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Abstrakt:
- Wirklichkeit entsteht aus lokalen Interaktionen zwischen Teilchen und ist nicht global vorgegeben.
- Jede Wechselwirkung bildet eine relationale Wirklichkeit, die nur für die beteiligten Systeme existiert.
- Das Combination Problem erfordert eine Neubewertung: Es geht darum, wie viele lokale Wirklichkeiten eine kohärente Gesamtwirklichkeit bilden.
- Einheit könnte eine bereits bestehende Eigenschaft der Realität sein, nicht das Produkt separater Bewusstseine.
- In der nächsten Analyse wird die Beziehung zwischen Relationen und Einheit weiter untersucht.
Im letzten Beitrag („Was ich unter Bewusstsein verstehe“) habe ich die These vertreten, dass Bewusstsein nicht als spätes Nebenprodukt materieller Prozesse verstanden werden kann. Stattdessen habe ich vorgeschlagen, jede physikalische Wechselwirkung – insbesondere den Quantenkollaps – als rudimentäre Innenperspektive zu deuten. Damit lässt sich die Welt lückenlos beschreiben, ohne die Bruchstelle, die der Materialismus beim sogenannten „harten Problem des Bewusstseins“ hinterlässt.
Doch genau aus dieser Sicht ergibt sich eine neue, zunächst unscheinbare, aber tiefgreifende Frage.
Wirklichkeit als lokales Geschehen
Wenn zwei Teilchen miteinander interagieren, entsteht – so die These – nicht einfach ein objektives Ereignis in einer bereits bestehenden Welt.
Vielmehr entsteht in dieser Wechselwirkung selbst eine Form von Wirklichkeit – als Einheit von Innen- und Außenperspektive. Was wir als „Materie“ beschreiben, ist dabei die Außenansicht dieser Relation; was wir als „Geist“ bezeichnen, ihre Innenansicht. Beides sind keine getrennten Substanzen, sondern zwei Aspekte desselben Geschehens. Daraus ergibt sich eine gemeinsame Zustandsbeschreibung, die nur für die beteiligten Systeme gilt: eine Wirklichkeitsblase, in der sich die Teilchen in ihrem so bestimmten Sein komplementär als Innen- und Außenwelt „erleben“. Tritt ein drittes System in diese Wechselwirkung ein, wird es Teil dieser Wirklichkeit – es wird in das Beziehungsgefüge aufgenommen und verändert es zugleich.
Man kann sich das wie eine Art dynamisches Netzwerk vorstellen:
- Wirklichkeit entsteht lokal in Interaktionen
- Sie ist nicht global vorgegeben
- Sie erweitert sich durch neue Beziehungen
Diese Perspektive ist radikal anders als unsere Alltagserfahrung. Denn wir sind gewohnt, die Welt als eine einzige, objektive Bühne zu sehen, auf der sich alles abspielt. Hier jedoch entsteht die „Bühne“ erst aus den Beziehungen selbst.
Relationale Wirklichkeitsblasen
Wenn man diesen Gedanken weiterführt, ergibt sich ein ungewohntes Bild. Jede Interaktion bildet eine Art lokale Wirklichkeit – eine Perspektive, die nur innerhalb dieser Beziehung existiert.
Man könnte von „Wirklichkeitsblasen“ sprechen:
- Jede Blase ist eine relationale Perspektive
- Sie existiert nur für die beteiligten Systeme
- Sie ist nicht absolut, sondern kontextabhängig
Dieses Bild entspricht bemerkenswert gut modernen physikalischen Ansätzen – etwa in der Schleifenquantengravitation und in Carlo Rovellis relationaler Quantenmechanik –, in denen Zustände nicht absolut sind, sondern immer relativ zu einem anderen System beschrieben werden. Ein Zustand existiert demnach nicht „an sich“, sondern nur in Bezug auf ein anderes physikalisches System.
Realität entsteht nicht in Dingen, sondern zwischen ihnen.
Das eigentliche Problem
Solange man nur einzelne solcher Wirklichkeitsblasen betrachtet, scheint alles konsistent.
Doch sobald man das Ganze betrachtet, entsteht eine neue Frage.
Denn wenn Wirklichkeit immer nur lokal und relational entsteht, dann gibt es keine zentrale Instanz, die all diese Perspektiven zusammenführt.
Keine übergeordnete „objektive Welt“, die als gemeinsamer Referenzrahmen dient.
Und dennoch erleben wir genau das:
- eine stabile Welt
- konsistente Naturgesetze
- eine geteilte Realität
Warum?
Warum zerfällt dieses Netzwerk nicht in unvereinbare Einzelwirklichkeiten?
Das „Combination Problem“ – neu formuliert
Hier zeigt sich das, was in der Philosophie als „Combination Problem“ bezeichnet wird – allerdings in einer verschärften Form.
Es geht nicht mehr nur darum, wie viele kleine Bewusstseine zu einem großen werden – also wie durch Kombination einer großen Zahl einfacher geistiger Grundbausteine (etwa Atomen oder Zellen) das einheitliche, höhere Bewusstsein eines Organismus entstehen kann, anstatt nur einer unzusammenhängenden Ansammlung von vielen primitiven Proto-Empfindungen. Doch auch diese klassische Formulierung bleibt noch im alten Denkrahmen verhaftet: Sie setzt implizit eine einheitliche Bühne voraus, auf der sich das Geschehen abspielt – genau jene Bühne, die sich hier als Illusion erweist.
Es geht um etwas Grundsätzlicheres:
Wie entsteht aus vielen lokalen, relationalen Wirklichkeiten eine kohärente Gesamtwirklichkeit? Warum bildet sich aus diesen Perspektiven eine einheitliche Welt – und nicht nur ein Nebeneinander unverbundener Wirklichkeitsfragmente?
Eine falsche Ausgangsannahme?
Vielleicht liegt der Schlüssel darin, dass wir das Problem falsch formulieren.
Das „Combination Problem“ setzt schon voraus, dass es viele voneinander getrennte Einheiten gibt, die irgendwie „zusammengefügt“ werden müssen.
Doch unsere bisherigen Überlegungen deuten in eine andere Richtung.
Wenn Wirklichkeit nur relational existiert, dann sind diese „Einheiten“ selbst bereits Ergebnisse von Beziehungen. Sie sind nicht das Fundament – sondern das Produkt.
Dann wäre die eigentliche Frage nicht: Wie wird aus vielen Bewusstseinen eines?
Sondern: Warum erscheint uns eine zusammenhängende Wirklichkeit als eine Vielzahl getrennter Perspektiven?
Ausblick: Die Einheit hinter den Relationen
Im nächsten Beitrag werde ich genau an diesem Punkt ansetzen.
Wenn Realität aus Relationen entsteht und diese Relationen keine absolute Trennung kennen, dann stellt sich eine naheliegende, aber weitreichende Frage: Ist die Einheit der Welt nicht bereits vorausgesetzt? Ist sie nicht der Hintergrund, aus dem sowohl die Vielfalt der Perspektiven als auch ihre Kohärenz hervorgehen? Mit anderen Worten: Entsteht Einheit – oder ist sie immer schon da?
Ein möglicher physikalischer Hinweis darauf findet sich in der Wheeler–DeWitt-Gleichung, in der die Gesamtzustandsfunktion des Universums zeitlos beschrieben wird (H^Ψ=0). In dieser Perspektive existiert Wirklichkeit nicht als Abfolge von Momenten, sondern als Zustandsraum im Hilbertraum – als eine strukturierte, zeitlose Matrix möglicher Relationen. Was wir als Zeit erleben, entsteht erst aus der Perspektive einzelner Teilsysteme, die innerhalb dieser Matrix bestimmte Korrelationen als „Vorher“ und „Nachher“ interpretieren.
Und vielleicht stellt sich am Ende heraus: Wir sind keine getrennten Beobachter, die sich erst zu einer Einheit verbinden müssen – sondern Ausdruck einer Einheit, die uns bereits vorausgeht.

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