und Holons hervor. Die Begriffe markieren unterschiedliche Ebenen der Beschreibung desselben Manifestationsprozesses. Die Informationsmatrix existiert nicht unabhängig vom Urgrund, die Info-Spins nicht unabhängig von der Informationsmatrix und die Holons nicht unabhängig von jenem Zusammenhang, innerhalb dessen sie sich als lokale Perspektiven differenzieren.

Hier liegt der Unterschied zwischen Pantheismus und Panentheismus. Wäre der Urgrund einfach identisch mit dem manifestierten Kosmos, könnten wir beim Pantheismus stehenbleiben. Der Evolutionäre Idealismus versteht den Kosmos dagegen als Manifestation innerhalb eines umfassenderen Urgrundes. Alles Existierende befindet sich in diesem Grund und ist Ausdruck dieses Grundes. Der Grund erschöpft sich nicht in der jeweils manifestierten Welt.

Auch die Teppichmetapher stößt an dieser Stelle bewusst an ihre Grenze. Der Urgrund ist weder ein weiterer Faden noch eine besonders große Schlaufe. Er ist auch nicht einfach der fertige Teppich. Jede solche Zuordnung würde ihn wieder zu einem Bestandteil jener manifestierten Ordnung machen, die durch ihn erst möglich wird.

Der Urgrund liegt nicht irgendwo hinter dem Teppich.

Der Teppich existiert im Urgrund.

Der Kosmos betrachtet sich selbst

Damit können wir zu Indras Netz zurückkehren. Jede Perle spiegelt alle anderen Perlen. Im Evolutionären Idealismus erhält dieses Bild eine evolutionäre Dimension. Die Perspektiven werden im Verlauf der kosmischen Geschichte komplexer. Einfache Holons besitzen elementare Innenperspektiven. Komplexere Holons integrieren immer größere Informationsmengen. Lebewesen entwickeln Wahrnehmung, Erinnerung und zielgerichtetes Verhalten. Menschen entwickeln Sprache, Selbstreflexion, Wissenschaft, Philosophie, Kunst und Technik.

Dadurch verändert sich nicht nur das sichtbare Muster des kosmischen Teppichs. Die Wirklichkeit gewinnt neue Möglichkeiten, sich selbst zu erfahren.

Ein Mensch ist in diesem Modell kein metaphysischer Fremdkörper, der aus unerklärlichen Gründen Bewusstsein besitzt, während der übrige Kosmos aus vollkommen bewusstloser Materie besteht. Er ist auch kein isoliertes Ego, das sich eine private Welt erschafft. Er ist ein hochkomplexes Holon innerhalb einer langen kosmischen Entwicklung. In ihm werden elementare Formen der Perspektivität zu Selbstbewusstsein integriert. Das Gewebe erzeugt eine Schlaufe, die ihre eigene Einbindung in das Gewebe erkennen kann.

Wenn wir durch ein Teleskop eine ferne Galaxie betrachten, geschieht deshalb etwas philosophisch Bemerkenswertes. Materie betrachtet nicht einfach andere Materie. Ein lokaler Ausdruck des kosmischen Prozesses rekonstruiert die Geschichte jenes Ganzen, aus dem er selbst hervorgegangen ist. Atome, die einst im Inneren früherer Sterne entstanden, bilden Milliarden Jahre später ein Gehirn, das die Entstehung von Sternen mathematisch beschreibt. Der Kosmos gewinnt innerhalb seiner eigenen Evolution Modelle seiner selbst.

Wissenschaft und Spiritualität müssen an dieser Stelle nicht zu Gegensätzen werden. Wissenschaft untersucht die Strukturen, Regelmäßigkeiten und Entwicklungsprozesse des manifestierten Gewebes. Spiritualität richtet den Blick auf die Einbettung der individuellen Perspektive in eine umfassendere Ganzheit. Beide Zugänge können scheitern, sobald sie ihren jeweiligen Ausschnitt zur vollständigen Wirklichkeit erklären. Wissenschaft wird zum reduktionistischen Materialismus, wenn sie aus der erfolgreichen Beschreibung der Außenseite folgert, eine Innenseite könne grundsätzlich nicht existieren. Spiritualität verliert ihren Erkenntniswert, wenn sie die überprüfbaren Strukturen der gemeinsamen Wirklichkeit zugunsten beliebiger subjektiver Behauptungen ignoriert.

Der Evolutionäre Idealismus versucht, beide Ebenen in einem gemeinsamen Modell zu denken. Die Außenseite ist real. Die Innenseite ist real. Die lokalen Perspektiven sind real. Das kosmische Ganze ist real. Die materielle Entwicklung ist real. Der geistige Urgrund ist real. Der Widerspruch entsteht erst, wenn eine dieser Ebenen beansprucht, allein die gesamte Wirklichkeit zu repräsentieren.

Der Teppich der Realität

Wir sind damit an einem Punkt angekommen, an dem sich viele Fäden der bisherigen zwanzig Teile dieser Reihe miteinander verbinden.

Wir begannen mit dem Problem des Materialismus und der Frage, wie Bewusstsein in eine Welt passen soll, deren ontologische Grundelemente keinerlei Innenperspektive besitzen. Wir untersuchten das Problem einer gemeinsamen Wirklichkeit, beschäftigten uns mit Panpsychismus und Pantheismus, mit dem Quantenkollaps, dem harten Problem des Bewusstseins, mit Indras Netz, Information, Kausalität und Teleologie, dem Punkt Omega, den Perspektiven der Erfahrung, dem P-Prinzip, den Entscheidungen der Holons, dem Wesen der Zeit, dem Info-Spin, dem Kombinationsproblem und schließlich den zwei Perspektiven auf dasselbe Bewusstsein.

Diese Gedanken bilden keine lose Sammlung voneinander unabhängiger Spekulationen. Sie beschreiben verschiedene Ausschnitte desselben Modells. Die Teppichmetapher macht diesen Zusammenhang sichtbar.

Was wir gewöhnlich Materie nennen, ist das stabile Muster der gemeinsamen Außenseite.

Was wir Bewusstsein nennen, ist die Innenperspektive der Holons, aus deren Beziehungen dieses Muster hervorgeht.

Was wir Raum und Zeit nennen, ist die relationale Ordnung, innerhalb derer sich diese Perspektiven gegenseitig bestimmen.

Was wir Objektivität nennen, ist die Stabilität eines relationalen Musters gegenüber einzelnen lokalen Perspektiven.

Was wir Evolution nennen, ist die fortschreitende Differenzierung, Verknüpfung und Integration neuer Holons und ihrer Beziehungen.

Was wir Teleologie nennen, ist die Orientierung dieses offenen Webprozesses auf umfassendere Integration.

Was wir Punkt Omega nennen, ist der Grenzzustand maximaler Integration.

Was wir Urgrund nennen, ist jene Ganzheit, innerhalb derer dieser gesamte Manifestationsprozess möglich wird.

Diese Ebenen widersprechen einander nicht. Der Evolutionäre Idealismus versucht gerade zu zeigen, wie sie zusammengehören. Viele der klassischen philosophischen Gegensätze entstehen dort, wo eine einzelne Perspektive auf die Wirklichkeit zur vollständigen Ontologie erklärt wird. Das materielle Muster ist real, doch es ist nicht sein eigener Grund. Die Innenperspektive ist real, doch sie erzeugt keine private Welt unabhängig von allen anderen Perspektiven. Das einzelne Holon ist real, doch seine Individualität entsteht innerhalb eines umfassenderen Zusammenhangs. Das kosmische Ganze ist real, doch es löscht die Differenz seiner Teile nicht aus.

Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung des Wortes evolutionär. Der Evolutionäre Idealismus beschreibt keine statische Hierarchie einer vollkommenen Welt. Wirklichkeit befindet sich in einem fortgesetzten Prozess der Differenzierung, Manifestation und Reintegration. Aus Einheit entsteht Vielheit. Aus Vielheit entstehen neue Formen der Einheit. Jede neue Ganzheit eröffnet weitere Möglichkeiten der Differenzierung. Der Info-Spin beschreibt diesen Grundrhythmus auf der Ebene des einzelnen Holons. Die kosmische Evolution beschreibt ihn auf immer umfassenderen Skalen.

Der Punkt Omega bezeichnet die äußerste Integrationsrichtung dieser Bewegung. Die vielen Perspektiven verschwinden dabei nicht wieder in einer unterschiedslosen Einheit. Eine solche Rückkehr würde die gesamte Evolution bedeutungslos machen. Integration bedeutet vielmehr, dass Differenz erhalten bleibt und zugleich in einen umfassenderen Zusammenhang eingeht. Ein vollendeter Teppich besteht nicht darin, sämtliche Fäden aus ihm herauszuziehen und zu einem einzigen Knäuel zu vereinigen. Seine Einheit besteht gerade darin, dass die Verschiedenheit seiner Fäden ein zusammenhängendes Muster bildet.

Damit schließt sich der Kreis zum Ausgangspunkt dieses Artikels. Wir hatten einen Teppich betrachtet und zunächst nur seine Oberfläche gesehen. Wir entdeckten die Schlaufen und Verknüpfungen, aus denen das sichtbare Muster hervorgeht. Anschließend zeigte sich, dass auch dieses Bild noch zu statisch war. Der Teppich entsteht erst. Seine Schlaufen bilden sich, verbinden sich, erzeugen neue Strukturen und integrieren sich zu immer umfassenderen Mustern. Der Beobachter steht dabei nicht außerhalb dieses Vorgangs. Auch er ist eine dieser Schlaufen.

Die Naturwissenschaft untersucht mit wachsender Genauigkeit die Gesetzmäßigkeiten des sichtbaren Musters. Die Philosophie fragt nach den Bedingungen, unter denen ein solches Muster überhaupt entstehen kann. Die Bewusstseinsforschung untersucht jene Innenperspektive, die sich einer rein äußeren Beschreibung entzieht. Religion und Spiritualität richten seit Jahrtausenden den Blick auf die Einbettung der individuellen Perspektive in eine umfassendere Ganzheit. Keine dieser Erkenntnisformen besitzt für sich allein den vollständigen Teppich. Der Evolutionäre Idealismus versucht, ihre Einsichten dort miteinander zu verbinden, wo sie unterschiedliche Aspekte derselben Wirklichkeit beschreiben.

Materie muss dafür nicht zur Illusion erklärt werden. Bewusstsein muss nicht aus bewusstloser Materie hervorgezaubert werden. Individualität muss nicht zugunsten einer kosmischen Einheit verschwinden. Die kosmische Einheit muss nicht geleugnet werden, um reale Individuen zu erhalten. Kausalität muss nicht gegen Teleologie ausgespielt werden. Wissenschaft muss nicht gegen Spiritualität antreten. Die Gegensätze lösen sich nicht dadurch auf, dass eine Seite gewinnt. Sie erhalten ihren Platz innerhalb eines größeren Zusammenhangs.

Damit entsteht ein anderes Bild der Wirklichkeit als jenes einer gewaltigen Maschine, die seit dem Urknall blind ihre Anfangsbedingungen abarbeitet. Der Kosmos erscheint als ein sich entwickelndes Geflecht von Perspektiven, Beziehungen und zunehmender Integration. Seine materielle Gestalt ist die gemeinsam manifestierte Außenseite dieses Prozesses. Seine geistige Dimension liegt in den Innenperspektiven seiner Holons. Seine Einheit gründet im Urgrund. Seine Geschichte besteht in der fortschreitenden Entfaltung und Integration dessen, was innerhalb dieser Einheit als Möglichkeit angelegt ist.

Wir betrachten diesen Teppich nicht von außen. Wir sind in ihn eingewebt. Jeder Blick auf die Welt erfolgt aus einer seiner Schlaufen. Jede Begegnung verbindet Perspektiven. Jede Wechselwirkung schreibt das Muster weiter. Jede neue Form von Integration erweitert die Möglichkeiten des Ganzen.

Während wir versuchen zu verstehen, was Wirklichkeit eigentlich ist, geschieht daher etwas Eigenartiges: Eine Schlaufe des kosmischen Teppichs beginnt, über den Teppich nachzudenken.

Der Kosmos betrachtet sich durch seine eigenen Perspektiven, erfährt sich in seinen Holons und entwickelt sein Muster durch ihre Beziehungen weiter. Vom Urknall bis zum Punkt Omega ist Wirklichkeit deshalb nicht einfach etwas, das vorhanden ist.

Wirklichkeit ist etwas, das sich ereignet.

Der Teppich liegt nicht fertig vor uns.

Er wird gewebt.

Und wir sind Teil dieses Webens.


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